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Salzachbrücke

Automatischer Notruf e-Call

Dank europäischer Richtlinien gehört ab 31. März 2018 der „e-Call“ in neuen Automodellen und leichten Nutzfahrzeugen zur Pflichtausrüstung. Ist die EU wirklich so um uns besorgt oder geht es um die totale Überwachung? Und was taugen eigentlich die Notruf-Stecker zum Nachrüsten?

 

Elisabeth Strassert

 

„Du, schaust amoi gaach, wo da Sepp grod unterwegs is mit unserer Stahlträgerlieferung?“ „Ui, du Chef, schau, der steht seit oana hoibn Stund beim Brotzeitmacha am Gardasee!“

So könnte sich eine ganz alltägliche Unterhaltung in der Spedition schon heute anhören, denn via GPS-Ortung können Fuhrunternehmer punktgenau prüfen, wo ihre Leute samt Ladung sich zu jedem Zeitpunkt der Tour befinden – und auch, ob sie fahren oder Pause machen. „Telematik“ wird zum Zauberwort.

 

Carrera-Bahn für Erwachsene

Und jetzt soll so ein ähnliches Ortungssystem auch noch in jedes private Auto? Nimmt die totale Überwachung demnächst Gestalt an? Natürlich haben GPS-Ortungssysteme ihren Sinn – mit ihrer Hilfe lässt sich zum Beispiel ein gestohlener Lkw im Ausland wiederfinden.

Auch die Disposition erleichtert sich für den Fuhrunternehmer enorm. Ebenso sind die elektronischen Fahrtenbuch-Funktionen nicht zu verachten, es besteht die Möglichkeit von Fahrstil-Analysen, aber auch von Auftragsübermittlungen und Kommunikation, Touren lassen sich kurzfristig optimieren und vieles mehr.

Die Systeme werben unter anderem mit „Freude an der Fuhrparksteuerung“ – das klingt ja schon ein wenig nach Carrera-Bahn-Fahren für Erwachsene.

 

Die Technik hinter „e-Call“

Wenns‘s auf der Carrera-Bahn ein Auto raushaut, setzt man es halt zurück auf die Spur und gibt wieder Gas. Im Falle eines Unfalls auf der echten Straße ist das leider nicht so einfach – noch dazu, wenn es so ernst ist, dass der Fahrer selber keine Hilfe mehr rufen kann.

Genau dieses Szenario steht hinter der Idee des Gratis-Notrufs e-Call. Rund 2.500 Menschenleben will die EU jedes Jahr mit Hilfe des Systems retten; in einigen höherpreisigen Neuwägen gibt‘s e-Call sogar heute schon inklusive.

 

Und das geht so: Entweder drückt der Fahrer den SOS-Knopf oder die Auslösung erfolgt automatisch mit Hilfe der fahrzeugeigenen Crash-Sensoren. Im Auto arbeiten ein GPS-Empfänger für die Standortdaten, eine GSM-Antenne zum Senden des Notrufs, Crash-Sensoren zum Erkennen des Unfalls und das Steuergerät zusammen. Der Notruf geht an die europaweit einheitliche Notrufnummer 112.

 

Keine „totale Überwachung“ vorgesehen

Außerdem gibt es noch ein Mikrofon mit Lautsprecher, denn wenn der Fahrzeugführer dazu in der Lage ist, kann er auf diese Weise direkt mit der Notrufzentrale sprechen und wichtige Infos weitergeben – etwa, wie viele Verletzte es sind.

Die Hersteller haben an alles gedacht: Sollte die Fahrzeugbatterie beim Unfall zerstört worden sein, funktioniert das Notrufsystem trotzdem noch – ein Notstromaggregat hilft dabei. Es gibt derzeit etwa eine Handvoll verschiedener Automobilindustrie-Zulieferer, die derartige Systeme anbieten.

Fragt man nach der möglichen „Totalüberwachung“, gibt es einheitliche Antworten. Von Delphi etwa heißt es, eine aktive Standort-Bestimmung (Tracking) sei nicht vorgesehen, lediglich im Falle eines Unfalls oder eines Notrufs würden Standortdaten übermittelt. Technisch gesehen sei es möglich – rechtlich aber nicht erlaubt.

 

Nachrüst-Lösungen für"s kleine Budget

Nachdem die Einführung des EU-weiten Systems schon ein paarmal in der Warteschleife gelandet ist, haben sich die Versicherungen etwas überlegt, um unbürokratisch weiterzuhelfen.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherer GDV wirbt etwa für eine selbst entwickelte Nachrüstlösung, die „Unfallmeldedienst“ heißt und nach dreimonatiger, erfolgreicher Testphase seit Anfang April im Einsatz ist. Damit kommen auch Gebrauchtwagenfahrer in den Genuss des automatischen Notrufs.

