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Salzachbrücke

Das Gift C3H8NO5P – besser bekannt als Glyphosat

In den 70er Jahren unter dem Handelsnamen „Round up“ eingeführt, kann dieses wurzeltief wirksame Herbizid auf eine weltweite Karriere blicken. Tonnenweise versprüht, vor allem in Pflanzgebieten von gentechnisch verändertem Soja. Doch es erfreut auch hierzulande manchen Unkraut-Feind, ob Profi oder Hobby-Gärtner.

 

Sylvia Nachtmann

 

Glyphosat ist das meistgespritzte Unkrautvernichtungsmittel Deutschlands. Da die EU-Genehmigung glyphosathaltiger Produkte (gut 80 an der Zahl, unter diversen Namen) nun ausläuft, stand eine EU-Abstimmung über die Wiederzulassung für weitere 15 Jahre bevor.

Der ursprünglich für Ende Juni 2016 angesetzte Abstimmungstermin wurde auf Anfang März d. J. vorverlegt. Ein Schelm, wer an Überrumpelung dachte. Da einige Staaten (Frankreich, Schweden, Italien und die Niederlande) Widerstand gegen die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung erkennen ließen und somit keine Mehrheit für den Vorschlag der EU-Kommission zustande gekommen war, wurde die Abstimmung vertagt. Deutschland enthielt sich der Stimme, Österreich unterstützte bis zuletzt die Verlängerung der Glyphosat-Zulassung.

 

WAS WERDEN UNSERE ENKEL VORFINDEN?

Ein besorgter Leser hatte sich vor einigen Wochen an die SALZACHbrücke gewandt und wir nahmen das brisante Thema gerne auf. Raimund Kirchweger aus Oberndorf nützt seine Zeit als Pensionist für die Zukunft und engagiert sich für nachkommende Generationen und unsere Umwelt im Allgemeinen: „Was werden unsere Enkel und Urenkel vorfinden? Müssen sie in einer gesundheitsgefährdenden Umgebung aufwachsen? Wir tragen Verantwortung!“ In seiner Jugend durch den Einsatz des Entlaubungsmittels  „Agent Orange “ im Vietnamkrieg sensibilisiert, beobachtet er seit Langem den Umgang mit chemischen Substanzen, die nach seinem Dafürhalten wie im Extremfall Glyphosat keine Pflanzen-„schutzmittel“, sondern Tötungsmittel sind – „ob an Bahndämmen oder Straßenrändern“. Kirchweger ist fasziniert vom Planet Erde, vom Element Wasser und Lebens-Mitteln, die diesen Namen verdienen und glaubt an die „Macht von unten“, wenn es darum geht, Missstände anzuprangern.

 

DEMOKRATISCHER DRUCK „VON UNTEN“ – JEDER KANN ETWAS TUN

Wie man sieht, haben europaweite Kampagnen und Bürger-Petitionen sowie Klagen der Umweltorganisation Global 2000 gegen die Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA), das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und gegen den US-Saatgutkonzern Monsanto ein längst „sicheres“ Vorhaben der EU-Kommission zumindest zur Vertagung gebracht.

Kirchweger, der gelernte Fotograf mit beruflichen Stationen im In- und Ausland, macht es als Einzelperson vor: „Ich informiere mich und verteile die wichtigsten Infos unter Freunden, in der Hoffnung auf einen Schneeballeffekt.“ Dazu empfiehlt er, möglichst viele Politiker und Entscheidungsträger per Mail zu kontaktieren, damit sie merken, „dass die Bevölkerung wachsam ist“. Über seine Kontakte mit Tschechien ist er immer besser vernetzt, „jeder kann in seinem Kreis etwas unternehmen“, sagt Kirchweger, der sich heute Kunstprojekten, Filmen und Installationen widmet.

 

GEFAHREN UND VERDACHTSMOMENTE

In der Medizin gilt der Grundsatz „Vorsorge bei Verdacht“ als eines der Prinzipien der Prävention.

