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Salzachbrücke

Architektur- und Wohnpsychologie – Räume prägen den Menschen

In den letzten Jahrzehnten waren die Architektur und das gesamte Bauwesen intensiv beschäftigt mit der Einführung und Umsetzung neuer Technologien, Materialien wurden und werden erprobt, Produkte optimiert, der gesamte Energiebereich wirbelt durch eine Flut von Innovationen, Normen ändern sich laufend, die Kostenspiralen drehen sich schneller und schneller.
Und was kommt heraus? Böse Zungen meinen: manch leere, technisierte Raumhüllen, oft mehr 08/15 als bedürfnisgerecht.

DER MENSCH ALS RANDFIGUR
Es scheint, dass etwas Wesentliches zum Randphänomen verkümmert: Der Mensch, der in den Gebäuden wohnen, leben und arbeiten soll.
Noch ist es eine handverlesene Minderheit, die Architektur mit Psychologie und Soziologie in Verbindung bringt. In der Schweiz hat sich auf diesem Gebiet schon allerhand getan, in Deutschland wird an einigen Universitäten Architekturpsychologie gelehrt. Österreich ist diesbezüglich Brachland.
In den Bereichen Seniorenheime, Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser sind erste Ansätze derartiger Verknüpfungen festzustellen, viel mehr tut sich jedoch nicht.

WECHSELBEZIEHUNG MENSCH - RAUM
Dabei ist es kein Geheimnis, dass der Mensch in Beziehung steht zu seiner Umwelt, dass es Wechselwirkungen zwischen Wohn-/Lebensraum und Mensch gibt, dass Räume bewusst und unbewusst auf uns wirken und unsere Grundstimmung beeinflussen, was sich auch körperlich auswirken kann. Räume können uns stärken und aktivieren oder Energie rauben und bedrücken, Räume wirken auf unsere Seele.
Was also liegt näher als eine interdisziplinäre Verbindung von Architektur und Psychologie bzw. Soziologie?

LEHRSTUHL FÜR ARCHITEKTURPSYCHOLOGIE?
Die SALZACHbrücke sprach mit Architekt DI Dr. Helmuth Seidl, der sich seit 15 Jahren mit der Wirkung von Räumen auf den Menschen befasst.
SALZACHbrücke: Warum sollte es auch in Österreich einen Lehrstuhl für Architekturpsychologie geben?
DI Dr. Helmuth Seidl: Eine Kombination von Architektur und Psychologie/Soziologie wäre wichtig, da die Architektur sich zunehmend auf Technik, Know how und Kostenoptimierung beschränkt. Namhafte Wissenschafter bestätigen aber, dass Räume Einfluss auf Menschen nehmen. Architekturpsychologie ist fächerübergreifend. Das Bindeglied zwischen den Disziplinen wird bei uns nicht angeboten. Ideal wäre die Ausbildung an einer Fachhochschule, wobei sich Architektur und Psychologie gleichwertig die Waage halten müssten.

SB: Noch in diesem Jahr erscheint Ihr Buch „Räume machen Menschen – Menschen machen Räume“. Unter gleichem Titel veranstalten Sie Lehrgänge. Wen sprechen Sie damit an?
Dr. Seidl: Unsere interdisziplinären Lehrgänge werden zunehmend von Therapeuten, ArchitektInnen und PlanerInnen sowie Künstlern besucht. Wir wollen Bewusstheit schaffen, dass ein Haus oder eine Wohnung keine „Wohnmaschine“ ist. Um Wohlgefühl auszulösen, müssen Wohnbereiche lebens- und bedürfnisorientiert konzipiert werden, auch in geistig-seelischer Hinsicht.

SB: Was ist die größte „Sünde“ bei einer Wohnraumplanung?
Dr. Seidl: Die Mitnahme alter Muster. Viele junge Paare wiederholen unbewusst eingefahrene Wohnmuster, die in einer Familie schon über mehrere Generationen überliefert werden. Das kann eine eigene Weiterentwicklung und persönliche Entfaltung verhindern.

