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Salzachbrücke

Ischia in der Vorsaison

Zwei Tage vor Abflug buche ich in einer sympathischen Bleibe im südlich gelegenen Ort Sant’Angelo ein Zimmer und kümmere mich per Internet um den Flug. Spontan rufe ich meine Mutter an, ob sie Lust hat mitzukommen, begeistert vom Reiseziel sagt sie zu. Einen Tag später geht es los.
Wir fliegen von Salzburg über Frankfurt nach Neapel – die Direktflüge von München aus waren schon voll. An unserem Anreisetag verkehren aufgrund starken Wellengangs nur „traghetti“, die großen Lastschiffe, von Napoli nach Ischia. Wegen der wilden See zieht sich die Überfahrt mit zweieinhalb Stunden extrem in die Länge.
Als ich schon fast nicht mehr damit rechne, kündigt der Bootsführer per Lautsprecher als nächsten Halt „Ischgia“ an und ein paar Mädels neben mir äffen den rauen neapolitanischen Dialekt nach und kringeln sich vor Lachen. Mir ist nicht zum Lachen zumute, ich bin seit einer Weile grün im Gesicht. In dem Moment, als meine Füße in Ischia Porto festen Boden berühren, schwöre ich mir, nie, aber wirklich nie wieder in ein Boot zu steigen. Auch auf die Gefahr hin, die Insel in diesem Leben nie mehr zu verlassen.

Il giardino segreto – der geheime Garten
„Ci vediamo piu tardi“ sagen unsere Gastgeber Anna und Mimo von der Albergo „Villa Maria“, als wir nach dem Frühstück zu einer Wanderung aufbrechen: „Wir sehen uns etwas später“. Vor allem der Wind prägt unseren ersten Tag auf der Insel; nachts bin ich etliche Male von ungewohntem Getöse wach geworden – unterhalb der Albergo brachen sich die vom Sturm aufgepeitschten Wassermassen heftig am Steilhang.
Vormittags erleben wir zunächst einen Regenschauer, doch dank des anhaltend starken Westwindes ist dieser nicht von Dauer und bleibt auch der einzige in dieser Woche. Tatsächlich blitzt gegen Mittag eine blanke Sonne hinter Wolkenfetzen hervor und taucht das zuvor bleigraue Meer stellenweise in silbrig-glänzendes Licht. Vor allem näher an der Küste zeigt sich der tosende, Ehrfurcht gebietende Ozean in transparent-türkisgrüner Färbung.
Unsere Wanderung von der Südküste hi­-nauf ins Landesinnere begleitet der rote Kater unserer Herberge und unterhält uns mitteilsam miauend mit seiner brüchigen Stimme. Je weiter wir hochsteigen, desto schmaler wird die Gasse, bis sie schließlich in einen verwilderten Trittpfad mündet. Der Weg endet für uns im verwunschenen Garten eines unbewohnten Hauses mit der schlichten Aufschrift „10“, wo wir ein einsames, entspanntes Sonnen- und Windbad nehmen, mit Blick hinunter auf das Meer und die einst durch eine Unterwasser-­Erup­tion entstandene Halbinsel von Sant’Angelo.

Pittura freska – Achtung, frisch gestrichen!
Abwechselnd mit dicken Wolken begleitet uns ab dem zweiten Tag „il sole“, die Sonne mit frühsommerlicher Kraft. Auf dem Weg zum Hauptplatz hinunter, dem kleinen Porto, zeigen die Inselbewohner reges Treiben: Überall tauchen Männer ihre Pinsel in weiße oder blaue Farbe und putzen den Ort für die unvorstellbare Flut von jährlich sechs Millionen Touristen heraus, die in den kommenden Wochen erwartet wird. Wir sind dank des wechselhaften Wetters in unserer Urlaubswoche mit den Einheimischen fast alleine.
Auch die berühmten Thermalanlagen von Sant’Angelo sind noch verwaist – in den Poseidon- und Aphrodite-Gärten sitzen nur Katzen und putzen sich zierlich die Pfoten. Dennoch spazieren wir täglich an den Strand: Wer genau hinschaut, entdeckt aus dem grobkörnigen Lavasand aufsteigende Rauchsäulen – die berühmten „Fumarole“. In ihrer Nähe riecht es nicht nur schwefelig, der Sand ist außerdem warm bis heiß. Hier lässt es sich herrlich aushalten, auch wenn die Luft bereits kühl vom Meer he­reinweht.

