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Salzachbrücke

Augen auf beim Gebrauchtwagenkauf

Hand aufs Herz: Vieles im Leben läuft heute über das Internet. Auch beim Autokauf spielt es eine immer größere Rolle. Denn die Net-Annonce mit einem Dutzend schöner Fotos und ausführlicher Beschreibung weckt viel mehr Lust am gebrauchten Auto als eine vierzeilige Zeitungsanzeige. Wenn sich der Laie auf Autosuche begibt, gilt es einiges zu beachten: Begleiten Sie unsere Gebrauchtwagen-Käuferin von der Suche bis zum Kauf.

Elisabeth Strassert

Etwas Solides hat sich unsere Gebrauchtwagen-Käuferin gewünscht, etwas mit Seitenaufprallschutz und Airbags. Im Jahr 1998 hat sie den damals frisch vorgestellten Golf der vierten Modellgeneration probegefahren, er hat ihr gefallen und sie hat sich gedacht: „So einen will ich mal haben.“
Jetzt ist es soweit, denn unsere Gebrauchtwagen-Käuferin ist keine Neuwagen-Freundin, sondern mag Autos erst dann, wenn sie ihre Kinderkrankheiten hinter sich haben und für wenige Tausend Euro zu haben sind. Heute ist der Golf 4 einer der häufigsten und beliebtesten Gebrauchtwagen im unteren Preissegment.
Weiß sollte er sein oder beige, innen am liebsten auch beige. Über Geschmack lässt sich streiten, aber wer derart genaue Vorstellungen vom „neuen gebrauchten“ Auto hat, schaut nicht nur in der Zeitung, sondern bemüht die einschlägigen Internetseiten, von Autoverkaufsplattformen bis zu Kleinanzeigenportalen.
Sehr praktisch ist die automatische Suchfunktion, die vor allem die großen Autoverkaufsportale anbieten: anhand detaillierter Kriterien wie Außen- und Innenfarbe, Motorisierung, Schalt- oder Automatikgetriebe, Klimaanlage, genauem Bauzeitraum und vielem mehr lässt sich dem Traumauto virtuell schon recht nahekommen.
Und irgendwann, nach vielen Nieten, taucht es plötzlich im
E-Mail-Postfach auf: DAS Auto. Klick auf die Anzeige: viele schöne Fotos, erste Hand, vergleichsweise wenige Kilometer, checkheftgepflegt. Der Preis ist nicht ganz günstig, aber wenn das Auto hält, was es verspricht: Bingo. Einziges Manko: Der gute Wagen steht bei einem Autohändler in Aachen, fast 800 Kilometer weit weg vom SALZACHbrücken-Land.

Regel Nr. 1: Den Verkäufer löchern
Ganz besonders, bevor man eine weite Strecke zur Besichtigung auf sich nimmt, sollte man schon viel über das Auto vorher wissen. Im Klartext heißt das: den Verkäufer anrufen und ihm mailen, viel fragen, Service-Nachweise und weitere Fotos schicken lassen. Was man schriftlich hat, gilt als „zugesicherte Eigenschaft“ – dazu später mehr.
Hat man wenig Ahnung, empfiehlt es sich unbedingt, jemanden zu Rate zu ziehen, der vom Fach ist. Nein, nicht jemanden, der gescheit daherreden kann, sondern jemanden, der echte Erfahrung in der Kfz-Branche mitbringt.
Unser Aachener Gebrauchtwagen-Verkäufer, nennen wir ihn Herrn Anatol (Name der Redaktion bekannt), ist sehr bemüht, alle Fragen soweit wie möglich zu beantworten – und es sind viele Fragen. Dass die potenzielle Käuferin sich auskennt, merkt Herr Anatol sehr schnell, und er besorgt sogar etliche Kopien der ausgeführten Reparaturen beim Vertragspartner – beispielsweise den Nachweis über den letzten Zahnriemenwechsel. 

