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Salzachbrücke

Stille Kraftquelle

Obelix soll ja als Baby in einen solchen hineingefallen sein; von magischen Kräften des Zaubertranks Muttermilch durch pluripotente Stammzellen berichten australische Forscher.

Mag. Thomas Haas

Am Bahnhof Freilassing zoomt eine Pressefotografin zwischen den Beinen von wartenden Flüchtlingen hindurch eine dahinter hockende, stillende Frau heran und quittiert diesen gelungenen Schnappschuss mit einem begeisterten Jauchzen. Würden nicht die Rahmenbedingungen dieses Verhalten klar an den Rand der Erträglichkeit rücken, so könnte man der Frau angesichts des Vorganges selbst nur beipflichten: Dass Babys in jeder Lebenslage und ohne weitere Hilfsmittel durch ihre leibliche Mutter vollkommen versorgt werden können, kann getrost als ein Wunder der Schöpfung angesehen werden.
Zwar hat man vor fünfzig Jahren wahrscheinlich noch nicht so viele stillende Mütter zu Gesicht bekommen wie heute – oder halt: Sagen wir lieber: wie vor zehn bis zwanzig Jahren; hat es doch irgendwie den Anschein, als hätte mit der Etablierung des milchspendenden Busens in der Öffentlichkeit auch schon wieder ein Rückzug eingesetzt, indem sich moderne und karrierebewusste Mütter diese „Blöße“ nicht mehr geben wollen – willkommen im Neobiedermeier! Und doch war es bis zu den Nachkriegsgenerationen in unseren Breiten auch ohne die heutigen Forschungserkenntnisse selbstverständlich, Neugeborenen diese von der Natur so genial eingerichtete Frühversorgung angedeihen zu lassen.
Mit der Emanzipationsbewegung und der immer früheren Rückkehr junger Mütter in den Erwerbsprozess boomte die industrielle Babynahrung. Einschlägige Forschungsaufträge führten sogar zu Warnungen vor Gefahren der Muttermilch, bis die Stillbereitschaft sogar bei jenen Müttern zurückging, die weder körperlich noch zeitlich verhindert gewesen wären. Mittlerweile hat sich das Blatt wieder gewendet bis hin zu einer ausdrücklichen Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Kinder in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich stillend durch Muttermilch zu ernähren.

PLURIPOTENTE STAMMZELLEN
Die Fachwelt geriet vor zwei Jahren zusätzlich in Aufruhr, als ein australisches Forscherteam die Ergebnisse einer Studie mit Mäusen bekannt gab: Wahre Tausendsassas an Stammzellen hätten sich in der Muttermilch gefunden, welche nicht bloß vom Körper des Säuglings aufgenommen worden seien, sondern dort im Zuge der Entwicklung eine ganze Reihe von wichtigen Funktionen übernommen hätten. Ihr beinahe embryonales Entwicklungsniveau ermögliche solchen Stammzellen die Weiterentwicklung in schier jede Art von Zellen mit komplett unterschiedlichen Aufgaben. Dafür fehle ihnen die Fähigkeit sich zu teilen, was sie für den Einsatz in der Krebsbehandlung besonders interessant macht.
Sollten sich diese „pluripotenten“ (wörtlich: „viel könnenden“) Stammzellen tatsächlich in der Muttermilch befinden, wäre dies ein Quantensprung für die Stammzellentherapie. Bislang warten die australischen Forscher freilich noch darauf, dass andere Teams ihr Ergebnis in ähnlichen Versuchen bestätigen.

DAS VOLLKOMMENE NAHRUNGSMITTEL
Dabei hat die Muttermilch einen solchen Hype überhaupt nicht Not: Ihre schon bisher unstrittige Zusammensetzung bei und nach der Niederkunft bis hin zur „Frauenmilch“, der sogenannten „reifen Muttermilch“ ab dem 14. Tag nach der Geburt, lässt jede andere noch so gut entwickelte Babynahrung verblassen. „Kolostrum“ heißt die allererste Form der Muttermilch, welche schon die halbe Schwangerschaft hindurch gebildet wird. Die zähe, gelbliche Flüssigkeit mit einem extrem hohen Anteil an bestimmten Vitaminen, Eiweiß, Salz und vor allem Antikörpern wirkt in den ersten Schlucken auf das Neugeborene wie eine Schutzimpfung im besten Sinne. Gleichzeitig ist sie noch besonders kalorienarm, um den kleinen Körper in den ersten Tagen heraußen nicht zu überfordern.
Während der ersten beiden Lebenswochen des Säuglings wandelt sich die „Übergangsmilch“ durch einen steigenden Anteil an Fett und Kohlehydraten bei gleichzeitig leichtem Rückgang der anderen Inhaltsstoffe zu einem Vollnahrungsmittel. Das Kind bekommt auf diesem Weg nicht bloß die aktuell erforderliche Ration an Nährstoffen und Vitaminen. Vor allem sein Immunsystem, das beim Menschen zum Zeitpunkt der Geburt noch lange nicht fertig ausgebildet ist, wird durch die Inhaltsstoffe der Muttermilch ideal weiterentwickelt. Durch volle Stillversorgung kann späteren chronischen Krankheiten oder Allergien bereits in den ersten Lebensmonaten ein Riegel vorgeschoben werden.

STILLEN TROTZ SCHADSTOFFBELASTUNG!
Nicht zu unterschätzen ist freilich der Einfluss der mütterlichen Lebensweise auf die „Qualität“ der Milch. Natürlich werden in gewissem Rahmen auch Umweltschadstoffe über die Muttermilch weitergegeben, die sich aber nicht nachweislich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken müssen; im Gegenteil tragen die natürlichen Inhaltsstoffe der Muttermilch und der Vorgang des Stillens offenbar dazu bei, dass der junge Körper die aufgenommenen Schadstoffe besser abbauen kann. Die weitaus höhere Belastung erfährt er ohnehin während der Schwangerschaft.
Auch der Konsum von Genussmitteln durch die Mutter schlägt quasi unmittelbar auf das Kind durch. Das Gläschen Sekt hat natürlich nicht den kolportierten Einfluss auf die Milchbildung; es sollte daher – wenn überhaupt – unmittelbar nach dem Stillen genossen werden. Ähnlich der Schadstoffkonzentration beim Rauchen ist der Alkoholgehalt direkt nach dem Konsum am höchsten. Angeblich soll es bei rauchenden Müttern aber trotzdem besser für das Kind sein, wenn sie es stillen. Natürlich wäre Enthaltsamkeit während Schwangerschaft und Stillzeit die beste Lösung, aber die wundersame Wirkkraft der Muttermilch ist offenbar so ausgeklügelt angelegt, dass sie selbst unplanmäßiger Schadstoffbelastung noch etwas entge­genzusetzen hat.
 
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