In Zusammenhang mit Glyphosat gibt es eine Vielzahl von Verdachtsmomenten, wie sich dieses Pestizid auf Mensch und Tier auswirkt. Die EFSA hat die Gefährdung der Umwelt durch Glyphosat bestätigt, verneint jedoch die Krebsgefahren, die im März 2015 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „wahrscheinlich krebserzeugend bei Menschen“ eingestuft wurden. Befürworter stoßen sich an dem Wort „wahrscheinlich“ und deuten diese Beweis-Schwäche als Freibrief für weitere Glyphosat-Anwendung. Hingegen wird in zahlreichen und ausführlichen Dokumentationen über gesundheitliche Störungen bis hin zu Missbildungen und rätselhaftem Tiersterben berichtet – nicht nur in Gegenden mit hohen Glyphosat-Einsätzen wie etwa Argentinien. Ausführliche Berichte befassen sich mit Erkrankungen, Missbildungen und Behinderungen von Kindern, als deren Ursache Glyphosat vermutet oder gar festgemacht wird.

 

NACHGEWIESEN IN GRUNDWASSER, MUTTERMILCH UND URIN, IN BIER, BROT UND GEBÄCK ...

Prof. Dr. Monika Krüger von der Universität Leipzig forscht seit Jahren über Glyphosat.

Ihr Resümee: Dieses Breitbandpestizid ist für den Menschen noch weit gefährlicher als bisher angenommen. Die Wissenschaftlerin stellt einen Zusammenhang zwischen Glyphosat und Krankheiten wie Autismus, Fettsucht, Demenz, Zöliakie, Morbus Crohn, Nierenversagen, Krebs und eingeschränkter Fruchtbarkeit her, ausgelöst durch Veränderungen der Darmflora.

Auch durch den Import von genveränderten Futtermitteln (die gegen Glyphosat resistent sind und damit den großflächigen Einsatz des Gifts erlauben) gelangt es in unsere Nahrungskette. 70 Prozent der Deutschen, so Krüger, hätten das Zellgift Glyphosat im Urin. Bei Tieren verursache die Chemikalie Fehlgeburten und Missbildungen, sie sei höchstwahrscheinlich für die Botulismus-Krankheit bei Rindern verantwortlich. Sogar über Luft und Regen werde das Gift verteilt.

In Spanien wurde es im Grundwasser nachgewiesen, und Glyphosat aus Getreide übersteht den Backprozess, so dass auch in unserem Brot Glyphosat-Rückstände nachgewiesen wurden.

Und trotz deutschem Reinheitsgebot: In 14 Biersorten entdeckte das Umweltinstitut München e.V. Glyphosat-Rückstände. Im Extremfall sogar 300-fach über dem gesetzlichen Grenzwert für Trinkwasser. Das Umweltinstitut: „Bei krebserregenden und hormonwirksamen Stoffen gibt es keine Untergrenze, unter der sie sicher sind. Sie können selbst in kleinsten Mengen eine gesundheitsschädigende Wirkung entfalten.“ Kein Wunder, wenn sich besorgte Bürger fragen, auf welchem Weg wir in die Zukunft gehen.

 

GEMEINDEN GEHEN MIT GUTEM BEISPIEL VORAN

Manche Gemeinden verzichten auf Glyphosat, einige haben auf unsere Anfrage geantwortet. Die Stadtgemeinde Tittmoning erklärt ihre Einstellung so: „Wir sind Mitglied in der Ökomodellregion und haben uns daher zum Verzicht auf Pflanzenschutzmittel verpflichtet“.

Wagings 1. Bürgermeister Herbert Häusl teilt mit, „die Marktgemeinde Waging am See benutzt schon seit vielen Jahren keinerlei Pflanzenschutzmittel mehr. Der gemeindliche Bauhof regelt die notwendigen Arbeiten mit Unkrautbesen etc.“ Auch in der Stadt Laufen wird kein Glyphosat verwendet. Aus Oberndorf wurde gemeldet: „Bereits seit dem Jahre 2014 wird aus Umweltschutzgründen kein derartiges Produkt mehr zur Unkrautbekämpfung aufgebracht. Wir haben derzeit ein biologisches Unkrautvernichtungsmittel in Verwendung.“

Die Stadt Freilassing verzichtet komplett auf chemische Unkrautvernichtungsmittel, seit sich der Bauhof vor zwei Jahren zur Anschaffung eines Heißwasserwildkrautbekämpfers entschieden hat.