SB: Wie gehen Sie bei der Beratung darauf ein?
Dr. Seidl: Bei jeder Neuplanung treten wir in einen Prozess, eine Entwicklung ein. Lebensgeschichten tun sich auf, man setzt sich mit der Kindheit auseinander, mit alten Prägungen. Nicht selten kommt es zu Partnerschaftskrisen. Entwicklung ist nur möglich, wenn überholte Muster aufgelöst werden. Dann kommt es zu Bewusstseinsveränderungen, die nicht nur den Lebensraum sondern das ganze Leben betreffen. Ich kann auf anstehende Themen hinweisen, für die die Lösungen entdeckt und erarbeitet werden müssen.

SB: Bei jungen Leuten hat man doch eher den Eindruck, sie gestalten ganz anders als ihre Eltern?
Dr. Seidl: Viele glauben, es zu tun. Schaut man genauer hin, ist alles beim Alten, nur zeitverschoben der Mode angepasst. Oder die jungen Leute rebellieren, indem sie demonstrativ „anders“ gestalten – und machen trotzdem alles gleich.

SB: Was wäre ein Beispiel für Rebellion?
Dr. Seidl: Übergroße Glasflächen – aber man muss differenzieren. Im öffentlichen Bau kann das ein Hinweis auf Transparenz in der Verwaltung sein; aber ein Zuviel tut den Menschen nicht gut. Im Privaten sind Glasflächen ein Zeichen für ein Bedürfnis nach naturräumlicher Umgebung, unabhängig ob energietechnisch sinnvoll oder nicht, also einseitig betrachtet. Ohne Sichtschutz fühlen sich die Leute unsicher, fast bedroht, als „gläserner Mensch“. Es kommt zu Dissonanz.

SB: Was läuft im Planungsverhalten sonst noch falsch?
Dr. Seidl: Ein häufiger Fehler von Selbstplanern ist, dass ein Partner die Führung übernimmt und der andere sich fügt – die Ehekrise ist vorprogrammiert. Selbstplaner bauen meistens zu groß, da sie nicht in der Lage sind, die Raumgrößen zu optimieren, was zu finanziellen und emotionalen Belastungen führt. Vor allem Männer kaufen schneller ein „Haus von der Stange“ als ein Auto, um das sie sich monatelang Gedanken machen – das ist bezeichnend für unsere Gesellschaft. Und eine Katastrophe ist es, auf den Keller zu verzichten. Dadurch fehlt aus systemischer Sicht der Aspekt der Vergangenheit; der Lebensraum spiegelt unsere Lebensthemen auf horizontaler Ebene im Grundriss und vertikal zeigt sich unsere Zeitlinie.

SB: Wenn nun bedürfnisorientiert geplant wird, welche Bedeutung haben Materialien?
Dr. Seidl: Ich baue nur noch in Massivholz, das bedeutet ein Mehr an Qualität, Behaglichkeit und Werthaltigkeit, preisgleich mit Ziegel oder Beton. Meine Erfahrung: Wenn ich mit Kunden prozess­orientiert arbeite, kommt es immer zu einem ökologisch optimierten Haus. Wohnpsychologisches Denken führt zu ökologischer Denkweise.

SB: Das Passivhaus ist in aller Munde ...
Dr. Seidl: Der Zenit der Passivhaus-Idee dürfte allmählich überschritten sein. Wärmeschutz- und Fenstertechnologien im Einklang mit verbesserten alternativen Energietechnologien werden ein Umluftsystem unnötig machen, bei dem die Luft durch Leitungen gepresst wird. Es wird ja empfohlen, möglichst nicht zu lüften, was sich auf die Psyche auswirkt – kein Duft frisch gemähten Rasens, kein Vogelgezwitscher ... Fühlige Menschen empfinden eine feinstoffliche Veränderung dieser Umluft, sie wirkt energielos.

SB: Wie kamen Sie zu Ihren architekturpsychologischen Erkenntnissen?
Dr. Seidl: Die intensive Auseinandersetzung mit architekturphilosophischen und -psychologischen Themen führte zu einer Verbindung meiner Kompetenzen als Architekt mit ökologischem Gedankengut. Die Einbindung soziologischen Gedankengutes ist naheliegend, meine Frau ist Soziologin, Lebensberaterin und Supervisorin.

Sylvia Nachtmann

 
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