. .
Werbung

Wir wissen es nicht...

Gegen Jahresende hielt Mag. DDr. Sylvia Falter auf Einladung der Gesunden Gemeinde Hochburg-Ach einen Vortrag über Gentechnik. Dabei ging es nicht um praktische Tipps für Landwirte, die der Agrargentechnik misstrauen, sondern um eine verständliche Erläuterung grundsätzliche Details dieser noch jungen Wissenschaft, die uns alle angeht.
Ursprünglich als Lehrerin ausgebildet, begann die Mutter dreier Kinder das Studium der Biologie und war anschließend als Genetikerin in der Krebsforschung am St. Anna Kinderspital in Wien tätig. In diesem Bereich sah sie sich zunehmend mit ethischen Fragen konfrontiert, bis sie sich dazu entschloss, die Gentechnik „denen zu überlassen, die davon überzeugt waren“. Gleichzeitig mit ihrer Tochter begann sie 1998 das Studium der Medizin und arbeitet heute als Ärztin am Landesklinikum Waldviertel Horn.
Für die Gentechnik ergeben sich sehr viele begrüßenswerte Einsatzmöglichkeiten, vor allem in der Medizin. Solange gentechnisch gesteuerte Vorgänge in Hochsicherheitslabors stattfinden, hat die Wissenschaftlerin nichts dagegen einzuwenden.
Kritisch wird der Einsatz der Gentechnik im „freien Land“, sprich in der Natur, wo sich gentechnisch veränderte Organismen (GVO) ungehindert vermehren und auskreuzen können. Das betrifft die Agrar-Gentechnik. Denn DDr. Falter wiederholt mehrmals den Satz: „Wir wissen es nicht“, selbst die Wissenschaft tappt im Dunkeln, was den unendlichen Variantenreichtum möglicher Auswirkungen auf die Natur, inklusive Mensch, betrifft, und schon gar nicht, wie die Langzeitfolgen aussehen könnten.

Was ist ein Gen?
„Ein Gen ist ein Satz im Buch des Lebens“, ein Träger der Erbinformation, der in je­der einzelnen Zelle vorhanden ist. Dieser DNA-Abschnitt enthält in verschlüsselter Form alle Angaben, was aus der jeweiligen Zelle werden soll – sobald sich die Zelle spezialisiert hat (Leberzelle, Knochenzelle, ...), erfolgt die Zellteilung nur noch nach Bedarf.
Die DNA ist grundsätzlich bei allen Lebewesen gleich, vom ersten Urlebewesen über kleinste Bakterien bis zur „Krone der Schöpfung“, dem Menschen. So tragen wir die gesamte Erbinformation des Lebens in uns.
Diese Gemeinsamkeit der DNA ermöglicht erst die Gentechnik, denn die genetische Information wird von jedem Lebewesen „verstanden“ – so lassen sich Rattengene in Salat einbauen, menschliche Wachstumsgene in Fische, das Gen des Bacillus Thurigiensis (BT), das für die Erzeugung eines Insektengiftes zuständig ist, in Nutzpflanzen einschleusen ...
Die DNA überträgt ihre Informationen auf die RNA, die diese Informationen in Proteine umsetzt – es können Zellen aufgebaut werden, es kann sich um Enzyme handeln, die den Stoffwechsel maßgeblich steuern, es können Knochengerüste entstehen ...
Allerdings kommt es vor, dass von der RNA Informationen zur DNA zurücklaufen, wobei neue „Kreationen“ entstehen, als käme es zu biologischen „Missverständnissen“. Dies ist bei Retroviren der Fall, etwa bei Aids-Viren oder bei Genen, die für die Embryonalentwicklung wichtig sind, dann „abgeschaltet“ werden und plötzlich als krebserregende Onkoviren wieder aktiv werden können.
Gene verfügen über diverse Regulationsmechanismen, etwa als „Antwort“ auf veränderte Umwelteinflüsse. So können z.B. Gene eines Bakteriums mit der Information „Antibiotika-Resistenz“ auf eine andere Zelle und schließlich auf jede nachkommende Zelle weiterübertragen werden. „Das hat schon enorme Ausmaße angenommen“, so DDr. Falter.
Das menschliche Genom umfasst nur 25.000 Gene. Warum so wenig? DDr. Falter greift zu einem simplen Beispiel, dem Wort „Straßenbahnhaltestelle“. Jeder versteht, was gemeint ist. Aber dieses Wort setzt sich aus Einzelteilen zusammen, die jeweils andere Bedeutung haben – Straße, Bahn, Halt, Stelle ... Fügt man etwas hinzu, z. B. „Straßenbahnbedarfshaltestelle“, entsteht eine andere Bedeutung. Ähnlich verhält es sich mit gezielten gentechnischen Veränderungen oder den zufälligen Mutationen, also Veränderungen im Genom oder in einem Virus, die in der Natur passieren – es entsteht etwas anderes, eventuell eine Tumorzelle, eine Krankheit ...

Wir wissen es nicht.
Es gibt auch „Springende Gene“, Transposons, die ihren Platz innerhalb des Genoms verändern können, und – siehe Straßenbahnbedarfshaltestelle – anderes entsteht. Warum? „Wir wissen es nicht.“ Viele Erbinformationen verhalten sich stumm und scheinen sinnlos zu sein. Vielleicht dienen sie nur der Orientierung der Erbinfo – jedes Ei weiß, an welchem Ende der Kopf und an welchem der Schwanz des Kükens entstehen soll. Warum? Was kann geschehen, wenn sich Transposons in gentechnisch veränderten Pflanzen an anderer Stelle platzieren?
Es gibt den vertikalen Gentransfer, also die Weitertragung der Genveränderung auf die Nachkommen. Mittlerweile wurde auch schon horizontaler Gentransfer nachgewiesen: Der Austausch von Genen innerhalb der gleichen Generation und sogar über die Artgrenzen hinweg, also eine Übertragung gentechnischer Veränderungen auf andere Organismen. Auch darüber weiß die Wissenschaft noch wenig. Welche Folgen kann es haben, wenn Menschen gentechnisch veränderte Pflanzen essen oder die Milch von Kühen trinken, die mit gentechnisch verändertem Soja gefüttert wurden? Natürliche Erbinformationen von Pflanzen und Tieren werden stark abgebaut und gelangen kaum in den menschlichen Organismus. Aber wie ist das mit gentechnisch veränderten Pflanzen, deren verändertes Eiweiß wir aufnehmen, das an einem Rezeptor andockt und eventuell als Allergen auftritt? Oder als Hormon Zellen in Aufruhr bringt? DDr. Falter: „Es ist bedenklich, dass der Nachweis derartiger Einflüsse nicht einfach und vielleicht gar nicht möglich ist. Dies zu erforschen ist ein Langzeitprojekt, an dem wir alle teilnehmen – ungefragt.“
DDr. Falter nennt noch ein Beispiel für eine recht junge Erkenntnis. Bis vor wenigen Jahren galt es als Dogma, Infekte könnten nur durch Bakterien oder Viren hervorgerufen werden. „Doch dann kam BSE, der Rinderwahnsinn – vermutlich verursacht durch Prionen, falsch gefaltete Eiweißkörper.“
Welche Überraschungen kommen durch die Genforschung und Gentechnik zum Vorschein?
Ob nach gentechnischen Veränderungen à la longue neue Lebensformen entstehen können – auch das wissen wir nicht.

 

Sylvia Nachtmann