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Salzachbrücke

Vom Kultmobil zum Kubikmeterquader

Über viele Jahre hinweg war das Auto ein treuer Diener, hat Kinder, Hund und Urlaubsgepäck in alle erdenklichen Richtungen gebracht, musste viele Wäschen, Ölwechsel, Unwetter und auch den ein oder anderen kleinen Unfall über sich ergehen lassen.

Eines Tages ist der TÜV oder das Pickerl abgelaufen, die Reparatur des undichten Getriebes rentiert sich nicht mehr, übersteigt den Zeitwert des Wagens. Rost sitzt ihm ja auch schon länger in den Karosseriespalten, und so lautet die Entscheidung schließlich: Verschrotten. Doch ist das wirklich so einfach wie es klingt?

 

Wer will mich?

Den guten Wagen jetzt dem Schrotti schenken? Kommt ja nicht in Frage, denn „...ich hab ihn ja auch gepflegt, all die Jahre“ – nur offenbar irgendwann damit aufgehört, sonst stünden wir ja jetzt nicht hier. Viele Menschen sehen mehr als einen Gebrauchsgegenstand in ihrem Auto – auch der letzte Weg soll deshalb in Würde begangen werden.

Zunächst wird man als Besitzer vielleicht Kleinanzeigenblätter und Plattformen im Internet bemühen; ein paar Euro soll der alte Gefährte schon noch bringen. Freilich wird er ohne TÜV bzw. Pickerl und mit öltriefendem Getriebe nicht so leicht einen privaten Abnehmer finden.

Vorsicht ist geboten, wenn der freundliche Osteuropa-Exporteur Interesse bekundet – aber auch jeder andere potentielle Käufer verdient zunächst eine gesunde Portion Skepsis. So, wie der Käufer das Auto gründlich anschauen wird, ist auch der Verkäufer gut beraten, den Interessenten dabei zu beobachten.

Jeder Kaufinteressent, der versucht Druck zu machen, Bedingungen stellt („...kaufe das Auto nur angemeldet!“) oder seltsame Deals vorschlägt („Tausche gegen Mercedes!“), sollte unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren. Die Menge Ärger, die man sich dabei einhandeln kann, steht in keinem Verhältnis zu den paar hundert Euro, die womöglich anschließend auf dem Tisch liegen.

Mit dem etwas schrulligen Begriff „Verwaltungsübertretung“ bezeichnet es übrigens der österreichische Gesetzgeber, wenn ein fahruntüchtiges Auto ins Ausland verkauft wird – eigentlich ist es samt seiner Flüssigkeiten Sondermüll. Und den zu exportieren ist nunmal verboten. In Deutschland nennt man das Vergehen „Ordnungswidrigkeit“, die den Fahrzeughalter bis zu 50.000 Euro Strafe kosten kann.

Als „Gebrauchtwagen“, der problemlos weiterverkauft werden darf, gilt das Auto übrigens nur, wenn die anstehende Reparatur den Zeitwert nicht übersteigt. Und hier ist leider der ehemalige Besitzer in der Beweispflicht.

 

Gute Möglichkeit: Zurück zum Hersteller

Ist das Autoleben wirklich vorbei, rümpft sowohl der österreichische wie der deutsche Staat heftig die Nase, wenn der fahrbare Untersatz einfach irgendwo stehengelassen wird. Saftige Strafen gibt‘s hierfür.

Auch diese kürzlich durchs Internet „berühmt“ gewordene Kleinanzeige dürfte rechtliche Konsequenzen haben: „Auto abzugeben! Bin in den Graben gefahren, will mich nicht darum kümmern. Holen Sie es ab, Schlüssel steckt.“ mit Foto des verunfallten Wagens.

So etwas muss außerdem nicht sein, denn seit dem Jahr 2007 sind gemäß der „Altfahrzeugverordnung“ die Autohersteller in der Pflicht – ebenso, wie Sie Altbatterien im Supermarkt in die grüne Plastikbox werfen können, wonach sie dem Recyclingkreislauf zugeführt werden, dürfen Sie Ihr bis zu Ende genutztes Auto dem Hersteller oder Importeur zurückgeben.

Bei der Abwicklung helfen im Normalfall die jeweiligen Markenhändler. Angenommen werden in der EU zugelassene Personenkraftwagen mit höchstens acht Sitzplätzen, Nutzfahrzeuge mit einem Höchstgewicht von bis zu 3,5 Tonnen sowie dreirädrige Kraftfahrzeuge.

Was einfach und sauber klingt, machen jedoch nicht viele. Denn die meisten Menschen möchten doch noch ein paar Scheinchen für ihr Auto haben – oder wenigstens einen Kasten Bier.