 

Thermische Unkrautbekämpfung

In den drei Flachgauer „e5-Gemeinden“ (energieeffiziente Gemeinden) Neumarkt, Henndorf und Seekirchen setzt man neuerdings ebenfalls auf thermische Unkrautbekämpfung, um auf das bisher verwendete Glyphosat verzichten zu können. Andreas Burger, Bürgermeister von Neumarkt: „Wir haben ein Heißdampfsystem auf einem Kleintraktor aufgebaut. Gestartet wird im April mit der Einschulung der Bauhofmitarbeiter.“

Wo Unkräuter/Wildkräuter/Beikräuter keinen Schaden anrichten, sollen sie weiterleben und manchem Nützling Unterschlupf bieten.

Für nichtchemische Verfahren zur Unkrautbekämpfung auf befestigten Flächen stehen neben diversen Dampfhochdruckgeräten auch Infrarot-, Heißluft- und Abflammverfahren zur Wahl. Mechanisch geht’s mit Wildkrautbürsten, Walzen und Stachelrotoren ...

 

VIELE THEMEN WARTEN AUF BEACHTUNG

Freiwillig verzichten kann auch jeder Hobby-Gärtner, ja, man kann es darüber hinaus Raimund Kirchweger gleichtun – sich informieren und gewonnene Erkenntnisse weiterleiten, bis hin an die entscheidenden Stellen und Personen. Und sollte nach einer künftigen Abstimmung über eine Wiederzulassung kein Glyphosat mehr erhältlich sein, werden aktive Bürger die Hände nicht in den Schoß legen – es gibt vieles aufzudecken, ob dubiose Inhaltsstoffe in unserem Essen und im Wasser, in Kosmetika und Kleidung, ob viel zuviel Plastik, Unmengen von Abgasen und Urassen mit seltenen Erden und tropischen Hölzern, Elektrosmog, Tierschutz und Diversität, Klima- und Meeresschutz ... es gibt reichlich zu tun!

Informationen:
www.bund.net
http://www.umweltinstitut.org
mit Online-Unterschrift-Möglichkeit

Information über biologische Unkrautvernichtung:
Vor zwei Jahren hat sich der Bauhof der Stadt Freilassing zur Anschaffung eines Heißwasserwildkrautbekämpfers entschieden. Das sogenannte WAVE bietet wesentliche Vorteile in der Unkrautbekämpfung:
  • Durch die Tiefenwirkung von heißem Wasser ist die WAVE-Methode äußerst effizient. Schon mit relativ wenigen Durchgängen kann das ganze Jahr hindurch ein sauberes, gleichmäßiges Straßenbild erreicht werden. Dabei wird zu niedrigen Anwendungskosten eine hohe Qualität geliefert.
  • Heißes Wasser kann gezielt aufgebracht werden. Es hat eine hohe Wärmeleitfähigkeit und schädigt so auch die Wurzel des Wildkrauts. Dadurch reicht eine durchschnittliche Pflegefrequenz von nur 3 bis 4 Durchgängen pro Jahr. WAVE ist die einzige Methode, die das Wildkraut auch tatsächlich zurückdrängt – ohne dabei Energie zu verschwenden.
  • Da lediglich Heißwasser unter niedrigem Druck aufgebracht wird, ist WAVE für alle befestigten oder wassergebundenen Wege geeignet. Der Reifendruck der Anbaugeräte kann mit Spezialreifen verringert werden. Selbst die Behandlung von Kunstrasen ist möglich.
  • Durch den niedrigen Druck des aufgebrachten Wassers kann gezielt, ohne Schaden, bis an die Haustür gearbeitet werden. Die handgeführten Seitendüsen ermöglichen es, Wildkraut auch am Randstein oder an Mauern entlang zu bekämpfen. Es gibt keine Brandgefahr, keine Staubbelästigung und es bleiben keine Stahlteilchen zurück.
 
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