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Salzachbrücke

Vom Trog auf den Tisch

Wenn ein Tier artgerecht und ohne unnötige Medikamente aufgezogen und durch dieselbe Hand, die es gefüttert hat, stressfrei geschlachtet, mit Liebe aufbereitet und über die Theke gereicht wird – was muss das für ein Festmahl geben!

Mag. Thomas Haas

„Wo es einen Skandal gibt, ist etwas faul – wo es keinen Skandal gibt, ist alles faul!“ Dieser Sinnspruch könnte beunruhigen angesichts der nun schon vergleichsweise langen Zeitspanne, in der uns kein handfester Lebensmittelskandal mehr aufgetischt wurde. Immer frische Luftsemmeln aus Billiglohnländern, die schon bald mehr Treibmittel als Mehl enthalten; Industriehendln, vor deren Antibiotika-Haxerl jede Lungenentzündung in die Knie geht; schale Mini-Zucchinis für den modernen Single-Haushalt, deren große und krumme Brüder noch am Feld gehäckselt werden; der Beispiele gäbe es reichlich, wie zwecks Gewinnsteigerung unsere Lebensmittel zusehends zu Leblosmitteln „optimiert“ werden: All das bietet offenbar noch nicht genug Zündstoff für schockierende Aufmacher, die dann als Dauerbrenner wochenlang die Nachrichtenblätter füllen.
Und wenn von höchster Stelle (WHO) eine Warnung vor übermäßigem Fleischgenuss ausgegeben wird, dann reicht das gerade mal für ein paar statistische Zahlenspiele und das Schreckensbild „Krebsrisiko!“. Weder in der Berichterstattung, noch in den zu Grunde liegenden Studien selbst wurde aber auch nur ansatzweise hinterfragt, ob es denn einen Unterschied gibt zwischen konventioneller Industriemassenware und Fleisch aus artgerechter Tierhaltung mit Fütterung aus biologischem Anbau? Wurde jemals der Einfluss herkömmlicher Produktion vom Schlachtstress bis zur künstlich gepuschten Haltbarkeit hinterfragt? Ganz im Gegenteil: Um keine Panik in den „Schweinefresserländern“ (Pardon!) aufkommen zu lassen, wurde im gleichen Atemzug die Unbedenklichkeit von bis zu drei Fleischgerichten je Woche proklamiert.

AUSWEG ODER HYPE?
Also werden wir alle weiterhin unsere Geschmacksnerven mit Billigfleisch aus der Schütte abstumpfen. Alle? Nein, eine ständig wachermösende Zahl mündiger Konsumenten will sich von den Großkonzernen nicht mehr länger etwas vormachen lassen: Viele haben bereits einen Landwirt ihres Vertrauens gefunden, der seine Produkte nicht an die Handelsketten verklopft. Direktvermarktung heißt das Schlagwort, unter dem in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer mehr Bauern auch im SALZACHbrücken-Land einen Hofladen eingerichtet haben, wo sie vor allem ihre eigenen Erzeugnisse unmittelbar an die Endverbraucher verkaufen.
In den Anfängen meist milde belächelt und als Ausdruck übertrieben alternativer Lebensweise abgetan, kommt der Erfahrungsbericht vom Einkauf bei „meinem Biobauern“ heute in jeder Gesellschaft gut an; so gut, dass sich manche nur deshalb alle halben Jahre ihren Bio-Honig holen, um im Kreis der Umweltbewussten das Gesicht zu wahren. Dabei steckt in der landwirtschaftlichen Direktvermarktung wesentlich mehr als eine oberflächliche Modeströmung! Andererseits lässt sich der Trend zu ländlich-bäuerlicher Tradition auch wirtschaftlich umsetzen. Familie Obermayer in Fridolfing betreibt bei ihrer Mastschweinzucht mit 500 Tieren den Verkauf ab Hof als zusätzliches Standbein, das mit einem gastronomischen Angebot für den Bustourismus und der Marke „Erlebnishof“ bewusst die Sehnsucht nach einem Idealbild intakter Lebensmittelproduktion bedient.

DER PERSÖNLICHE EINSATZ MACHT’S AUS!
Die meisten Direktvermarkter kochen allerdings auf kleinerer Flamme, indem sie nur für den Verkauf im eigenen Laden oder auf Märkten produzieren. Dafür ist zumeist von der Aufzucht der Tiere samt eigenem Futteranbau über das Schlachten und Verarbeiten bis zum Vertrieb alles in Familienhand. Das bedeutet nicht weniger, als das Vereinen mehrerer Berufe von der herkömmlichen Landwirtschaft über die Metzgerei bis hin zum Einzelhandel unter einem Dach. „Da ist ganz klar, dass du auch am Sonntag ­he­rinnen stehst und am Samstag! Aber das macht mir nichts aus, weil dafür haben wir uns ja entschieden!“, stellt Frau Kern von der Landmetzgerei Geigl in Saaldorf lachend fest.
Auf das Zusammenhelfen in der Großfamilie sind auch die Armstorfers mit ihrem Hofladen in Lamprechtshausen angewiesen. Nicht weniger als drei Landwirtschaften innerhalb der Familie ermöglichen gemeinsam Produktion und Direktverkauf. Ein eigenes EU-Schlachthaus sorgt für einen kurzen und stressfreien Übergang für Schweine und Stiere von der Aufzucht in die Verarbeitung. Strenge Kalkulation, eine klare Produktpolitik – zugekauft werden nur Henne und Pute – und das Wegfallen der Handelsspanne lassen vielfach sogar günstigere Preise zu als im Supermarkt. Die Mär vom besonders teuren Angebot in Hofläden lässt sich auch bei den anderen hier erwähnten Anbietern widerlegen. Abgesehen von den Lockangeboten im Lebensmittelhandel, liegen die Thekenpreise hübsch gleichauf.