Die Rückgabe beim Autohersteller klappt übrigens nicht bedingungsfrei. Sie ist kostenlos, aber nur, wenn das Auto noch komplett ist. Halb ausgeschlachtete „Karosserieleichen“ werden nicht zurückgenommen, ebenso wenig Fahrzeuge mit vollgemülltem Kofferraum.

 

Auf der sicheren Seite mit zertifiziertem Entsorger

Dieselben Bedingungen stellt übrigens auch der zertifizierte Entsorger, der „Schrotti“: Ein ausgedienter Kühlschrank hat im zu entsorgenden Auto ebenso wenig verloren wie ein paar Beutel Hausmüll.

Denn nach dem Verwertungsnachweis kommt keineswegs die Sintflut, sondern eine genau geregelte, der Reihe nach ablaufende Weiterverwertung des Autos. Abgeben kann man das Fahrzeug auch bei offiziellen Annahmestellen, die es dann dem Verwerter weitergeben.

Das Ganze funktioniert übrigens trotz EU noch nicht grenzübergreifend. Warum keine Autos über die Grenze beispielsweise nach Österreich gebracht werden zum Entsorgen, liegt an der „Grünen Liste“ von ungefährlichen Abfallstoffen. Hierzu zählen Papier, Glas, Bauschutt, Metalle, aber eben keine Autos oder Mülle.

Je nach Betrieb und Automodell ist das Verschrotten meist gratis – manchmal gibt‘s sogar noch einen kleinen Betrag. Hier lohnt es sich durchaus, Angebote zu vergleichen. Generell gilt: Ist das Auto bereits halb geschlachtet oder vermüllt, kostet auch das Entsorgen im Normalfall etwas.

 

Der Anfang vom Ende

Ist die Entscheidung für den Entsorger gefallen, gibt der Fahrzeughalter sämtliche Autopapiere und Schlüssel ab und bekommt den Verwertungsnachweis. Damit muss er noch zur Zulassungsstelle, wo das Auto abgemeldet und gelöscht wird.

Übersieht der Besitzer das Löschen, gibt’s ein „Geisterauto“ – also eines, das in der Kartei noch auf seine Wiederzulassung wartet, wohl bis in alle Ewigkeit. Der Entsorgungsnachweis ist übrigens auch wichtiges Dokument, wenn noch ein gültiges Autobahnpickerl am Auto verblieben ist. Bei Vorlage gibt‘s kostenfrei ein neues.

Hat der ehemalige Besitzer seinem Auto mehr oder weniger wehmütig den Rücken gekehrt, hebt der Entsorger es mit dem Stapler hoch, um zuallererst die Flüssigkeiten abzulassen – alle Öle kommen in einen Topf, Kühlmittel in den nächsten, Bremsflüssigkeit, Diesel und Benzin werden ebenfalls jeweils getrennt entsorgt.

Das Altöl wird abgeholt, aufgearbeitet und recycelt, die Motorkühlflüssigkeit ebenfalls vom Spezialisten mitgenommen. Das Kältemittel aus der Klimaanlage wird abgesaugt, bis die Anlage restentleert ist.

 

Frisch gepresst ist halb geschreddert

Einmal noch wird es richtig laut im Auto, denn die Airbags und Gurtstraffer werden gezielt gezündet – würden diese pyrotechnischen Bauteile beim Transport oder im Schredder in die Luft fliegen, hätte der Maschinenbediener wenig Freude.

Dann geht der Striptease weiter: Die Reifen werden abgeschraubt, die Batterie ausgebaut, und schließlich je nach Automodell gefragte, brauchbare Karosserie- und Technikteile abgebaut. Das sind etwa Stoßfänger, Türen oder Scheinwerfer, aber auch Antriebswellen und Lichtmaschinen.

Auch hier lauert übrigens eine Gesetzesfalle: Nur der offizielle Entsorger darf Ersatzteile ausbauen und weiterverkaufen – Privatiers oder Händler können mächtig Ärger bekommen, wenn sie das tun. Die beim Verwerter am häufigsten nachgefragten Ersatzteile betreffen aktuell übrigens den Golf der vierten Generation (1997 bis 2003) und den Polo 9N (2001 bis 2005).

Der letzte Schritt führt meist zur Presse, wo die Autoreste mit dem Bagger etwas zusammengedrückt werden, dann geht’s mit dem vollgeladenen 18-Tonner zu einem der zahlreichen Schredderwerke in der Gegend, allein im Radius von 200 Kilometern finden sich fünf Betriebe.

