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Salzachbrücke

Wenn tagsüber die Augen zufallen

Es gibt auch in unseren Breiten eine im Volksmund benannte „Schlafkrankheit“, auch als Schlaf- oder Schlummersucht und im Fachjargon als Narkolepsie bezeichnet: Überwältigende Tagesschläfrigkeit, auch nach ausreichendem Nachtschlaf, eine extreme Müdigkeit, die in schweren Fällen zu zwanghaften, plötzlichen und unkontrollierbaren Schlafanfällen führt.
Betroffene leiden tagsüber nicht nur unter quälenden Müdigkeitsgefühlen, sondern sie schlafen tatsächlich sehr rasch ein, gegen ihren Willen, manchmal nur für wenige Minuten – danach fühlen sie sich erfrischt. Derartige Schlummerpausen einzuhalten ist sehr wichtig, um einigermaßen Kontrolle über drohende Schlafanfälle zu behalten.

Neurologische Erkrankung
Bei der Narkolepsie handelt es sich um eine neurologisch bedingte Krankheit, um eine hirnorganische Funktionsstörung. Eine Diagnose muss letztlich im Schlaflabor erbracht werden. Narkolepsie ist unheilbar, kann aber medikamentös symptomatisch gemildert werden. Auch mit Akupunktur und Homöopathie werden Besserungen angestrebt. Es soll möglich sein, sich mit der Krankheit zu arrangieren.
Ein bisschen beruhigend: man stirbt nicht daran. Zumindest nicht unmittelbar. Andererseits kann ein Narkoleptiker in gefährliche Situationen geraten, je nachdem wo und bei welcher Gelegenheit ihn eine Schlafattacke trifft. Manchmal wird auf „Automatik“ geschalten: Ein Patient schläft im Sprechen ein und erzählt Nonsens. Oder er setzt eine begonnene Arbeit unsinnig fort – hantiert er eben mit einem scharfen Messer, können Verletzungen die Folge sein. Besonders gefährlich wird es beim Überqueren einer Straße oder beim Autofahren. Gewisse Sportarten, etwa Schwimmen, sollten Narkoleptiker meiden. Patienten mit besonders schwerer Ausprägung können nicht alleine gelassen werden.

„Lachschlag“ und „Schrecklähmung“
Zusätzlich zur pathologischen Müdigkeit tritt bei Narkolepsie als Begleitsymptom die Kataplexie auf: ein plötzliches Erschlaffen der Gesichtsmuskulatur oder der gesamten Halte- und Stützmuskulatur. Patienten gehen in die Knie und fallen zusammen – für Sekunden oder wenige Minuten, bei vollem Bewusstsein. Auslöser sind Emotionen wie Schreck, Ärger, Überraschung oder Lachen. Deshalb wird die Kataplexie auch als „Lachschlag“ oder „Schrecklähmung“ bezeichnet. Ein Witz wird erzählt, die Pointe erreicht und der Patient fällt nieder. Interessant: Diese Anfälle sollen als weniger belastend empfunden werden als die unüberwindbare Müdigkeit.
Auch die mit der Kataplexie verwandte „Schlaflähmung“ tritt auf: Entweder vor dem Einschlafen oder unmittelbar beim Aufwachen entsteht das Gefühl, sich nicht bewegen zu können. In manchen Fällen kommen Halluzinationen hinzu.

Ursachen nicht ganz geklärt
Narkolepsie wird als Autoimmunerkrankung eingestuft, sie kann schleichend beginnen oder plötzlich in voller Symptomatik auftreten. Als Ursache wurde eine genetische Präposition erkannt, die bei Hinzukommen anderer noch nicht gänzlich geklärter Faktoren (Grippeviren werden verdächtigt) zum Ausbruch der Krankheit führen kann. Eine Erblichkeit lässt sich bei der Narkolepsie von Pferden und Hunden beobachten, die ebenfalls in plötzlichen Schlaf­-attacken umfallen.
Narkolepsie kann in jedem Alter auftreten und ist auch bei Kindern in seltenen Fällen dokumentiert. Allerdings erinnert sich etwa die Hälfte erwachsener Patienten, schon im Kindes- und Jugendalter unter narkoleptischen Symptomen gelitten zu haben.

Häufige Vorwürfe: Faulheit, Trunkenheit
Die ausgeprägte Schlaf-Wach-Störung bringt eine ganze Serie von Problemen und psychischen Belastungen mit sich, in weiterer Folge oft Depressionserkrankungen.
In der Schule, im Bus, vor dem Computer, im Büro, bei jeglicher Arbeit einzuschlafen ist für Gesunde nicht nachzuvollziehen und wird als Faulheit eingestuft. Ein schwerer Vorwurf in unserer Leistungsgesellschaft. Wer in die Situation kommt, auf der Straße umzufallen, auch bei Kataplexie mit vollem Bewusstsein, wird als „betrunken“ abgetan.
Es gibt verständnisvolle Arbeitgeber, die Patienten kleine Schlummerpausen genehmigen – besser Pause machen und dem Schlafdruck nachgeben als verzweifelt und erfolglos gegen den Schlafzwang anzukämpfen. Schwierig ist es für betroffene Kinder und deren Eltern, eine Berufsentscheidung zu treffen.
Ein schwacher Trost: Auch Lenin, Hitchcock und Napoleon sollen Narkoleptiker gewesen sein.

Tausende Betroffene
Schaut man ins Internet, findet man für Deutschland Betroffenenzahlen zwischen 2.000 und 40.000 Fällen – solch unklare Angaben spiegeln die Unklarheit der Situation wider. In Österreich werden 4.000 Narkoleptiker geschätzt. Die Dunkelziffer liegt vermutlich ganz anders, denn die Krankheit wird (wenn überhaupt) erst spät erkannt und diagnostiziert, vor allem, wenn es sich nicht um spektakulär ausgeprägte Fälle handelt.
Auch leichtere Fälle werden qualvoll erlebt, wie eine lebenslange Folter. Die Lebensqualität ist massiv eingeschränkt und soziale Isolation nicht selten – wer schläft gerne im Konzert ein? Lieber meidet man es. Wer möchte, dass beim Dinner der Kopf auf den Tisch plumpst? Lieber bleibt man zu Hause. Patienten neigen zu gesellschaftlichem Rückzug.

Autofahren und Narkolepsie
Tagesschläfrigkeit trübt die Aufmerksamkeit und setzt das Reaktionsvermögen herab. Im hellwachen Zustand sind Narkolepsie-Patienten genauso geeignet zum Autofahren wie jede andere Person. Viele Patienten können ihren Tagesablauf einschließlich der Schlafzeiten ganz gut planen, also auch ihre Autofahrten.
Sich rasch aufbauende Müdigkeit muss durch sorgsame Selbstbeobachtung rechtzeitig erkannt und ein willenloses Einschlafen verhindert werden. Verordnete, stimulierende Medikamente oder ein Schläfchen können Schlimmes verhindern.
Patienten, die medizinisch vorgegebene Vorsichtsmaßnahmen missachten, machen sich bei Unfall strafbar, der Versicherungsschutz kann verloren gehen. Ärztliche Gutachten müssen auf Basis verkehrsmedizinischer und schlafmedizinischer Kenntnisse erfolgen.
Über Auswirkungen von Kataplexie am Steuer sind keine brauchbaren Untersuchungsergebnisse zu erfahren.
 
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