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Salzachbrücke

Darmspiegelungen können großes Leid ersparen

Als größtes Organ innerhalb des Körpers hat der Darm lebenswichtige Aufgaben zu erfüllen. So arbeitet er für uns Tag und Nacht, unermüdlich, ohne unser bewusstes Zutun.
In dem circa sieben Meter langen „Schlauch“ spielen sich komplexe Vorgänge ab. Gleich an den Magen schließen sich bis etwa fünf Meter Dünndarm an, dann folgen cirka 1,5 Meter Dickdarm und den Abschluss bilden 15 bis 20 Zentimeter Mastdarm, der mit dem äußeren Schließmuskel und After endet.
Kurz gefasst geht es im Darm um „Aufnahme und Ausscheidung“ – Nährstoffe werden aus der Nahrung aufgenommen, Unverdautes wird ausgeschieden. Doch das ist nicht alles.

„SITZ DER GESUNDHEIT“
In fernöstlicher Medizin wird der Darm gerne als „Sitz der Gesundheit“ bezeichnet.
Da im Darm 80 Prozent aller Abwehrzellen angesiedelt sind, gilt er als unser größtes Immunorgan. Eine gesunde Darmflora, dieses komplexe und dynamische bakterielle Ökosystem innerhalb unseres Körpers, schützt wie ein lebender Schutzwall die Darmschleimhaut vor dem Einnisten unliebsamer und schädigender Bakterien. Ein nimmermüder Darm ist ständig in Bewegung, durch die Peristaltik treibt er den Speisebrei voran. In einem trägen Verdauungssystem oder gar bei Verstopfung kann das Wachstum unerwünschter Bakterien ansteigen. Daher ist regelmäßiger Stuhlgang erforderlich, um Stoffwechselprodukte und giftige Stoffe auszuscheiden.

ABER AUCH: SITZ VON KRANKHEIT
Im Gegensatz zum Dünndarm, in dem Tumore nur äußerst selten bösartig sind, können sich in Dickdarm- und Mastdarm wesentlich häufiger bösartige Tumore entwickeln. Darmkrebs zählt zu den häufigsten Krebserkrankungen – bei Männern nach Prostata- und Lungenkrebs an dritter Stelle und bei Frauen nach Brustkrebs als zweithäufigste Krebserkrankung.
In Österreich werden jährlich 5.000 Darmkrebs-Neuerkrankungen bzw. 3.000 Todesfälle registriert. In Deutschland belaufen sich die Zahlen auf mehr als 73.000 Erkrankungen pro Jahr, fast 30.000 Patienten sterben an Darmkrebs – hier gilt Darmkrebs als zweit­häufigste Krebsform.

ERSCHRECKENDE ZAHLEN
Die Zahlen erschrecken – doch sie können gesenkt werden, wie sich im Land Vorarlberg zeigt: Hier gelang es, die Neuerkrankungen um gut 30Prozent gegenüber dem Österreich-Durchschnitt zu senken. Der Grund dieser Entwicklung: Gezielte Aufklärung und Motivation der Bevölkerung, Vorsorgedarmspiegelungen durchführen zu lassen.
Ein Hoffnungsschimmer im Bezug auf ganz Österreich: Seit Einführung der Gesundenuntersuchung ist die Inzidenz, also die Anzahl der Darmkrebs-Neuerkrankungen rückläufig – im Gegensatz zu allen anderen Formen von Krebs.

AB 50: DARMSPIEGELUNG
Die Österreichische Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH) empfiehlt: Ab dem 40. Lebensjahr jährlich Hämoccult-Test auf verstecktes Blut im Darm, ab dem 50. Lebensjahr die erste Darmspiegelung/Koloskopie. Für Patienten ab 50 Jahren werden laut Auskunft der Salzburger Gebietskrankenkasse die Kosten  im Rahmen der Vorsorgeleistung übernommen. Weitere Darmspiegelungen im Abstand von fünf bis sieben Jahren, vorausgesetzt der Befund war unauffällig. Gibt oder gab es bei erstgradig Verwandten Fälle von Darmkrebs oder bestehen chronische Darmentzündungen (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn), ist von einem erhöhten Risiko auszugehen, an Darmkrebs zu erkranken, weshalb in diesen Fällen ebenfalls zu regelmäßigen Koloskopien geraten wird.

