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Salzachbrücke

Der vergoldete Käfig - Lärmschutz will gut überlegt sein

„Melk! Schaut schnell, Kinder! Da vorne liegt das Stift Melk!“ Kaum ins Blickfeld gerückt ist der Prachtbau auch schon wieder hinter verwitterten Holzflechtwänden entlang der Autobahn verschwunden, noch ehe die Jugend ihre Augen vom Display losreißen kann. Immerhin lassen sich die gleich danach auftauchenden Windräder beinahe in voller Höhe bestaunen. An der A 1 zwischen Salzburg und Wien haben ausgedehnte Lärmschutzanlagen schon seit Jahrzehnten Tradition. Dennoch erscheint es jedes Mal mehr als ein Glücksfall, wenn zwischendurch doch einmal ein bisschen Landschaft und der eine oder andere Weiler zu erspähen sind. Dörfer und größere Siedlungsgebiete sind über weite Strecken beinahe zur Gänze hinter den mannigfaltig gestalteten Mauern, Wänden und Aufschüttungen versteckt.

Gewerbegebiete und „Gstätten“, also Industriebrachen und Lagerflächen aller Art, präsentieren sich dagegen ebenso ungeniert wie ungeschützt. Dabei wirft so mancher flachwinkelige Spähblick ins Grünland hinter der „Wand“ durchaus die Frage auf, wodurch sich der ungeheure Aufwand für oft kilometerlange Lärmschutzwände  rechtfertigen lässt. Auch im SALZACHbrücken-Land schieben sich mehr und mehr Beton- und sonstige Wände und Wälle vor Siedlungen und Häusergruppen. So manche Maßnahme – ob auf der Autobahn, entlang von Bahnstrecken, aber auch an Landstraßen innerhalb von Ortschaften – mag willkürlich und schwer nachvollziehbar erscheinen. Und doch folgt zumindest der öffentlich betriebene und großteils auch finanzierte Lärmschutz einem gewissen System; wenn auch einem durchaus verbesserungsfähigen.

 

Flächendeckender Lärmkataster

Nach der Umgebungslärm-Richtlinie der EU aus 2002 hat jedes Mitgliedsland im Abstand von fünf Jahren die kartographische Erfassung neuralgischer Stellen, Strecken und Flächen mit übermäßigem Lärmaufkommen samt zugehörigem Aktionsplan zu erstellen und an die EU-Kommission zu übermitteln; unter www.laerminfo.at sind diese Inhalte auch allgemein zugänglich.

Da erfährt man etwa, dass eine beachtliche Bandbreite an Lärmschutzmaßnahmen zur Verfügung stünde, ehe mit der Errichtung von Lärmschutzanlagen eine der teuersten Varianten zum Einsatz kommen muss. Speziell in Ortszentren mit oft dichter Verbauung sind die großflächigen Abschirmungen nicht tragbar. Aber auch im Randbereich von Siedlungen und auf weitgehend freier Strecke können Ortsbild- und Landschaftsschutzinteressen allzu grauslichen Verschalungen entgegenstehen.

Neben diesem eher ästhetischen Gesichtspunkt ist freilich eine ganze Reihe sehr praktischer Kriterien ausschlaggebend, ob es sinnvoll oder überhaupt erst möglich ist, Lärmschutzwände oder -wälle zu errichten. Wie schon beim Ortskern angesprochen muss genügend Platz verfügbar sein, der für Schutzwälle einen der häufigsten Ausschlussgründe ausmacht. Weiters sollte die Wand möglichst nahe an der Lärmquelle stehen, um ein Höchstmaß an Schall frühestmöglich aufzunehmen und im besten Fall zu schlucken; gleichzeitig aber darf dadurch keine Sichtbehinderung für die Verkehrsteilnehmer entstehen.

Das Erfordernis, Zufahrten und Zugänge zu Liegenschaften nicht gänzlich zu blockieren, kommt leicht in Konflikt mit der Anforderung, dem Schall auch horizontale Umwege durch seitliche Überlängen der Wände tunlichst zu erschweren. Und schließlich tragen verträgliche Außenmaße der Lärmschutzanlagen wesentlich zur allgemeinen Akzeptanz und zum Wohngefühl dahinter bei. Auch die optische Durchlässigkeit muss nicht nur überlangen Anlagen auf Autobahnen oder entlang der Eisenbahn vorbehalten bleiben.

 

Jedes Dezibel zählt

Ehe schließlich die Kosten der Errichtung wie so oft das letzte Wort haben, sollte natürlich der Zweck der Anlage überhaupt erreichbar sein: Als Faustregel gilt eine Reduktion des Lärmpegels um fünf bis acht Dezibel, ab der eine Lärmschutzeinrichtung überhaupt erst sinnvollerweise in Frage kommt. Im Schnitt „schaffen“ normale Anlagen zwischen fünf und 15 dB, selten bis zu 20 dB. Beachtlich ist der Umrechnungsmodus zwischen Lärmenergie, -pegel und -wahrnehmung; eine gefühlte Halbierung der Lautstärke wird bereits bei einem Minus von zehn Dezibel erzielt, was aber gleichzeitig einer Verminderung der Schallenergie auf ein Zehntel bedarf. Für zwanzig Dezibel oder empfundene drei Viertel weniger Lärm darf gar nur noch ein Hundertstel an Lärmenergie den Weg hinter das Hindernis finden.

Um solche Ergebnisse zu erzielen, müssen Materialien mit hochschallschluckender Oberfläche zum Einsatz kommen. Überdurchschnittliche Wirkungen werden auch bei gekrümmten Wänden mit abgerundeter Oberkante erreicht; an scharfen Kanten wird der Schall bloß gebeugt, das heißt, er bekommt ohne nennenswert an Kraft einzubüßen bloß eine flachere Richtung. Eine Spezialität im Eisenbahnverkehr sind die gerade mal knapp einen halben Meter hohen „Niedrigschallschutzwände“, die eng am Gleis entlang den Großteil der Fahrgeräusche abschirmen, welche ja vorwiegend im Kontakt zwischen Rädern und Schienen entstehen.                                  

Ob nun die zuletzt vermehrt eingesetzten, lärmschluckenden Betonrillen wie in Hagenau und Itzling, ob Stahl, Kunststoff, Glas oder Holz, schlicht oder bunt gestaltet verarbeitet werden – Lärmschutz kostet immer richtig viel Geld, das er aber leider nicht immer wert ist. Bei St. Pölten etwa sind völlig sinnlos hunderte Meter Autobahn von einer Bahntrasse und umgekehrt mit je eigenen Lärmschutzwänden abgeschirmt – um einen zweistelligen Millionenbetrag auf jeder Seite… – und  irgendwann tritt während endlos umwandeter Kilometer auf der Autobahn plötzlich das Bild von einem Käfig voller Narren vor das innere Auge, einem goldenen, wohlgemerkt!

Mag. Thomas Haas

 

 
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