Peter Slawik, Vorsitzender des Fachausschusses Kraftfahrtversicherung im GDV, sagt dazu: „Dank des Unfallmeldedienstes werden die Rettungskräfte in vielen Fällen deutlich schneller am Unfallort sein als bisher. So helfen wir, Leben zu retten und Verletzte so schnell wie möglich zu versorgen – denn in einem Notfall kommt es auf jede Minute an.“

Anbieter des neuen Dienstes sind in Deutschland alle teilnehmenden Kfz-Versicherer; Interessierte können den Stecker und die App direkt bei ihrer Versicherung erhalten. Auch in Österreich gibt es ein vergleichbares System namens „Allianz Drive“.

Kernstück des vom Autofahrer selbst nachrüstbaren Notruf-Systems ist jeweils schlicht ein Stecker für die 12-Volt-Buchse bzw. den Zigarettenanzünder im Auto, der je nach Versicherung zwischen 9 Euro Jahresbeitrag und 10 Euro Miete monatlich kostet. Beschleunigungssensoren im Stecker erkennen eine Kollision und auch die Stärke des Aufpralls.

 

Praktisch: Die Unfall-Melde-App

Diese Information sendet der Stecker des GDV-Systems dann an eine Unfallmelde-App auf dem Smartphone des Autofahrers. Die App meldet den Unfall, die aktuelle Position des Fahrers und die dem Unfall vorangegangene Fahrtrichtung – vor allem wichtig, wenn der Unfall auf der Autobahn passiert ist – an die Notrufzentrale.

Beim „Allianz Drive“ werden die Unfalldaten anonymisiert via App in die Allianz Global Assistance nach Wien gemeldet und deren Experten kümmern sich ebenfalls 24/7 um alles weitere: Sie alarmieren Rettungskräfte, zudem organisieren sie das Abschleppen und Bergen des Unfallwagens in eine nahe Werkstätte.

Gleichzeitig wird jeweils eine Sprechverbindung zwischen der Notrufzentrale und dem Autofahrer am Unfallort hergestellt. Wenn der Unfall schwer war, leitet die Zentrale sofort Rettungsmaßnahmen ein.

Technisch betrieben wird der deutsche Unfallmeldedienst von der GDV Dienstleistungs-GmbH & Co. KG, das ist übrigens dieselbe Firma, die schon seit 1999 das Notruf-Center betreibt, das über die Notrufsäulen entlang der deutschen Autobahnen erreichbar ist.

 

Hilfe auch bei Bagatellen

Den Automobilclubs wie dem ADAC wäre es freilich am liebsten, wenn die Technik fest im Auto verbaut ist – für maximale Sicherheit. Die Nachrüstlösung steht hier also nicht ganz oben auf der Wunschliste. Aber besser als gar nichts ist sie allemal.

Denn der Unfallmeldestecker hilft Autofahrern nicht nur bei einem schweren Crash, sondern auch bei Blech- und Bagatellschäden oder Pannen. Registriert das System nur einen leichten Aufprall oder löst der Autofahrer einen manuellen Pannenruf aus, nimmt der jeweilige Kfz-Versicherer den Unfall auf und organisiert Hilfe.

Der Unfallmeldedienst und seine Hardware gilt als unkomplizierte und robuste Lösung, an der mehrere Unternehmen zusammengearbeitet haben. Bosch hat etwa den GDV-Unfallmeldestecker entwickelt, IBM hat die App programmiert und die notwendige IT- und Kommunikations-Infrastruktur bereitgestellt.

 

Ein Europa, zwei Systeme...

Wir leben zwar im vereinten Europa, dennoch kochen deutsche und österreichische Versicherer mit dem Unfallmeldestecker immer noch jeweils ihr eigenes Süppchen.

Die Telematik-Lösung der österreichischen Allianz ist in ganz Europa nutzbar, verspricht die Versicherung. Der GDV-Unfallmeldedienst braucht jedoch ein deutsches Mobilfunknetz; im ausländischen Netz wird der Kunde via Push-Nachricht informiert, dass der Dienst eingeschränkt ist. Sprich: Notrufe werden nicht mehr automatisch ausgelöst, manuell ist es weiterhin möglich.

Sorgen wegen pausenloser Überwachung braucht sich auch bei der Nachrüstlösung niemand zu machen, heißt es – denn das Smartphone sendet nur nach einem Unfall oder manuellen Hilferuf SSL-verschlüsselte Daten aus.

Verläuft die Fahrt störungsfrei, werden auch keine Daten an die Notrufzentrale übertragen.

Die App zeichnet jeweils die letzten drei vom Smartphone ermittelten Positionsdaten auf, ohne sie zu senden. Ältere Daten werden kontinuierlich überschrieben. Im Gegensatz zu den GPS-Tracking-Systemen für Fuhrparks lassen sich übrigens mit der Notruf-App keine Rückschlüsse auf die dem Unfall vorausgegangene Fahrweise ziehen.

Wer nun entlang unserer gemeinsamen SALZACHbrücken-Grenze unterwegs ist und sich womöglich öfter dazu hinreißen lässt, hinüber und wieder herüber zu fahren, der darf sich wieder einmal mit eingeschränkten Funktionen oder zwei Notruf-Steckern und ihren jeweiligen Systemen herumschlagen.

Wer darauf keine Lust hat, dem hilft wohl nur, bis 2018 zu warten.

 

 
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