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Salzachbrücke

Frühling auf Rädern

Doch nicht so schnell – denn vor den Spaß haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt: erst einmal kümmern wir uns um den fahrbaren Untersatz, der uns treu durch den Winter begleitet hat. Etwas mehr als nur Sommerreifen wünscht sich das Alltagsauto nach der kalten Jahreszeit schon, und wer ein bisserl Wert legt auf Nachhaltigkeit, der gönnt ihm das auch.

Streusalz – Segen und Fluch

Fünf Mal um den Globus – das entspricht in etwa der Strecke, die die Streufahrzeuge der Asfinag allein im Bundesland Salzburg bis Mitte Februar zurückgelegt haben. Dabei mussten die vier Autobahnmeistereien rund 5.400 Tonnen Salz verteilen, um der Rutschgefahr Einhalt zu gebieten. Jeder, der im Winter unterwegs war, hat mit seinem Auto natürlich einen gewissen Teil dieser Menge mit nach Hause genommen. Als feine graue Schicht hängen die Reste nun in allen Nischen. Entsalzen tut not – und oft auch entrosten, denn Flugrost widersteht meist hartnäckig den Waschanlagen. Die lästigen Pünktchen entstehen durch Bremsenstaub, dessen Partikel sich auf der Lackoberfläche einbrennen; Salz begünstigt die Rosterei.

Nützlich sind Flugrostentferner zum Aufsprühen, die aber nur kurzzeitig einwirken dürfen, sonst schädigen sie den Lack. Nach der Einwirkzeit muss die Chemikalie gründlich abgespült werden. Anschließend empfiehlt sich die Verwendung einer sogenannten „Lack-Knetmasse“, bei der man mit einem Stück Knete und einem Kontaktspray arbeitet. Damit lassen sich im Handumdrehen nicht nur Flugrost-Reste, sondern oft auch Teerspritzer oder Harzflecken entfernen. Ein heißer Tipp für alle, die gern selbst Hand anlegen und anschließend an einem babypopoweichen Lack Freude haben.

Im Anschluss an alle Reinigungs- und Poliermaßnahmen am Lack ist natürlich immer an die pflegende und schützende Abschluss-Schicht mit Hartwachs zu denken. Für das Plastik im Außenbereich gibt es auch erstklassige Pflege, die neuen Tiefenglanz gibt und dem „Vergrauen“ entgegenwirkt. Lassen Sie sich bei der Auswahl der Reinigungs- und Pflegeprodukte am besten von einem Profi beraten – denn nicht alles, was man hierzu in den Regalen der Supermärkte findet, ist auch brauchbar. Zudem spielt der individuelle Lack- und Pflegezustand des Autos eine Rolle.

Um den gesammelten Schmutz aus Türeinstiegen, Gummis, Pedalerie und Scharnieren zu entfernen, braucht es keinen Spezialisten – etwas Akribie, ein Eimer warmes Wasser mit Spüli und ein weicher Lappen reichen völlig. Für schlecht zugängliche Stellen hilft die Verwendung eines Pinsels mit langen Borsten. Den Scharnieren und Schlössern gilt besonderes Augenmerk – beherbergen sie doch Feinmechanik, die Staub und Salz übelnimmt. Den oftmals schwärzlich verklebten Türscharnieren mit Abwaschwasser zu Leibe zu rücken, mag manchem etwas unorthodox erscheinen, jedoch bildet eine gründliche Reinigung und Entfettung die beste Grundlage für neue Schmierung – und diese ist Voraussetzung für ein langes Leben der Mechanik.

Erst schmieren, dann fahren

Die Binsenweisheit „Wer gut schmiert, der auch gut fährt“ enthält ein Körnchen Wahres, besonders wenn man die beweglichen Teile von Scharnieren und Schlössern mit Haftfett versorgt. Hier eignen sich Produkte zum Aufsprühen mit Festkörperanteil, wie etwa PTFE („Teflon“). Da sich die Motorhaubenscharniere ebenfalls über etwas schmierende Aufmerksamkeit freuen, können Sie bei der Gelegenheit gleich kontrollieren, ob unter der Haube noch alles so ist, wie es sein soll.

