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Jugendliche vor dem Selbstmord schützen

Die Reduzierung der Selbstmordrate ist Ziel des Programms "lebenswert – Suizidprävention in Schulen". Dieses Programm wurde in Zusammenarbeit mit der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg und der Pädagogischen Hochschule Salzburg entwickelt und wird seit März 2011 in Schulen des Landes Salzburg eingesetzt.

Teilnehmende Schulen sind zwölf Schulen der "Modellregion Flachgau 1" und fünf Landesberufsschulen. Das Programm bietet Schülerinnen und Schülern wertvolle Hilfe in Lebenskrisen, die ausgewählten Schulen arbeiten engagiert mit. Darüber berichtete Bildungsreferentin Landeshauptfrau Mag. Gabi Burgstaller heute, Freitag, 15. April, bei einem Informationsgespräch in Salzburg.Wenn es an Schulen zu Krisen kommt beziehungsweise sich ein junger Mensch das Leben genommen hat, ist man fassungslos, und es drängen sich Fragen auf: Wie hätte man das verhindern können? Wer hat welche Fehler gemacht?

Das Projekt "lebenswert" bietet die Chance, innerhalb von Schulprojekten eine nachhaltige, tragfähige Struktur für die Schule in der Krisenintervention aufzubauen. Es bietet die Chance, dass Schülerinnen und Schüler jetzt und später als Erwachsene wertvolle Hilfe in Lebenskrisen bieten können und auch im Falle einer eigenen psychischen Erkrankung die Warnsignale erkennen und Hilfe beziehungsweise Behandlung in Anspruch nimmt. Die Kosten von etwa 70.000 Euro werden vom Bildungsressort der Landeshauptfrau übernommen.

Das schulische Programm zur Suizidprävention "lebenswert" ist ganzheitlich und nachhaltig aufgebaut. Alle an der Schule befindlichen Personen werden einbezogen. Das Projekt umfasst alle Ebenen, von sozialer Kompetenz über Sekundärprävention (Umgang mit Suizidgefahr), Tertiärprävention (richtiges Verhalten nach einem Suizid). Nachhaltig ist das Projekt deshalb, weil an der Schule Strukturen, die bestehen bleiben, geschaffen werden.
Das Programm richtet sich an Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Schulen und umfasst neben Informationsbroschüren auch methodisch-didaktisches Material für die Arbeit an Schulen. Ziel von "lebenswert" ist es, die Schülerinnen und Schüler als wesentliche Helferinnen und Helfer in Krisen anzusprechen. Jugendliche erkennen meist zuerst Krisen bei ihren Mitschülerinnen und Mitschülern und können rasch helfen. Mit der ABS-Regel (Achte auf die Warnsignale – Bleib in Beziehung – Sage es einem Erwachsenen) und einer Notfallkarte für alle Schülerinnen und Schüler wird Hilfe angeboten.

Bundesland Salzburg setzt Maßstäbe


Die Broschüren zum Projekt sind ein Leitfaden für das konkrete Handeln in Krisensituationen und das erste Suizidpräventions-Programm für Jugendliche im Alter zwischen 13 und 17 Jahren im deutschen Sprachraum. Präventive Arbeit bei jungen Menschen ist ein unverzichtbares Ziel sowohl in der medizinischen als auch in der pädagogischen Arbeit und entspricht der Zielsetzung des Landesgesundheitsforums Salzburg, der Reduzierung der Selbstmordrate.
Während andere Bundesländer noch in der Phase der Vorarbeiten für Suizidpräventions-Programme stehen, fördert das Bundesland Salzburg neben der Entwicklung des Programms "lebenswert", das Ende 2008 fertig gestellt wurde, die Umsetzung in Schulen. Die Bildungsabteilung des Landes und der Landesschulrat für Salzburg setzten für die Umsetzung zwei Schwerpunkte: die "Modellregion Flachgau 1" und die Landesberufsschulen im Land Salzburg.

