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Salzachbrücke

Schwindel, Migräne, Kreuzweh - daran soll ein Kiefergelenk Schuld sein?

Probleme an Kiefergelenken können ein CMD-Syndrom (Cranium – Schädel, Mandibula – Unterkiefer, Dysfunktion – Fehlfunktion) auslösen, das die Gesamtgesundheit massiv einschränken kann.
Der Mensch ist eine Einheit, alles spielt zusammen. Und ein Störpunkt kann ein ganzes System durcheinander bringen, die ­Harmonie zerreißen. Nacken-, Schulterschmerzen, Rückenschmerzen und Ischias, Migräne, Blockaden an der Wirbelsäule, Taubheitsgefühle in Armen und Fingern, Tinnitus, Ohrenschmerzen, Zungen- und Augenschmerzen sowie Schmerzen direkt am Kiefergelenk sind nur einige der bekannten Auswirkungen.

SCHMERZEN, KIEFERVERSCHIEBUNGEN, KIEFERSPERRE
Helmut Schwachhofer, Leiter des Physio-Hauses in Freilassing, zählt zu seinen zahlreichen Ausbildungen auch die Spezialisierung zur Behandlung von Kiefergelenksproblemen. „Typische Indikationen für eine Behandlung des CMD sind Schmerzen im Kieferbereich oder Verschiebungen (Shifts) des Unterkiefers, die ebenfalls schmerzhaft sein können sowie die Kiefersperre.“
Wer seinen Mund nicht mindestens drei Fingerbreit öffnen kann, hat eine Kiefersperre und sollte sich behandeln lassen.

ERST ZUM ZAHNARZT ODER KIEFERORTHOPÄDEN
Der erste Weg sollte den Patienten zum Zahnarzt oder Kieferorthopäden führen, der bei diagnostizierten Kieferproblemen physikalische Behandlungen bei einem speziell ausgebildeten Physiotherapeuten verordnen kann.
Wichtigste Indikation ist Schmerz. Schwachhofer: „Früher wurden bei Beckenschiefstellung Einlagen verordnet. Mittlerweile weiß man, dass es sich zu 50 Prozent um ‚absteigende Läsionen’ handelt, die von den Kiefergelenken ausgehen können.“ Und dann muss auch von oben her behandelt werden.
Ein häufiges Beispiel für eine Form primärer Kiefergelenksbeschwerden: Hat sich bei der Zahnbildung eines Babys bis zum 12./13. Lebensmonat eine Unstimmigkeit ausgebildet, wird sich diese auf die Statik der Wirbelsäule auswirken, „eine fixierte Fehlstellung können wir nicht ursächlich behandeln, aber sehr wohl die Auswirkungen.“

ANGEBOREN, TRAUMATISCH ODER PSYCHISCH BEDINGT
Sekundär ausgelöste Kiefergelenksprobleme können auf traumatisch bedingte oder psychische Ursachen zurückgehen. Wer jemals in die Lage versetzt war, jemandem beim nächtlichen Zähneknirschen zuzuhören, staunt über den Krach und ahnt den enormen Krafteinsatz des Unterkiefers. Kein Wunder, dass dieses Knirschen schädlich sein muss – für die Zähne selbst sowie für Muskeln und Bänder. Die stumme Variante, das Zähnepressen, ist auch nicht harmlos. Dabei ist das Unterbewusstsein nachts noch mit der Aufarbeitung der Tagesereignisse beschäftigt.
Hier hilft eine Aufbissschiene für die Nacht. Wird nicht mehr geknirscht und gepresst und mit Überdruck die Fehlstellung verstärkt, kommt es zu Entspannung und die Abnützung der Zähne wird reduziert.
Man unterscheidet zwischen entzündlichen Prozessen, degenerativen Veränderungen an den Gelenksflächen (Arthrosen) und Diskusverlagerung, ähnlich einem Bandscheibenvorfall.

PHYSIKALISCHE BEHANDLUNG
Im Schmerzfall ist zuallererst eine symptomatische Behandlung wichtig, um „Ruhe in den Körper zu bringen“, so Schwachhofer. Anschließende Methode der Wahl ist eine Manualtherapie, um die „Kompensationsfähigkeit“ des Körpers wieder herzustellen: Ist er nicht mehr ständig mit dem Kiefer beschäftigt, werden unnötig verschwendete Kräfte eingespart, die sich auf das erkrankte Gelenk konzentrieren. „Ziel ist die Erhaltung der Kompensationsfähigkeit, um nicht beim Chirurgen zu landen.“ Wie erwähnt, verlagern sich Funktionsstörungen und wirken sich auf andere Bereiche des Körpers aus.

DAS KOMPLIZIERTESTE GELENK
Kiefergelenke sind die kompliziertesten Gelenke des menschlichen Körpers. Sie verbinden den Unterkiefer mit dem Schädel und bestehen genau genommen aus zwei Gelenken, einem Gleitgelenk und einem Rotationsgelenk. Die Stabilisierung geschieht durch Muskeln und Bänder.
Je komplizierter ein Gelenk, desto anfälliger ist es. Noch dazu bei dieser Beanspruchung: Viele hunderte Male pro Tag wird es bewegt, beim Sprechen, Kauen und Schlucken.

Sylvia Nachtmann
 
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