Vor dem Winter haben Sie bestimmt Scheibenfrostschutz aufgefüllt, jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um alle Flüssigkeiten zumindest auf Vorhandensein zu kontrollieren – Motorölstand, Kühlwassermenge, Bremsflüssigkeitsniveau, Servoöl – der Stand dieser Betriebsstoffe soll zwischen Minimum- und Maximum-Markierung liegen.

Auch die Streuscheiben der Scheinwerfer und die Windschutzscheibe auf Steinschläge zu kontrollieren, macht nach dem Winter Sinn. Steinschläge sind hauptuntersuchungsrelevant, lassen sich oftmals aber ohne kostspieligen Austausch der Scheibe reparieren. Mit einem speziellen Kunstharz kann die Werkstatt den Steinschlag verpressen und auf diese Weise unsichtbar machen.

„Neu“ heißt nicht zwangsläufig „sauberer“

Nach den Monaten, in denen wir mit dem mobilen Untersatz wie auf Eiern unterwegs waren, freuen sich die meisten über die nun anbrechende Zeit der zuverlässigeren Haft­-reibung zwischen Reifen und Straße.

Für die beschleunigte Fortbewegung eignet sich natürlich jede Art von Fahrzeug, egal ob alt oder neu. Jedoch wird jeder die Lebensweisheit „Der Weg ist das Ziel“ hautnah erfahren, der von diesem eigenartigen Virus befallen ist, der ein Ziehen in der Magengrube verursacht und ein Kitzeln in der Nase, sobald etwas nach echtem Maschinenbau klingt, nach Motor statt nach Nähmaschine – und wenn sich ein süßlicher Hauch von katlosem Abgas mit der Frühlingsluft mischt.

Vielleicht verdrehen Sie nun die Augen – oder seufzen Sie gar verzückt? Nicht, dass der Eindruck entsteht, wir stünden der Entwicklung des geregelten Dreiwege-Katalysators skeptisch gegenüber – jedoch haben auch die „alten Stinker“ durchaus ihre Daseinsberechtigung in der Neuzeit. Betrachtet man nämlich die CO2-Bilanz von der „Wiege bis zur Bahre“, so stehen ältere Autos hier nicht zwangsläufig schlechter da. Weil sie nicht so schwer sind und oft hubraumschwächere Motoren besitzen, hält sich der Spritverbrauch gegenüber ihren jüngeren Vettern in Grenzen und unterbietet die Neuen sogar oftmals.

Und leider schlüpfen Neuwägen ja bekanntermaßen nicht aus dem Ei, sondern werden aufwendig in der Industrie produziert. Hierfür fallen neben anderen Schadstoffen auch viele Tonnen Kohlendioxid an – bei der Herstellung der Einzelteile, beim Transport der Teile ans Band, bei der Produktion selber und schließlich beim eventuellen Verschiffen des fertigen Autos übers Meer.

Somit kommt jedes neue Fahrzeug schon mit einem beträchtlichen Schadstoff- und CO2-Rucksack im Schauraum des Händlers an. Um wirklich den Anspruch zu erheben, weniger umweltschädlich zu sein, dürfte ein Neuwagen zunächst für einige zehntausend Kilometer gar keinen Sprit verbrauchen, um dieses Manko wieder auszugleichen.

Die Alten mit dem „gewissen Etwas“

Wir gehen einfach mal davon aus, dass Sie Ihren Old- oder Youngtimer zwei- oder vierrädriger Bauart nicht durch den Winter gejagt haben, denn Blech, Chrom oder Gummidichtungen mit rund 30 Jahren auf dem Buckel leiden einfach deutlich mehr unter Frost und Salz als die neueren Varianten. Schädliche Stoffe dringen auch leichter in die Karosserien der Alten ein, und was dann im Verborgenen erblüht, steht im Normalfall auf der Liste der Horrorvorstellungen des Besitzers ganz oben.