Organisatorisches vor der Überführung
In der Anzeige des anvisierten Autos stand „TÜV neu“. Im Gespräch wird klar: Die Hauptuntersuchung wird erst direkt beim Verkauf neu gemacht. Darauf lässt sich unsere potenzielle Käuferin aber nicht ein: Was, wenn der Prüfer Mängel findet, die vor Erteilen der Plakette behoben werden müssen?
Schließlich ist Herr Anatol bereit, den Wagen vor Eintreffen der „Frau aus Bayern“ bei der DEKRA zur Hauptuntersuchung vorzufahren.
Freudestrahlend ruft er an: Keine Mängel, alles bestens, der Prüfer sei sogar besonders angetan gewesen vom tollen Zustand des Fahrzeugs.
Unsere Gebrauchtwagen-Käuferin informiert sich noch, wann die Aachener Zulassungsstelle den langen Nachmittag hat, um Überführungskennzeichen besorgen zu können. Dafür ist zudem die „eTIN“ als Versicherungsnachweis nötig. Jede Versicherung stellt sie aus, jedoch ist gut zu wissen, dass die Überführungs-Police nichts kostet, wenn man bei der selben Gesellschaft anschließend den regulären Vertrag abschließt.
Dann heißt es also: Ticket buchen, Geld und Brotzeit einstecken, in aller Herrgottsfrühe mit dem Zug losfahren. Vorfreude inklusive.

Checkliste für den Autokauf
So manche Autoangebots-Internetplattform will es besonders gut machen und bietet verschiedenste Listen an, die man beim Besichtigen des Autos abhaken soll. So solle man alle Lämpchen prüfen und ähnliche unwesentliche Details – für den Laien eine Überforderung und für den Verkäufer eine unnötige Geduldsprobe.
Erste goldene Regel für den Autokauf: den gesamten E-Mail-Verkehr und das Internet-Inserat ausdrucken und mitnehmen. So mancher Verkäufer stellt die Anzeige offline, sobald ein Interessent angereist kommt – so auch Herr Anatol. Kann sich der Verkäufer etwa nicht erinnern, ob Fußmatten im Auto waren, ist es gut, seinem Gedächtnis mit der Verkaufsanzeige auf die Sprünge helfen zu können.
Ein wichtiger Punkt, sobald man die Papiere in Händen hat: Die Historie des Autos muss nachvollziehbar sein. Ein zehn bis fünfzehn Jahre altes Fahrzeug darf ruhig durch zwei bis drei Hände gegangen sein, jedoch ist der Pflegezustand und der Nachweis regelmäßiger Wartungen ausschlaggebend. Tipp: Letztere belegen auch den Kilometerstand.
Unbedingt zeigen lassen sollte sich der Autokäufer die Nachweise über alle Reparaturen. Gibt es keine oder ist das Service-Checkheft abhandengekommen, Vorsicht! Ist das Auto laut Verkäufer aber vom Autohaus checkheftgepflegt: Einfach gemeinsam im betreffenden Autohaus die Nachweise erbitten – meist kein Problem.
Etwas vom Wichtigsten ist der Wechsel des Zahnriemens, der in den meisten Motoren arbeitet. Auch als Laie kann man darauf achten, dass dies gemacht wurde. Der Nachweis steht im Service-Heft und oft auch auf einem Aufkleber im Motorraum. Denn: Reißt der überalterte Riemen, ist meist ein Motorschaden die Folge.

Reifen und Karosserie – einfach geprüft
Ein Punkt, den auch Laien prüfen können, sind die Reifen: Sommerreifen sollten nicht älter als sechs bis acht Jahre sein, Winterräder nicht älter als fünf Jahre. Ablesbar an der „DOT-Nummer“: Hinter dem Kürzel DOT finden sich vier Zahlen in einem Oval. Die ersten beiden stehen für die Kalenderwoche, die zweiten beiden für das Herstellungsjahr.
„1017“ bedeutet also 10. Kalenderwoche 2017. Sind es nur drei Zahlen, heißt das, der Reifen stammt aus den 1990er Jahren. Vorsicht: Uralte Reifen sind kein gutes Zeichen für den Pflegezustand insgesamt.
Zwar beträgt die gesetzlich zulässige Mindestprofiltiefe 1,6 mm, aber bei 3 mm hört ein Reifen auf, Reifen zu sein – bei Winterreifen müssen ohnehin mindestens 4 mm Profil am Reifen sein. Einfacher Test mit einem Ein-Euro-Stück: Verschwindet der goldfarbene Rand komplett in der Mitte des Profils, hat der Reifen mehr als 3 mm.
Tipp: Immer alle vier Reifen auf diese Weise testen!
Ebenso ein einfacher, aber wichtiger Test: Rundherum mit dem flachen Fingernagel auf Karosserieteile vor allem im unteren Bereich von Kotflügeln und Türen klopfen: Klingt es hohl oder „plastikartig“, obwohl Blech darunter sein sollte, Vorsicht: Hier steckt wahrscheinlich Rost oder Spachtel unter dem Lackkleid. So etwas lässt sich auch mit einem kleinen Magneten testen.