SCHLEICHENDE ENTWICKLUNG
Dr. Ludwig Scharinger, Facharzt für Innere Medizin am Krankenhaus Oberndorf mit Wahlarztpraxis in Nussdorf, ist unter anderem schon seit Jahren nahezu täglich in der Endoskopie tätig.
„Die Entwicklungsstadien von Darmkrebs sind bekannt: Aus einer winzigen Polypenknospe wächst langsam, in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren, ein Polyp bis zu mehreren Zentimetern Größe heran. Im Laufe ihres Wachstumes können Zellen schließlich entarten, es entsteht ein Karzinom“, so Dr. Scharinger.
Der Patient hat während einer derartigen Entwicklung keine Beschwerden. Symptome treten meist erst dann auf, wenn der Tumor bereits weit fortgeschritten ist. „Verstecktes“ Blut im Stuhl kann ein früher Hinweis auf eine Darmerkrankung sein. Dr. Scharinger: „Der Blut-Nachweis erfolgt durch den kassenüblichen Hämoccult-Test (die bekannten ,Briefchen’), der eine hohe Spezifität für Blut im Stuhl, eine mäßige Sensitivität für Karzinome und nur geringe Sensitivität für Polypen hat.“

APPELL AN DIE BEVÖLKERUNG
Deshalb richtet Dr. Scharinger einen Appell an die Bevölkerung, das Angebot der Vorsorgedarmspiegelungen anzunehmen: „Mit regelmäßiger Darmspiegelung können Frühstadien rechtzeitig erkannt und Polypen abgetragen werden.“ Leider werde diese Form der Vorsorge noch nicht ausreichend akzeptiert, obwohl laut Scharinger kein Grund für eine Scheu vor der heute üblichen „sanften Koloskopie“ besteht. Dr. Scharinger beruhigt: „Die Techniken wurden verfeinert und unterstützt von Beruhigungs- und eventuell Schmerzmittel bekommt der Patient von der Untersuchung nichts mit.“

SANFTE KOLOSKOPIE
Koloskopien werden in Krankenhäusern und spezialisierten Arztpraxen durchgeführt.
Am Krankenhaus Oberndorf läuft schon seit vielen Jahren ein Darmkrebs-Vorsorgeprojekt als groß angelegte Studie. Es konnten dadurch bereits in sehr vielen Fällen Frühstadien von Darmkrebs noch rechtzeitig erkannt und erfolgreich behandelt werden.
Der Ablauf: am Vortag beginnt nachmittags die Darmreinigung mit einem aufgelösten Granulat und mehreren Litern Flüssigkeit. Am nächsten Morgen kommt der Patient zur Untersuchung, währenddessen alle Kreislaufparameter am Bildschirm überwacht werden. Der Arzt führt einen biegsamen Schlauch mit einem Durchmesser von circa einem Zentimeter ein und überprüft die Darmwände bis zum Übergang in den Dünndarm. Vorhandene Polypen werden bei der Untersuchung abgetragen, kleinere mit einer Zange, größere mit einer Elektro-Schlinge.
Nach der Untersuchung werden die Patienten im Aufwachraum noch überwacht. Wurden größere Polypen abgetragen, wird dem Patienten aufgrund eines bestehenden Nachblutungsrisikos noch eine Nacht im Krankenhaus angeraten.
Dr. Scharinger: „Man sollte sogar gerne zur Vorsorge-Darmspiegelung gehen! Wenn alle hingingen, könnte viel Unheil erspart bleiben und die Häufigkeit von Darmkrebserkrankungen dramatisch verringert werden!“

DARM ALS TABU-ZONE?
Tja, warum gehen so wenige zur Koloskopie? Die Angst vor dem Untersuchungs-Procedere kann es laut Dr. Scharinger heute nicht mehr sein. Woher die Scheu? Der Darm als Tabu-Zone? Die Angst vor einem schlimmen Befund? Dr. Scharinger und all seine Kollegen ermutigen, jedwede Ängste vor einer Darmspiegelung zu überwinden.
Auch eine bewusst gesunde Lebensweise kann einer Entstehung von Darmkrebs entgegenwirken: ballaststoffreiche und fettarme Kost, wenig rotes Fleisch verzehren, Vermeidung von Übergewicht und Diabetes Typ 2 – allerdings ohne Gewähr, nicht doch zu erkranken.

Sylvia Nachtmann
 
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