Giudare la macchina – Auto fahren auf Ischia
Um den ischiatischen Straßenverkehr live mitzuerleben, lohnt es sich wirklich, ein Auto zu mieten. Wir zahlen für einen Tag beim Verleih in Forio 30 Euro und bekommen einen – natürlich völlig verbeulten – Kleinwagen.
Autoverkehr auf Ischias Straßen findet ähnlich statt wie in Deutschland: vorwiegend rechts. Das war´s dann aber auch mit den Gemeinsamkeiten. Erste Regel: man schaut sich an beim Fahren – Gesten, Blicke, Kopfnicken sind wichtiger als der Blinker. Ist jemand zu langsam unterwegs, so wird die kleinste Lücke zum Überholen genutzt, auch wenn man dann – ganz entspannt übrigens – zu dritt nebeneinander unterwegs ist.
Stellenweise ist das natürlich-kommunikative Benutzen der Autohupe verboten – eigene Schilder weisen darauf hin. Vermutlich gilt das Verbot nur für Touristen; die Einheimischen halten sich jedenfalls selten daran.

Il vecchio castello – das alte Schloss
Nicht versäumen sollte man den Besuch des Castello Aragonese. Der langsame Aufstieg „per pedes“ lohnt, es gibt aber auch einen Lift. Ein malerischer Orangengarten vor dem ehemaligen Kloster lädt zum Verweilen und Umherblicken ein: Ischia Ponte, der Monte Epomeo und der unglaublich blau-türkise Golf von Neapel rauben dem Betrachter schier den Atem.
Ganz oben im Castello treffen wir auf Iris, die vor 30 Jahren von Deutschland weggegangen ist und seitdem in Ischia Ponte lebt. Sie ist Führerin auf dem halb zerstörten und in diesem Zustand erhaltenen Schloss und zeigt uns die Katakomben mit den vor rund zwölf Jahren freigelegten Fresken: Arbeiten aus dem 11., 14. sowie dem 16. Jahrhundert, romanische Kunstwerke, die barock übermalt wurden, und außerdem ebenfalls teils freigelegte romanische Säulen und Gewölbe, denen einst ein Barockmantel angelegt wurde. „Non toccare“ heißt es bei Gemälden, Tonscherben und sonstigen Kunstgegenständen, die außerdem im Castello zu sehen sind: nicht anfassen!
Nach einem Tag voll Trubel gönnen wir uns ein kleines Essen mit viel Öl und Knoblauch und schreiben einige Postkarten mit dem bisher Erlebten voll. Francobolli, also Briefmarken, gibt es nur im Tabacchi-Geschäft, und wer nach gelben Briefkästen Ausschau hält, hat Pech: diese sind knallrot lackiert.

Domenica Soleggiata – Sonn-Tag
Günstig und flott über die ganze Insel kommt man mit dem Bus, der jede halbe Stunde in beide Richtungen fährt. Pro Richtung kostet das Ticket 1,90 Euro an der Verkaufsstelle, 2,50 Euro direkt beim Fahrer. Den klar blauen, sonnigen Sonntag möchten wir noch einmal im Ort Ischia genießen.
Heute wird hier der Aufstieg in die Fußball-C-Liga gefeiert: Überall sind die Straßen mit gelben und blauen Bändern geschmückt. Jeder lacht, alles ist draußen unterwegs, fast jedes Geschäft ist „aperto“. Um einiges ruhiger ist es im großen Piniengarten, der nicht nur die typische Baumart, sondern auch Zyklamen und allerlei andere Frühblüher zu bieten hat.
Vor allem der gelb blühende Ginster gedeiht wie Unkraut überall auf der Insel, sein honigsüßer Duft mischt sich in die Meeresbrise. Mannshohe Agaven mit dicken, fleischigen Blättern, Oleander und Pinien sind typisch mediterrane Vegetation. Zierliche schwarze Hummeln, bräunlich gemusterte Schmetterlinge und die wieselflinken, grünlich getarnten Eidechsen lassen sich immer wieder beobachten.
Allzu schnell verging die Woche. Zum Abschied schenkt uns Mimo zwei Gläser seiner herb-süßen, selbstgemachten Orangenmarmelade, die uns beim Frühstück so geschmeckt hat. Die Rückreise führt mit dem Schnellboot über ein spiegelglattes, ruhiges Meer in einer Dreiviertelstunde nach Neapel, wo wir mit dem Taxi für sechs Euro an den Aeroporto fahren. Napoli, Frankfurt, Salzburg, Laufen – die Heimreise ist anstrengend und begeistert meinen Magen wieder nicht sonderlich.
Trotzdem: Ischia, ci vediamo! …wir sehen uns wieder.
 
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