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Salzachbrücke

Renovieren und Echtes bewahren

„In Würde altern“ gilt auch für Gebäude. Natürlich ohne Einschränkung von Komfort oder Luxus. Wir haben zwei Häuser besucht, die die Spannbreite zwischen Alt und Neu, zwischen Restaurieren und traditioneller Neubauweise abdecken. „So wenig wie möglich, so viel wie nötig“ lautet die Renovierungs-Devise beim Stummvollgut in Maria Bühel, und beim Anwesen von Rupert und Karina Blank in Molbaum bei Waging wird zeitlose Echtheit unter Einbindung von Altem neu gebaut.

SO WENIG WIE MÖGLICH, SO VIEL WIE NÖTIG
„Warum ich das Haus nicht einfach abgerissen habe? Weil es das Elternhaus meiner Mutter ist.“ Und wenn er das Haus käuflich erworben hätte? Nach kurzem Überlegen: „Dann hätte ich es auch nicht abgerissen“, ist sich Josef Felber aus Oberndorf sicher, „diese Ausstrahlung und den Charme des Hauses wollte ich erhalten.“
Ein altes Haus kann eine Lebensaufgabe sein. Jahr für Jahr wird hergerichtet, was sein muss, erneuert und verbessert, als nächstes soll ein zentraler Kachelofen aufgestellt werden. Soweit vorhandene Teile ihre Funktion erfüllen, „dürfen“ sie am Stummvollgut weiterleben. Fast alle Innentüren sind original, ebenso manche Böden, der Küchenboden wurde gesenkt, um an Raumhöhe zu gewinnen, ein neuverlegter Holzboden war einst die Decke des Heubodens. Die Blockwand, dazumal im Stall durch Ausdünstungen „imprägniert“, dient heute als großzügige Pinnwand, Ziegelmauern zeigen sich zum Teil pur und unverputzt, ebenso die Holzwände. Die schmale Treppe windet sich seit Jahrhunderten nach oben und das Schlafzimmer mit den kleinen Fenstern erinnert an eine Almhütte.
Bad und Küche erfüllen dank zeitgemäßer Technik die Ansprüche des Hausherrn, das Büro ist digital mit der weiten Welt verbunden – alles da, und es muss nicht alles perfekt sein. Gemütlichkeit hat Vorrang, sie zieht sich hinaus bis auf die lauschigen Terrassen und in den Garten. Die Liebe zum Detail sagt viel über die Liebe zum Ganzen. Würde man Felber fragen, ob sein Haus lebt, würde er es wohl bejahen. „Als ich 2002 hier einzog, wollte ich alles perfekt machen, doch wurde ich eines Besseren belehrt: ein Haus braucht Zeit.“ Man dürfe nicht zu schnell an der Substanz etwas verändern, so gibt er seinem Projekt die „Zeit zum Reifen“.

QUALITÄT UND ZEITLOS NEUE BAUWEISEN
Zeit lassen, das gilt auch für Karina und Rupert Blank aus Molbaum bei Waging. Das Wohnhaus zur Landwirtschaft mit 80 Kühen und 5.000 Apfelbäumen entspricht ganz dem Stil hei­-
mischer Bauernhäuser, wie sie seit jeher errichtet wurden. Doch es ist neu. Am Hof ist unübersehbar noch nicht alles fertig und nicht „geschönt“, doch all das Wichtige ist komplett: Der lichtdurchflutete Bundwerk-Stall mit Holzboxen für die Tiere sowie die großzügige Wirtschaftshalle, beides Referenzobjekte der Zimmerei Lechner aus Tittmoning-Kay.
Zum Wohnhaus gab es schon Veröffentlichungen in namhaften deutschen Magazinen. „Das alte Bauernhaus hat mir eigentlich erbarmt“, beteuert Karina Blank – 1930 erneuert, danach mit Leben erfüllt, war alles unkompliziert. Kinder und Hund konnten sich austoben, auf nichts war aufzupassen. Doch ihr Mann wollte ein neues Haus und so geschah’s auf der Fläche des ehemaligen Swimmingpools. Hier entstand ein besonderes Haus.

WICHTIG: HANDWERKER MIT GLEICHEN VORSTELLUNGEN
Karina Blank ist selbst in einem denkmalgeschützten Bauernhaus aufgewachsen. Zum Zeitpunkt unseres Besuches war sie in Erwartung ihres sechsten Kindes – auch das neue Haus ist mit Leben erfüllt!
„Eigentlich wollte ich Designerin werden“, inzwischen konnte sie sich als ihre eigene Architektin und vor allem Innenarchitektin entfalten – stets in enger Zusammenarbeit mit Handwerkern aus der Region: „Wichtig ist, mit Handwerkern zusammenzuarbeiten, die den gleichen Geschmack und gleiche Vorstellungen haben wie man selbst, um gemeinsam Ideen und Lösungen zu entwickeln.“ Diese Professionisten fand sie in der Umgebung, teils in unmittelbarer Nachbarschaft.

