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Salzachbrücke

Bietet Fracking eine Energie-Alternative?

Öl wird knapp, Gas wird knapp, ja, das wissen wir schon lange, in wenigen Jahrzehnten werden derlei fossile Schätze aufgebraucht sein, auch das ist bekannt. Ölbohrungen werden in immer abenteuerlichere Hochseezonen verlagert und besonders Gewitzte freuen sich schon, wenn das Eis der Arktis im Klimawandel weiter schmilzt und somit Platz entsteht für zusätzliche Meeres-Ölbohrungen.

Niederösterreich: Bürger wehrten sich
Da gibt es etwas, das Goldgräberstimmung hervorruft: Schiefergas- und Schieferölgewinnung durch Fracking. In den USA und anderswo reibt man sich die Hände in Erwartung hoher Gewinne. Österreichs Wirtschaftsminister und mittlerweile Vizekanzler Reinhold Mitterlehner ist der Meinung, Europa und vor allem Österreich werde um die Gewinnung von Erdgas durch „Fracking“ nicht herumkommen: „Ich glaube, die Sachlage wird uns dazu zwingen“, sagte Mitterlehner vor wenigen Monaten in einem Interview mit der Tageszeitung „Presse“. Auch Noch-EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat sich wiederholt für eine europaweite Schiefergasförderung ausgesprochen. In England ist Fracking sogar in Nationalparks erlaubt. In einigen anderen Ländern und Regionen (etwa in Frankreich, wo eine Klage gegen das Fracking-Verbot scheiterte, aber auch in Bulgarien) ist Fracking verboten. In Deutschland ist es umstritten.
Auf Grund massiven Widerstandes der Bevölkerung im niederösterreichischen Weinviertel, wo Fracking bereits angesagt war, wurde das Thema vorerst „auf Eis gelegt“, wie die OMV (früher Österreichische Mineralöl Verwaltung) verlauten ließ.

Was ist Fracking?
Anders als bei konventionellen Gasbohrungen, wo Gaslagerstätten angebohrt werden und das Gas direkt nach oben befördert wird, erfordert Fracking wesentlich höheren Aufwand. Bei dieser Fördermethode werden tiefliegende Gesteinsschichten angebohrt. Das dort seit Jahrmillionen lagernde, eingepresste Öl oder Gas wird dann unter hohem Druck mit Hilfe von Chemikalien gelöst.
An eine vertikale Bohrung schließt sich eine horizontale Bohrung im gasführenden Gestein, das in gewissen Abständen gesprengt wird. Wasser, Sand und eine Reihe von Chemikalien (siehe Infokasten) werden unter hohem Druck eingebracht und brechen das Schiefergestein auf. Aus künstlich erzeugten Gesteinsklüften entweicht das Gas und wird, der Technik sei Dank, an die Oberfläche gebracht. Die Umweltfolgen sind jedoch noch nicht erforscht – wiewohl sie an der entstandenen „verbrannten Erde“ sichtbar werden. Die Entsorgung der Rückstände ist ungeklärt.
In Österreich hofft man auf „Bio-Fracking“, woran an der Montanuniversität Leoben geforscht wird.
Umweltdesaster und Arbeitsplätze
Dokumentarfilme der jüngsten Zeit zeigen Mondlandschaften und die Verzweiflung von Anrainern in den USA. Spektakulär, wenn aus der Wasserleitung austretendes Gas sich entzünden lässt. Verseuchtes Grund- und Trinkwasser, dafür Wasserlieferungen per Tankwagen, blubbernde Pfützen und gesundheitliche Probleme wie Haarausfall, Asthma, Zahnfleischbluten, Gelenkschmerzen, deren Ursache dem Fracking zugeschrieben wird.
Gigantische Lastwägen bringen Chemikalien (deren Zusammensetzung geheim gehalten wird) kolonnenweise zu den Bohrtürmen, Schwerverkehr steigt massiv an. Außerdem verschmutzt Fracking die Atmosphäre mit giftigen und klimaschädlichen Gasen, wie ein Forschungsteam der Uni Innsbruck in den USA feststellte. Zahllose Lecks setzen Gase frei.

Unabhängig von Öl-Lieferländern?
Naher Osten, Ukraine, russische Gasleitungen – wie sicher sind wir mit Öl und Gas versorgt? Macht Fracking unabhängig von krisengeschüttelten Lieferländern?
Schiefergasvorkommen befinden sich über ganz Europa verteilt; nächstliegend in Ostösterreich/Tschechien, Ungarn, Südwestdeutschland/Schweiz (Bodensee), Norditalien.
Zu den Erfahrungen aus den USA zählt auch, dass Förderprognosen sich nicht erfüllen, die wirtschaftlichen Effekte nicht annähernd so groß sind wie erwartet. Darauf verweisen mittlerweile auch Finanzberater (siehe Zitate). Die Begeisterung der Energiekonzerne in den USA für das Fracking lässt nach, da „Fracking für immer mehr Energieunternehmen nicht mehr rentabel ist“ (www.ingenieur360.de).
Abgesehen von Risiken irreparabler Umweltschäden hat Fracking an kommerziellem Anleger-Reiz verloren. Energie-Unabhängigkeit scheint durch diese Methode nicht erreichbar.