Also: Scheunentor auf – Autoschutzdecke anheben. Der goldfarbene Lack schimmert mir entgegen, mein Lächeln spiegelt sich im Seitenfenster. Von drei Schlüsselchen passt einer an der Fahrertüre: Mit zwei Fingern und der Kraft, die nötig ist, um ein Stück Würfelzucker in Kaffee fallen zu lassen, schließe ich auf – und der Geruch, der mich nun umfängt, führt mich zurück in die Kindheit: Plastik roch vor 30 Jahren einfach anders, zudem gasen mit der Zeit die Weichmacher aus dem Armaturenbrett aus – trotz guter Pflege. Geruchs-Design: Fehlanzeige!

Jetzt wird erst einmal die Batterie wieder eingesetzt, die an einem wärmeren Ort überwintert hat. Routinemäßig prüfe ich alle Flüssigkeiten und Schläuche – ein Marder könnte zu Besuch gewesen sein oder ein Schlauch durchs Alter porös. Vor dem ersten Startversuch würde ich gern das Benzinpumpen-Relais ausstecken – da den Vierzylinder aber ein Vergaser befeuert, muss ich mich darauf verlassen, dass er ohnehin etwas braucht, um anzuspringen. Der Vergaser ist noch leer und so kann sich der Öldruck beim Durchdrehen aufbauen und alle Schmierstellen in Ruhe mit Motoröl versorgen, bevor der Wagen läuft.

Jetzt geht´s los

Auch Routine: Handbremse anziehen, Gang raus, Kupplung unbetätigt, orgeln. Es kann nämlich vorkommen, dass die Kupplung über die Standzeit verklebt ist – und niemand startet gern mit einem Blechschaden in die Saison, weil das Auto beim Anlassen einen Satz gemacht hat.

Ganz gleich, ob es ein reines Sommerauto ist – ein Cabrio etwa –, ein Motorrad oder ein Oldie: Sich mit den zum Winter­gefährt unterschiedlichen Fahreigenschaften rasch wieder vertraut zu machen, gehört jetzt zur wichtigsten Pflicht des Lenkers. Bei den ersten Bremsungen muss man zudem damit rechnen, dass die Bremse verzögert anspricht: In der Standzeit entwickeln die Bremsscheiben und -trommeln Flugrost, der erst weggebremst werden will. Über den Winter haben rund 3 Bar Druck die Reifen vor Standschäden geschützt – nach dem Montieren der Nummernschilder führt daher der erste Weg direkt zur Tankstelle, um den Reifenluftdruck auf Normal zu senken.

Auch wenn laut Oldtimer-Weltverband FIVA 83% aller historischen Fahrzeuge weniger als dreimal pro Woche gefahren werden – die Freude daran ist vielleicht gerade deshalb umso größer. Tatsächlich ergreift mich ein starkes Gefühl von Abenteuer, als ich von der Tankstelle Richtung Berge abbiege. Passanten drehen sich nach meinem Auto um und lächeln, Großväter erklären ihren Enkeln mit Fingerzeig auf mein Gefährt etwas.

Problemlos bringen die 44 PS das 800-Kilo-Wägelchen auf Reisegeschwindigkeit, und einmal mehr frage ich mich, wozu denn all die andren Autos mit Schnickschnack wie Servolenkung, Bremskraftverstärker oder elektrischen Fensterhebern ausgestattet sind. Ich spüre jeden größeren Kieselstein auf der Straße und habe direkten Kontakt zu allem, was um mich herum passiert, was mir ein gutes Gefühl von Kontrolle über das kleine Auto vermittelt.

Der fahrtechnische Grenzbereich zeigt sich nicht in hektisch blinkenden Warnlämpchen, sondern ist ganz direkt erfahrbar, da weder Elektronik noch Dämmung den Kontakt zur Fahrphysik verfälschen. Der kleine Oldie ist Auto pur – weniger geht fast nicht mehr. Vielleicht rührt auch daher dieses besondere Gefühl, das sich einfach in keinem Neuwagen einstellen will und jedes Frühjahr aufs Neue Freude macht.

Elisabeth Strassert

 
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