KREUZGEWÖLBE AUF DICKEN MAUERN
Auf den halbmeterdicken Mauern des Erdgeschoßes ruht ein Kreuzgewölbe, das Obergeschoß ist ein Holzblockbau mit umlaufendem Balkon.
Eine Besonderheit des Hauses ist die Verwendung alter Baustoffe, die zum Teil vom abgerissenen Haus, teils vom Herkunftshof der Bäuerin stammen. Auch der Steinmetz fand Passendes in seinem Fundus und einiges wurde über spezialisierte Händler bezogen. Sämtliches Bauholz für Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude ist Fichte aus dem eigenen Wald.
Die von unzähligen Lackschichten befreite Eingangstüre hat eine neue Aufgabe gefunden, dahinter eröffnet sich der weitläufige Vorraum mit dem buckelig verputzten, gekalkten Gewölbe, das sich ums Eck zieht. Über dem Stiegenaufgang wölben sich unverputzte Altziegel des ehemaligen Hauses.

HISTORISCHE BAUKULTUR IN BEWÄHRTER HALTBARKEIT
Nachbar Anton Gröll hat sich als Gewölbebauer auf die historische Baukultur freitragender Ziegelgewölbe spezialisiert und findet überregionale Anerkennung. Als Mörtel verwendet er die gleiche Masse, die sich seit mehr als 1.000 Jahren bewährt hat.
Im Boden eingelassene LED-Leuchten vom Waginger Lichthaus Perschl & Perschl betonen die Strukturen. Gewölbe auch im Gäste-WC und Holzbalkendecke in der offenen, glaslosen Dusche, wo ein marokkanischer „Tadelakt“ die Funktion von Fliesen übernimmt. In einer gewölbten Nische des Vorraumes zieht ein blitzblauer Herd aus Opas ehemaliger Werkstatt die Blicke auf sich, ein Ofen mit Funktion an sehr kalten Tagen, zusätzlich zu Fußboden- und Wandheizung – schließlich „muss alles seinen Sinn haben, sonst wäre es Kitsch.“
Die Bodenplatten stammen aus einer aufgelassenen Wiener Brauerei. Die mit alten Ziegeln direkt auf dem Estrich gepflasterte Speisekammer hält sich kühl übers Jahr. Gediegene Struktur-Glasscheiben mit Bleistegen machen die Türen im Vorraum zu edlen Unikaten. Sie kommen aus der Glaserei Rieder in Inzell, die sich auf Restaurierungen von Jugendstil und Bauhaus spezialisiert hat.

WIR WOLLTEN KEINEN „LANDHAUSSTIL“
Im Herzstück Küche ruhen die Gewölbe auf einer zentralen Granitsäule, die in früheren Zeiten einen Stall abstützte. Viel Licht, viel Weite, Geborgenheit durch die Rundungen des Gewölbes, weiche Farbtöne der alten Bodenplatten aus Solnhofener Naturstein und des 300 Jahre alten Eichenbodens im Essbereich, auf dem der große Tisch aus ehemaligen Tenn-Brettern steht. Die Fenster in den tiefen Nischen sind „Marke Eigenbau“, von Schreiner Seehuber aus Waging extra „erfunden“. Nichts ist von der Stange, denn, so Karina Blank, „Wir wollten keinen ‚Landhausstil’ im herkömmlichen Sinn.“ Die schlichten schwarzen Pendellampen (Perschl & Perschl) erinnern dezent an Stalllampen.
Küchentechnik auf neuestem Stand und trotzdem wird täglich der gesetzte Küchenherd befeuert, der bei Bedarf im Winter die (noch nicht fertige) Stub’n mitheizt. Der Blick verfängt sich an Details mit praktisch wiederverwendeten Teilen – eine Türe in der Wand, ein ehemaliger Türsturz, altes Holz, liebevoll platzierte Mini-Schubladen, getöpferte Ware in offenen Regalen (die Hausfrau verabscheut Plastik). Ein wahrer Hingucker ist der Spülstein, weich gerundet und faszinierend anzufühlen. Die Wand rundum wird mit Marmorplatten aus dem Althaus vor Nässe geschützt und die Wasserpipe ist ein gekrümmtes Kupferrohr – vieles wird entweder aus Bestehendem „aufgemöbelt“ und wieder verwendet oder neu kreiert.

