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Salzachbrücke

Wenn pendeln zur Last wird

Glaubt man den meisten Studien zum Thema, dann ist die Mehrheit der Betroffenen durchaus alles andere als glücklich über die ein bis zwei oder mehr Stunden, die sie täglich für den Weg zur Schule oder Arbeitsplatz und wieder nach Hause aufwenden. SchülerInnen berichten von regelmäßigem Bauchweh, weil manche Lehrer kein Verständnis für Verspätungen und versäumte Anschlüsse hätten; ähnlich ergeht es vielen Arbeitnehmern aus Angst um ihren Job. Ist es bei der Schule nur eine Frage der Zeit, bis sich die Situation wieder komplett ändern kann, so vermag die langfristige Perspektive dem pendelnden Werktätigen durchaus zur Belastung zu werden. Wird der Leidensdruck zu groß, finden viele im Ausweichen auf eine frühere Verbindung zweifelhafte Erleichterung ihres Pendlerloses.
Was in jedem Fall bleibt, ist eine nicht unwesentliche Zeitspanne, die ausschließlich der Überbrückung einer immer gleichen räumlichen Distanz dient, darüber hinaus aber zumeist als verloren wahrgenommen wird. Weder wird dieser Zeitaufwand materiell entlohnt, noch ernten Pendler auch nur die geringste Form gesellschaftlicher Anerkennung dafür, dass sie ihre Arbeitskraft der Volkswirtschaft unter erschwerten Bedingungen zuführen. Im Gegenteil setzen sie sich tagtäglich dem latenten Vorwurf aus, entweder zum Stau auf der Straße oder zu Überfüllung von Bussen und Zügen beizutragen. Wobei dieser Vorwurf interessanterweise nahezu ausschließlich von anderen Pendlern herrührt, die entweder selbst erst seit kurzem in dieser Rolle oder schlichtweg notorische Raunzer sind.

ALS PENDELN NOCH ETWAS GALT
Vor gut hundert Jahren, als nur jeder Zehnte seine Gemeinde verließ, um woanders zu arbeiten, galten diese Pendler noch als Abenteurer und Dorf-Korrespondenten in der weiten Welt da draußen. Mit zunehmender Verdichtung der Nahverkehrsnetze und Motorisierung des Straßenverkehrs wurde auch das Pendeln immer attraktiver. Zunächst waren es hauptsächlich Akademiker und besonders gefragte Fachleute, die man auch von außerhalb in die Städte engagierte; Pendeln galt folglich als Indiz für eine höhere Position.
Mittlerweile zieht sich das Pendlerschicksal durch alle Berufsgruppen und Verwendungsstufen. Doch selbst die globale
Vernetzung, die allmächtige Kommunikationstechnik und eine in der Menschheitsgeschichte kaum je da gewesene Mobilität
bei dauernder Erreichbarkeit, vermögen dieses schlichten, analogen Problems räumlich getrennter Lebensbereiche Herr zu werden.
Neben den teils katastrophalen Auswirkungen auf die Verkehrssituation rund um die Ballungszentren – gut zwei Drittel sind im motorisierten Individualverkehr (Auto, Motorrad etc.) unterwegs – schlägt sich das regelmäßige Pendeln mit mindestens 45 Minuten je Strecke auf die Gesundheit. Am leichtesten nachzuvollziehen ist das bis zu sechsfach erhöhte Ansteckungsrisiko mit Atemwegserkrankungen bei Pendlern im öffentlichen Nahverkehr. Aber auch stressbedingte Leiden an Körper und Psyche treten quer durch alle einschlägigen Studien bei Pendlern signifikant häufiger auf. Rechnet man den Produktivitätsverlust durch eine belastende morgendliche Anfahrt zur Arbeit hinzu, sollten bei so mancher Unternehmensleitung die Alarmglocken schrillen.
Und tatsächlich haben vor allem große Unternehmen vereinzelt schon auf die Probleme ihrer Pendler reagiert. Über die Schaffung einer ausreichenden Zahl an Parkplätzen und vielleicht eine zusätzliche Stunde Gleitzeit gehen diese Maßnahmen aber kaum hinaus. Dabei ließen sich mit einem Abrücken vom Dogma der Anwesenheitspflicht, verbunden mit deutlich mehr Vertrauen in die eigenen MitarbeiterInnen, mit ein wenig Kreativität und Umsicht und vor allem mit räumlich flexiblen Lösungen (Stichwort: home office) Zufriedenheit und Produktivität der Pendler deutlich steigern.

ENTFREMDUNG UND VEREINSAMUNG
Aber auch im Privatleben hinterlässt das Pendeln seine Spuren. Vom Rückzug aus dem sozialen Umfeld und dem Vernachlässigen von Freundschaften abgesehen, ist in den ersten fünf Jahren des Pendelns auch die Trennungsrate bei Pendler-Ehen um die Hälfte höher als gewöhnlich.
In seinem Werk über die Tendenz zur Vereinsamung bringt der US-Soziologe Robert Putnam das Dilemma des pendelnden Elternteils auf den Punkt: Der Durchschnittspendler verbringe halb so viel Zeit mit seinen Kindern wie damit, „allein in Metallboxen durch die Gegend zu fahren“. Im Titellied ihrer CD „Auswärts“ zeichnen die Lungauer „Querschläger“ beklemmend deutlich die Narben heraus, welche „allweil auswärts“ arbeiten im Erleben der eigenen Familien hinterlässt: „Du blattlst in dein Fotoalbum – es is halbert laa!“ Und mindestens ebenso ernüchternd fällt das Resümee aus: „So is dei Lebn: halbert auswärts und lei halbert daham!“
Eines dürfte nach den bisherigen Erkenntnissen zum Thema feststehen: Die meisten Pendler trösten sich mit dem Argument der sachlichen Notwendigkeit über die tatsächliche Belastung durch das Pendeln hinweg. Diejenigen aber, die sich dem Problem stellen, haben gute Chancen, ihm auch wirksam zu begegnen: Sei es im Extremfall durch einen Wechsel von Wohn- oder Arbeitsort, sei es durch den Umstieg auf ein entspannenderes Verkehrsmittel, durch aktive Gestaltung der Fahrtzeit im Sinne des eigenen Wohlbefindens und schließlich dort, wo es sich einrichten lässt, durch das bewusste Bewältigen einer Teilstrecke zu Fuß oder mit dem Rad. Wenn sich das Pendeln an sich schon nicht vermeiden lässt – die subjektive Wahrnehmung und die Wirkung auf die Persönlichkeit können wir durchaus zum Positiven verändern!
 
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