Probefahrt: Darauf ist zu achten
Alle oben genannten Punkte sind bei unserem anvisierten Wunschauto in Ordnung, beim Test direkt auf dem Bahnhofs-Parkplatz gehen alle Türen leicht auf und zu, die Fensterheber einwandfrei runter und rauf, die Türunterkanten sind rostfrei, Heckklappe und Motorhaube auch. Neuralgische Roststellen des Golf 4: Vordere Kotflügelunterkanten und Heckklappe rund um den Griff – ebenfalls ohne Befund.  
Nun geht‘s an die Probefahrt: Stadt und Autobahn, um Geradeauslauf und Fahrverhalten einschätzen zu können. Ebenfalls alles ok, der Motor springt sofort an, läuft leise und rund, das Auto fährt schön geradeaus, in Kurven ist kein Radlager zu hören.
An die telefonische Vereinbarung, das Auto auf einer Hebebühne zu sehen, kann sich Herr Anatol nicht mehr erinnern: „Da habe ich meinem Freund mit der Hebebühne nicht Bescheid gesagt, das geht nicht.“ Das ist Mist, aber dann legt sich unsere Gebrauchtwagenkäuferin eben mal soweit möglich unters Auto: Sie entdeckt am rechten hinteren Bremssattel den leicht „abgehobenen“ Handbremshebel – das hätte der TÜV sehen und bemängeln müssen. Auch ist der Hinterachsträger keinesfalls rostfrei.
Herrn Anatols Permanent-Grinsen friert ein: „Jetzt fühle ich mich aber schon etwas komisch.“ Gut so, schlägt sich das auf den Kaufpreis nieder? „Nein, den haben wir fest am Telefon ausgemacht, wenn Sie ihn nicht nehmen, ich habe genügend andere Interessenten.“ Ach.
War zu erwarten, dass Herr Anatol komisch wird. Jetzt heißt es, ihn beiseite lassen und überlegen: Passt das Auto generell? Was würde die Zug-Heimreise plus nötige Übernachtung kosten, hat man den Nerv für die wiederaufzunehmende Autosuche? Und bitte schnell überlegen, denn die Zulassungsstelle macht in 30 Minuten dicht.

Gutes Gesamtpaket mit unliebsamer Überraschung
Letztlich passt das Gesamtpaket – den Anatol muss unsere Interessentin ja nicht mitkaufen. Der bezahlt ihr dann noch die Prägung der Überführungskennzeichen – „ich will ja, dass Sie zufrieden sind“ – der ADAC-Musterkaufvertrag enthält keine „Nebenabreden“ oder durchgestrichenen Passagen, aber auch keine speziellen zugesicherten Eigenschaften außer „aus erster Hand“ und den geringen Kilometerstand.
Herr Anatol meint auf die Frage nach der beim Gebrauchtwagenkauf EU-weit üblichen Sachmängelhaftung: „Das ist Blödsinn, weil Sie so weit weg wohnen, Sie müssten das Auto dann nämlich zu mir bringen, wenn etwas wäre.“ Mit „Blödsinn“ hat er recht, denn diese Aussage ist seine pure Erfindung.
Die fast 800 Kilometer heimwärts legt unsere Gebrauchtwagen-Käuferin mit Pausen zurück, essen, trinken, tanken und natürlich eine routinemäßige Polizeikontrolle nur 80 Kilometer vor der Heimat.
Im zweiten Teil unseres Specials lesen Sie in der kommenden Ausgabe über versteckte Mängel, wie einen komplett unter Wasser stehenden Fußraum, und was der Käufer tun kann, um dann die sogenannte Sachmängelhaftung des Verkäufers durchzusetzen.
 
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