Umweg über TTIP könnte Fracking überall ermöglichen
Johann Kleibl von der Initiative „Weinviertel statt Gasviertel“ traut dem Frieden nicht: „Äußerlich wirkt die Lage beruhigt. Doch über das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP könnte Fracking auch bei uns stattfinden.“ Damit hat er nicht unrecht, schaut man sich einige Punkte des in Geheimverhandlungen befindlichen (oder schon beschlossenen?) TTIP an, etwa „Konzerne, die sich durch demokratisch legitimierte politische Entscheidungen geschädigt fühlen, könnten vor außerstaatlichen Schiedsgerichten auf Entschädigung klagen“, informiert das Umweltinstitut München e. V. Wobei vorausgeschickt werden muss: Es geht auch darum, „Investitionen auf der jeweils anderen Seite des Atlantiks vor staatlichen Eingriffen zu schützen.“ Was nichts anderes bedeutet, Staaten wie Österreich oder Deutschland könnten nichts gegen Ambitionen von Mega-Konzernen unternehmen – es drohen, siehe Info-Kasten, gerichtliche Klagen der Investoren!
Ein Ziel von TTIP ist auch, „die Vereinheitlichung und gegenseitige Anerkennung von Regelungen in allen Bereichen des wirtschaftlichen Lebens.“

Alle fünf Kilometer ein Bohrturm
Nochmals Johann Kleibl: „Bei Fracking steht alle fünf Kilometer ein Bohrturm mit seinem Drumherum an Zufahrten für LKWs sowie Leitungen und Pipelines, Wasserzuleitung, Ableitung für kontaminiertes Sondermüll-Wasser, dazu die gesteigerte Erdbebengefahr – selbst Mikroerdbeben wirken sich aus.“ Land und Gebäude würden entwertet, landwirtschaftliche Produkte ebenfalls und der Tourismus werde ruiniert. Dem angestrebten „Green-Fracking“ oder „Bio-Fracking“ traut man im Weinviertel auch nicht, man hat sich erkundigt: „Auch beim Einsatz von propagierten Mais­substanzen geht es nicht ohne Chemie.“
TTIP – vier Buchstaben, die Sorgen bereiten. Gentechnik in Lebensmitteln, Chlorhuhn und Bedrohung unserer gewachsenen Kulturbereiche. Kleibl: „Wachsam sein und bleiben.“ Und an die „Kraft des Volkes“ glauben – es gibt Organisationen und Gruppierungen, die sich für unsere Nachwelt engagieren, denen man sich anschließen kann.

Grundwasser, Mineralwasser, Bier ...
Fracking versaut auch das Grundwasser. Daher haben deutsche Bierbrauer, die entsprechend dem ältesten Lebensmittelgesetz der Welt, dem Reinheitsgebot von 1516, das uns das „reinste Lebenmittel“ beschert, vor Folgen von Fracking gewarnt. „Es wäre völlig unverständlich, sollten die Brunnen von Lebensmittel- und Getränkeherstellern in dem geplanten Gesetz weniger Schutz genießen als Trinkwasserbrunnen“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von Bierbrauern, Mineralwasser- und Getränkeherstellern. Sie begnügen sich nicht mit den Auflagen und Ausnahmeregelungen für Frackingvorhaben der deutschen Bundesregierung und fürchten die allzu großen Schlupflöcher.

Deutsche Brauereien geschlossen gegen Fracking
In ihrer gemeinsamen Erklärung heißt es unter anderem: „Solange keine ausreichenden wissenschaftlichen Erkenntnisse vorliegen und nicht alle Risiken für Gesundheit und Umwelt bewertet sind und ausgeschlossen werden können, ist der Einsatz der Fracking-Technologie unverantwortlich.“ Braumeister Eric Toft von der Landbrauerei Schönram in Petting verfügt als studierter Geophysiker über mehr als Basiswissen: „Ich war schon immer gegen Fracking. Man kann nicht ausschließen, dass Chemikalien in wasserführende Schichten gelangen. Fracking ist gefährlich.“
Von der Privatbrauerei Sigl in Obertrum hingegen war zu vernehmen, damit hätte man sich noch nicht beschäftigt. Wäre Fracking überhaupt ein Thema?
 
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