Die "Modellregion Flachgau 1" umfasst alle Schulen (Hauptschulen, Polytechnische Schulen, Landesberufsschulen sowie alle allgemeinbildenden und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen) zwischen Straßwalchen und Eugendorf. Grund für die Auswahl dieses Gebietes ist eine überdurchschnittlich hohe Rate von Suiziden und Suizidversuchen von Jugendlichen in diesem Gebiet. Besonders positiv ist der Einsatz des Programms "lebenswert" an Berufsschulen, weil Jugendliche in den verschiedenen Berufsausbildungen ähnliche Krisensituationen erleben wie alle übrigen Schülerinnen und Schüler. Zur Vermittlung des Programms und als Hilfestellung für Lehrkräfte werden rund 15 ausgebildete Moderatorinnen und Moderatoren angeboten. Diese können auch als Referentinnen und Referenten für Elternabende angefordert werden. Ebenso wurden alle Beratungs-Lehrkräfte im Bundesland Salzburg in einer Landestagung über das Projekt informiert und alle Materialien erläutert.

Im Sommersemester 2011 sollen rund 80 Klassen in 17 Schulen erfasst werden (zirka 2.000 Schülerinnen und Schüler). Teilnehmende Schulen sind in der "Modellregion Flachgau 1" die Hauptschulen Straßwalchen, Neumarkt am Wallersee, Köstendorf, Henndorf am Wallersee, Seekirchen am Wallersee und Eugendorf, die Polytechnischen Schulen Neumarkt und Wals-Siezenheim, das Bundesoberstufenrealgymnasium Straßwalchen sowie die Höhere Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Berufe Neumarkt, die Handelsakademie Handelsschule Neumarkt und das Bundesgymnasium Seekirchen sowie die Landesberufsschulen Wals, LBS 5, LBS 6, Zell am See und Kuchl.

Reinhold Fartacek: Krisen erkennen und bewältigen


"Das Projekt ‘lebenswert‘ wurde von Experten in Suizidprävention, Dr. Martin Plöderl und Dr. Reinhold Fartacek, gemeinsam mit Pädagogen, Prof. Dr. Herbert Fartacek, entwickelt. Die praktische Anwendbarkeit erwächst aus dieser interdisziplinären Zusammenarbeit", berichtete Dr. Reinhold Fartacek. "Mit diesem Programm erlernen die Schüler, wie man Krisen erkennen und bewältigen kann. Sie werden in erster Linie als wertvolle Helfer in Krisen angesprochen, in der Hoffnung, dass die erlernten Bewältigungsstrategien auch beim Durchleben eigener Krisen wirksam werden. Durch die Einbeziehung der Eltern steigt auch die Chance, dass familiäre Krisen konstruktiv bewältigt werden können."

Herbert Fartacek: Damit das Leben wieder lebenswert wird


"Abgebrochene Freundschaften, Probleme mit den Eltern, Schulden wegen Spielsucht – für Jugendliche sind das häufig Gründe, im Leben keinen Sinn mehr zu finden. Die Situation scheint ausweglos, der Weg in den Tod die einzige Lösung", skizzierte Prof. Dr. Herbert Fartacek von der Pädagogischen Hochschule Salzburg ein mögliches Szenario. "Die Eltern sind ratlos und die Lehrer in den Schulen erschüttert, weil es anscheinend keine Vorzeichen gab für die Verzweiflungstat. Eine Welt ist zusammengebrochen, was bleibt sind die Selbstvorwürfe und Schuldgefühle aller Betroffenen, nicht früher die Warnsignale erkannt zu haben. Etwas gereizter, aggressiv und dann wieder eher teilnahmslos war der Jugendliche, immer weniger Freunde kamen zu ihm – das habe man mit Pubertätsproblemen erklärt. Und die Probleme mit den schulischen Leistungen habe man nicht so ernst genommen, die hat es ja immer wieder gegeben. Außerdem wisse man ja viel zu wenig über Selbstmord und warum Menschen einfach nicht mehr leben wollen. Wie überall wird der Tod gerne verdrängt, er passt einfach nicht zum jugendlichen Leben, er bleibt in der Gesellschaft ein Tabuthema. Die Hilfeschreie zu erkennen, in Kommunikation zu bleiben und Hilfen anzubieten – das ist der Kernpunkt des Suizidpräventionsprogramms lebenswert", Herbert Fartacek.

Salzburger Landeskorrespondenz