 

Erst Müll machen, dann trennen

6.000 PS Leistung hat so ein Schredder – genau betrachtet sind das gigantische Walzen mit Reißzapfen, die sich langsam und unerbittlich gegeneinander bewegen und das ehemalige Auto förmlich Stück für Stück in sich hineinfressen.

Hinten aus dem Schredder kommen etwa faustgroße Stücke heraus, dann werden die unterschiedlichen Stoffe mit Hilfe von Magnet- und Luftabscheidern über eine Wippe voneinander getrennt – in Eisenmetalle, leichte und schwere Stoffe.

Einer der wichtigsten Rohstoffe ist freilich der Karosserie-Bestandteil Stahl, das weltweit am meisten recycelte Metall. Die aussortierten Eisenstückberge werden deshalb mit dem Bagger verladen und landen zum Beispiel in den Bayerischen Stahlwerken oder sie werden per Schiffscontainer in verschiedene Länder exportiert. Dabei gilt: Wer es am dringendsten braucht, zahlt den höchsten Preis dafür und bekommt den Rohstoff. Daraus entstehen dann zur weiteren Verwendung beispielsweise Tiefziehplatten.
Schrott ist übrigens bis zu 100 Mal recycelbar – ohne Qualitätsverlust.

Trotz des relativ hohen Aufwands beim Schreddern, Trennen und Transportieren des Metalls ergibt sich eine hohe CO2-Einsparung beim Eisenrecycling im Vergleich zur Neugewinnung aus Erz. Wie das deutsche Stahl-Zentrum mitteilt, spart das Recycling des Metalls allein in Deutschland jährlich mehr als 20 Mio. Tonnen CO2 ein.

 

Dank Prämie war plötzlich alles „Schrott“

Individuelles Fortbewegungsmittel, Berufsgrundlage, liebstes Kind, Statussymbol – das alles und noch viel mehr kann ein Auto sein. Alles, was das Auto für seinen Besitzer verkörpert hat, zeigt sich auch auf seinem letzten Weg.

Ein Jahr, in dem sich schlagartig und fast grauenerregend jegliche emotionale Verbindung zum eigenen Auto in Luft auflöste, war 2009. Das Jahr der Abwrackprämie, die eigentlich beschönigend „Umweltprämie“ hieß.

2.500 Euro gab es vom deutschen Staat für jeden, der sein Altauto verschrotten ließ und sich einen Neuwagen kaufte. Bis der dafür vorgesehene Geldtopf leer war, versteht sich – das war dann im September der Fall.

Was der schwächelnden Autoindustrie im Jahr der Krise helfen sollte, hat so manchen guten Gebrauchten mit höherem Wert und auch so manches automobile Kulturgut unwiederbringlich vernichtet. Denn wenn der Verwertungsnachweis ausgestellt ist, gibt es kein Zurück.

 

„Rekordverschrotten“ fahrtüchtiger Autos

Eigentlich ein trauriger Rekord: 9.000 Autos hat allein die Firma Schaumaier in Traunstein im Jahr der Prämie angenommen – in „normalen“ Jahren sind es im Vergleich etwa 3.000.

Oftmals wurden sogar noch völlig brauchbare Alufelgen mit Sommerreifen ins fahrbereite Auto gestopft, frei nach dem Motto „alle Gehirnzellen ausschalten und weg damit“. Die Augen tränten einem, sah man gepflegt glänzende Ersthand-Vierer-Gölfe beim Verschrotter stehen, die auf dem privaten Markt noch gut 4.000 Euro gebracht hätten.

Gerettet werden konnte wenigstens ein rostfreier Fünfer BMW aus dem Jahr 1986 mit nur 58.000 Kilometern auf der Uhr. Inzwischen zahlen Liebhaber dieses Modells sicherlich gerne 5.000 Euro und mehr dafür. Für Enthusiasten grenzt es an Blasphemie, solch ein Auto für einen schnöden, neuen Plastikbomber zu zerstören.

Und doch, so tickt unsere wirtschaftshörige Gesellschaft: Wenn es etwas Neues gibt und Geld vom Staat, wird nicht lange gefackelt. Nur – wir alle sind der Staat, der die Dinge bezahlt, die die Regierung „spendiert“.

Und wenn wir selbst eines Tages ebenso wie unser vierrädriger Begleiter nicht mehr ganz taufrisch sind, aber reich an Erfahrung und frei von Kinderkrankheiten, freuen wir uns über Freunde und Arbeitgeber, die das zu schätzen wissen und uns nicht einfach für etwas Neues auf den Schrott schmeißen.    

 

Elisabeth Strassert

 

 
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