HOLZBLOCKBAU OHNE ZWISCHENISOLIERUNG
Natur pur, aus eigenen Fichten, im Obergeschoß. Auf eine ­Folien­isolierung in der Holzwand wurde verzichtet, das würde dem Wesen eines atmenden Naturgebäudes widersprechen. Der obere Vorraum und alle Räume sind unverputzt, natürlich, puristisch, echt und frei von unnötigem Tand und Zierat.
Im Übergang zum Altbau befindet sich in gemauerten Wänden das gewölbte Bad, das die Bezeichnung „Wellness-Oase“ ehrlich verdient. Die Dusche ist in einer marmorverkleideten Schnecke versteckt und der Wunsch der Hausfrau nach einer freistehenden Badewanne wurde kostengünstig von einem Fassbinder, einem handwerklichen Küfer erfüllt. Die ergonomische Steinliege ist temperiert oder kühlend, je nach Jahreszeit. Aufgeklappte Bücher erinnern an kürzlich hier verbrachte Ruhepausen.
Teurer als herkömmlich? Nicht unbedingt – wenn Bauherren und alle Gewerke an einem Strang ziehen und eines nach dem anderen entstehen kann.

DER MODERNE TREND: ALTE BAUSTOFFE
Wer selbst nicht über alte, wieder zu verwendende Baustoffe wie Holz oder gebrauchte Pflaster- und Ziegelsteine verfügt, findet immer mehr Anbieter solcher Materialien, die sich für Altbausanierungen und, wie das Beispiel am Hause Blank zeigt, ohne Stilbruch mit Geschick auch in Neubauten einfügen lassen.
Nachfrage und Angebot steigen. Manch Anbieter alter Materialien beklagt, mit der Beschaffung kaum mehr nachzukommen. In Deutschland gibt es einen eigenen Unternehmerverband für alte Baustoffe.
Die Auswahl ist riesengroß und reicht vom kompletten, abgetragenen und in Einzelteilen durchnummerierten Blockhaus über historische Parkette, die oft mit Provenienzangabe versehen sind bis zu Granitbögen mit Jahreszahl und Monogramm. Originell sind „steinerne Wächter“, mythologische Köpfe aus dem 15. bis 16. Jahrhundert. Wer sich auf die Suche macht, kann historische Haustüren und geschmiedete Eisentüren, Schlösser und Beschläge genauso entdecken wie gusseiserne Säulen mit pflanzlichen Zierelementen aus der frühen Wiener Eisenbahnzeit. Ebenfalls aus Gusseisen gibt es rund 100 Jahre alte Stiegengeländer und zierliche Spitzbogenfenster. Weiß lackierte Innentürelemente mit Bundglasecken vertreten städtische Eleganz von ehedem. Stets beliebt als Solitäre sind die dekorativen Ziegeln mit Wappenrelief.
Steinplatten aus Tunnels, Patrizierhäusern und Schlössern eignen sich für Drinnen und Draußen, wertvolle Granitplatten und von Hand behauene Granit-Futtertröge und Grander machen sich im Garten gut. Altes Holzstöcklpflaster wartet auf seinen neuen Einsatz, etwa für eine Toreinfahrt, ebenso wie farbige Jugendstil-Bodenfliesen. Einzelne Stufen und ganze Stiegen aus Granit oder Kalkstein vermitteln den Charme von gestern. Sogar Glasscheiben aus 1930er-Industriedesign werden heute als interessantes und sehr modern wirkendes Material gehandelt.
Metallene Ofenplatten mit Dekor, etwa Wappen und Jahreszahl, können in neu gesetzte Öfen integriert werden, und bis vor kurzem noch zum Alteisen geschleuderte Küchenherde finden wertschätzende Abnehmer.

DER CHARME VON GESTERN
Witzige Wasserspeiher verzaubern lauschige Brunnen oder Dachrinnen-Abflüsse, mit kleinen Drachen- oder Löwen­köpfen. Komplette Barockbrunnen und Steinsäulen aus einem ehemaligen Schlosspark werden mit dazupassenden schmiedeeisernen Zaungittern und Toren ergänzt, dazu gibt es eine Vielzahl von steinernen Gartenmöbeln, die gerne Moos und Algen ansetzen dürfen sowie „ausrangierte“ Figuren.
Der Umgang mit diesen Schätzen erfordert Fingerspitzengefühl und Geschmackssicherheit, um vor einem Crash der Stile oder Überladenheit gefeit zu sein. Historisches Wissen wäre auch von Nutzen, vor allem was die beratenden Händler und Handwerker betrifft.
So wie „neu“ nicht unbedingt „schön“ bedeutet, steht auch „alt“ weder für schön noch hässlich ...
Jedenfalls ist die Verwendung alter Qualitätsmaterialien aus früh- und vorindustrieller Zeit nicht nur eine Stilfrage und Wertschätzung des Überlieferten – es werden auch Ressourcen geschont zum Wohle der Ökobilanz, was für eine sehr heutige und moderne Auffassung steht.
Schade, dass die alten Materialien nicht sprechen können! Aber Liebhaber spüren die Historie und lassen sich am traumhaften, wärmenden Schrank- und Säulenofen so manche phantasievolle Geschichte einfallen.

Sylvia Nachtmann
 
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