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Salzachbrücke

Was nicht in euren Jausenbroten steckt…

Rüstige Senioren, leistungsfixierte Fast-Food-Junkies und google-hörige Web-Tramper kurbeln den Absatz jener Säfte, Pillen und Kapseln an, die uns vorgaukeln, alles im Leben ließe sich durch irgendein Konzentrat bedarfsgerecht und sogar billiger ersetzen. Nicht von ungefähr boomen Nahrungsergänzungsmittel zeitgleich mit der Verbreitung des Internets, der neoliberalen Wende und dem Markteintritt der kaufkräftigen Zielgruppe 50plus. Dabei bedarf der Mensch bei normaler und ausgewogener Ernährung gar keiner zusätzlichen Nährstoffzufuhr. Und schon gar nicht können Nahrungsergänzungsmittel Mangelernährung ausgleichen.
Das enorme Interesse an diesen Nahrungsmitteln im Look von Arzneien gründet offenbar auf geschickt verbreitetem Halbwissen. Vitaminen, ungesättigten Fettsäuren, Proteinen etc. kommen zweifellos jeweils unersetzliche Aufgaben in unserem Organismus zu. Andererseits gibt es bislang keinen Nachweis für die gleiche Wirkung bei Zufuhr in isolierter Form. Und doch schluckt die halbe Bevölkerung alleine in Deutschland um über eine Milliarde Euro im Jahr Vitamin- und sonstige Konzentrate; und dies, obwohl wir hierzulande samt und sonders keinen Vitamin-C-Mangel erleiden, dieses im Körper auch nicht gespeichert wird und eine höhere Zufuhr keine gesundheitsfördernde Wirkung auslöst.

Auch Vitamine können töten
In einigen Fällen mussten umgekehrt sogar teils stark gesundheitsschädigende Wirkungen einzelner Präparate festgestellt werden. Auch die Folgen der Überdosierung werden den Konsumenten kaum mitgeteilt. Beispiel gefällig? Eine Tagesdosis Vitaminkapseln eines Schweizer Herstellers enthält laut Stiftung Warentest mehr als das dreifache jener Menge an Betakarotin, die bei Arzneimitteln der Hinweispflicht für Raucher unterliegt; diese Warnung vor einem erhöhten Lungenkrebsrisiko durch zu viel Betakarotin in Verbindung mit dem Rauchen, ist aber für Nahrungsergänzungsmittel nicht vorgeschrieben.
Die Informationspflicht für Nebenwirkungen dieser den Nahrungsmitteln zugerechneten Produkte lässt im Vergleich zum Arzneimittelrecht erschreckend zu wünschen übrig. Daran hat auch die Vereinheitlichung der Rechtslage für Nahrungsergänzungsmittel in der Europäischen Union vor über zehn Jahren (Richtlinie 2002/46/EG) nicht Grundlegendes geändert. Im Gegensatz zur deutschen regelt die österreichische Nahrungsergänzungsmittelverordnung nicht einmal eine Anzeigepflicht für neue Produkte. Ein schier unkontrollierbarer Markt wächst stetig im Internet; so wurden etwa in Deutschland online gehandelte Muskelaufbaupräparate mit unerlaubten Anabolika entdeckt.

Nicht jede Studie ist ihr Geld wert
Auf Basis einschlägiger Studien hat die EU schon 2007 eine Verordnung über sogenannte „Health Claims“ für die einzelnen Inhaltsstoffe von Nahrungsergänzungsmitteln erlassen. Folgt man Primar Hoppichler von den Barmherzigen Brüdern in Salzburg, so haftet all diesen Studien jedoch der Makel der Halbherzigkeit an. Studien-Design, Methodik und der unterschiedliche Umgang mit einzelnen Parametern würden die Ergebnisse relativieren, beklagte er unlängst bei einer SN-Diskussion. Wenn der Absatz stimme, warum sollten dann Pharmafirmen viel Geld und Zeit in aufwändige Studien mit ungewissem Ausgang stecken? Aus den vorliegenden Studien ließen sich daher weder Wirksamkeit noch Unwirksamkeit der Mittel ableiten. „Alles andere ist Empfinden!“, resümiert Hoppichler den Aussagewert des aktuellen Forschungsstandes.

Ungesunde „Health Claims“?
Dessen ungeachtet tragen laut Verordnung Haferkorn-Ballaststoffe „zur Erhöhung des Stuhlvolumens“, Pantothensäure „zu einer normalen geistigen Leistung“ und zuckerfreier Kaugummi „zu einer Verringerung von Mundtrockenheit“ bei. 122 solcher und ähnlicher Aussagen zu knapp halb so vielen unterschiedlichen Stoffen geben den Anbietern von Nahrungsergänzungsmitteln bindende Formulierungen an die Hand, welche sie über die Inhaltsstoffe ihrer Präparate verbreiten dürfen. Nicht berücksichtigt wird dabei der Teamcharakter vieler Stoffe, die ihre Wirkung nur im Zusammenspiel mit einem ausreichend vorrätigen Mix an Begleitstoffen im Organismus entfalten können.
Außerdem ist die vorgeschriebene Mindestmenge an enthaltenen Stoffen mit 15 Prozent des empfohlenen Tageskonsums weit entfernt von der versprochenen Wirkung. Ein findiger Spaghetti-Hersteller etwa könnte „Libido- und Fruchtbarkeits-Pasta“ anpreisen, sobald die Nudeln zwar die geforderte Mindestmenge Zink, damit aber noch lange keine entsprechende Wirkkraft aufweisen, wie Mag. Fuchs von der Nährstoffakademie Salzburg zur Health Claim-Verordnung ausführt. Bleibt zu wünschen, dass die von Fuchs geäußerte Hoffnung auf eine regulative Marktmacht des „kritischen Hausverstandes von VerbraucherInnen“ nicht gänzlich an der Realität vorbeigeht.
Schwangere und Menschen mit akuten Mangelerscheinungen sollten ohne ärztliche Beratung nicht zu Nahrungsergänzungsmitteln greifen. Und für Gesunde sollte eine ausgewogene Ernährung den auch noch so verheißungsvollen Glücks­pillen gegenüber ohnehin stets Vorrang haben.
 
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