DIREKT UND BIO
Biofleischwaren verkauft die Familie Eisl in St. Georgen mit größtmöglicher Transparenz. Die eigenen Tiere werden nicht bloß beim Biometzger im Nachbarort aufbereitet, sie erhalten zuvor auch nur Futter aus der eigenen biologischen Landwirtschaft. Die meisten Kollegen in der Branche erteilen diesem Mehraufwand mit Verweis auf den geringeren Ertrag eine klare Absage. Den Aufwand scheut Herr Eisl auch nicht, wenn es darum geht, die Bio-Zulieferbetriebe für Lamm- und Kalbfleisch, Hendl und Pute sowie Fisch persönlich zu besichtigen. Und immer noch bleibt Zeit zum Backen des beliebten Holzofenbrots aus eigenem Roggen, das zwei- bis dreimal wöchentlich frisch ins Regal kommt. Ergänzt wird das Angebot durch eine reiche Käseauswahl aus möglichst naher Bioproduktion!
Unter einem Dach mit den Eisls bietet die Familie Spitzauer Gemüse, Obst, Getreideprodukte, Öle und Säfte an – ebenso alles unter Garantie einer kontrolliert biologischen Produktion. Das Biogemüse aus eigenem Anbau wird großteils hier im Biobauernmarkt verkauft, ein wenig am Markt und an Einkaufsinitiativen in Laufen und Salzburg. Etwas schwierig ist es beim Gemüse mitunter, das ernteabhängige Angebot mit der Nachfrage abzustimmen. Persönliche Beratung und das Gespräch mit den Kunden ist für Frau Spitzauer denn auch ein wesentlicher Vorzug der Direktvermarktung. Gemeinsam mit dem Sortiment der Familie Eisl deckt die Produktpalette im Biobauernmarkt Aglassing weitgehend den täglichen Bedarf an Nahrungsmitteln ab.

PROFESSIONALITÄT UND QUALITÄT
Was der Kundschaft weitgehend verborgen bleibt, sind die bürokratischen Hürden in der Abwicklung der Direktvermarktung: von Qualifikationsnachweisen und Genehmigungen über Berichtspflichten und Kontrollen bis zur steuerlichen Abwicklung und in Österreich künftig auch noch zur Registrierkassenpflicht. Angesichts strikter Richtlinien und knapper Kalkulation kann man als Direktvermarkter „nur durch hohe Professionalität und beste Qualität“ bestehen, meint der Landwirt und Metzger Wittscheck aus Laufen. Mit Frau und Sohn verkauft er aus eigener Haltung sowie bio-zertifizierter Verarbeitung etwa sechs Schweine und ein Rind pro Woche direkt ab Hof und auf drei Märkten. Dazu kommen von Mai bis Dezember ein oder zwei Stück vom Sohn erlegtes Wild.
Und was, bitte schön, bleibt dem Wildliebhaber im ersten Drittel des Jahres? Nun, manche denken aus guter alter Tradition vor allem im Herbst an das g’schmackige Wildbret. Die Familie Oitner aus Berndorf ist da naturgemäß ganz anderer Ansicht: „Wild schmeckt das ganze Jahr über!“ Schließlich betreiben sie in der Region auf insgesamt zwölf Hektar eine eigene Wildtierzucht mit viel Engagement für eine artgerechte und gesunde Entwicklung der Tiere. Vom Gehege in die Theke geht es hier durch ein und dieselbe kundige Hand und am kürzest möglichen Weg. Im hofeigenen Hirschladen ist so rund ums Jahr Hirsch- und Rehfleisch in bester Qualität zu haben. Als weiteres Standbein vertreiben die Oitners Brennholz für verschiedenste Ansprüche. Angesichts der nicht gerade verkehrsgünstigen Lage zeigen sich am Beispiel des Hirschladens die Chancen einer Spezialisierung auch in der Direktvermarktung.
Es muss gar nicht erst der große Skandal ausgerufen werden – unsere Versorgung mit Lebensmitteln krankt auch so offensichtlich genug an allen Ecken. Vor allem der Preiskrieg von Lebensmittelketten ruiniert intakte Produktionsstrukturen in der Landwirtschaft ebenso wie ein Qualitäts- und Gesundheitsbewusstsein der Konsumenten. Sobald das niemanden mehr stört, kann uns TTIP auch schon egal sein. Wer sich aber die eigene Wahlfreiheit und die berühmte Abstimmung an der Kasse nicht vorenthalten lassen will, wird gut beraten sein genau hinzusehen, wo die Kasse steht!
 
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