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Salzachbrücke

Bio oder Vollgas

Einer der ersten Bio-Altbauern im SALZACHbrücken-Land hat noch vor wenigen Jahren bedauert, dass „der Bub in der Schule halt nur die ,Vollgas’-Wirtschaft lernt.“
Heute ist der Bub selbst Bio-Landwirt mit Leib und Seele und liegt damit offenbar im Trend.

Mag. Thomas Haas

Was treibt einen Landwirt an, auf nachhaltige, ökologische oder kurz Bio-Bewirtschaftung umzusteigen? Bloß einer aktuellen Modeströmung nachzugeben, will so gar nicht zum doch eher bodenständigen Selbstverständnis dieses Berufsstandes passen. Wenn der Bauer also diesen Schritt tut, kann das wohl nur in der Unzufriedenheit mit zumindest einigen Aspekten der herkömmlichen, konventionellen Landwirtschaft liegen. Diese kann den Umgang mit dem Produktionsmittel Natur, die Qualität der eigenen Produkte oder auch schlicht die wirtschaftliche Situation und Perspektive des Betriebes betreffen. Sie kann sich freilich auch ganz diffus und allgemein in einer Art unstimmigem Lebensgefühl ausdrücken.

EINS MIT DER NATUR?
Die Vergewaltigung der Natur mit Kunstdünger, Herbiziden, Pestiziden, genmanipuliertem Saatgut und seelenloser Technik, um auch noch die letzte Ähre aus ihr herauszupressen, kann auch der landwirtschaftliche Laie schwerlich in Einklang bringen mit der von Alters her überlieferten Verbundenheit des Bauern mit seinem Boden, mit seinen Tieren und mit dem Wechselspiel der Natur insgesamt. Andererseits ist der Weg der Ertragsoptimierung mit Unterstützung hoch entwickelter Hilfsmittel und neuester Technik nicht bloß allgemein anerkannt, er wird auch nach wie vor als systemkonforme und eben „konventionelle“ Art der Bewirtschaftung nicht nur gesellschaftlich und politisch gestützt und weitergetragen, sondern sogar in – sonst durchaus fortschrittlichen – Landwirtschaftsschulen wie selbstverständlich im Regel-Lehrplan vermittelt; wobei nicht verschwiegen werden darf, dass sich immer mehr engagierte Lehrkräfte um eine differenzierte und auf Nachhaltigkeit gerichtete Sicht bemühen.
Als kleiner Landwirt von diesem Weg abzuweichen und wesentliche Produktionsparameter komplett umzukrempeln, stößt in einem solchen System natürlich auf Widerstand und da und dort auf lästige Stolpersteine. Zu umfassend ist die Versorgung mit allen erforderlichen Produktions- und Hilfsmitteln durch weltweit agierende Konzerne; und schließlich hätten diese niemals eine solch marktbeherrschende Macht erlangt, würden sie nicht über geeignete Strategien und Sanktionen verfügen, einmal geköderte Kunden, aber auch Verbände bis hin zu ganzen Staaten unentrinnbar an ihrem wirtschaftlichen Gängelband vor sich herzutreiben. Wenn auch noch nicht alle der hier beschriebenen Praktiken bis ins SALZACHbrücken-Land vorgedrungen sein mögen – die Geschichte lehrt uns schmerzlich, welchem Fahrplan der Zug der Zeit folgen wird.

AM SPIELBRETT DER GROSSEN PLAYER
Wer von einem der wenigen nennenswerten Anbieter Saatgut kauft, kann dieses oft nur in Verbindung mit besonderen, meist genetisch exakt abgestimmten Pestiziden ertragbringend einsetzen. Aber auch das Saatgut selbst hat insofern mit Natur nicht mehr allzu viel zu tun; alleine die Unfähigkeit der daraus ersprießenden Pflanzen, wiederum eigene keimfähige Samen zu bilden, hätte – möchte man meinen – bereits vor Jahrzehnten stutzig machen sollen. Die Verwendung eigenen, natürlichen Saatguts haben die meisten großen Anbieter ihren Kunden wohlweislich über Nebenbestimmungen im Bezugsvertrag untersagt. Bleibt abzuwarten, wann auch Futtermittel nur noch unter der Auflage verkauft wird, in der Tierzucht ausschließlich das Nachwuchsmaterial aus der Retorte des gleichen Konzerns zu verwenden…
Inzwischen haben ihre Lobbyisten sogar die Entscheidungsträger der EU beinahe dazu gebracht mit der umstrittenen Saatgutverordnung einen Jahrtausende alten Kreislauf zunichte zu machen: Seit der Mensch Ackerbau betreibt, verwendet er einen Teil der Ernte wiederum zur Aussaat für das nächste Jahr. Genau dieses alte und auch im Christentum wesentliche Prinzip vom sterbenden Samenkorn, das nur so Neues hervorbringen kann, sollte durch das Regelwerk in die alleinigen Hände großer Saatgut-Konzerne gelegt werden. Wie trostlos muss man sich eine Welt vorstellen, in der eine Handvoll milliardenschwerer Firmenbosse anhand ihrer Börsenkurse entscheiden, was, in welcher Lage und in welcher perfekt zu bewirtschaftenden Anordnung an Gräsern, Getreide, Bäumen, Kräutern, Früchten und sogar Blumen wachsen darf. Ein wahrer Lichtblick europäischer Demokratie, als das Europaparlament diesen Vorschlag mit 650 zu 15 Stimmen abschmetterte.

IGNORANZ STINKT ZUM HIMMEL
Doch so weit musste es für viele Landwirte erst gar nicht kommen. Wenn der Gestank des Misthaufens sogar die eigene Lebensqualität beeinträchtigt, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man versenkt mit Fördermitteln ein riesiges Güllebecken unter die Erde; Deckel drauf, und der Gestank ist fürs Erste gebannt. Oder man denkt kurz darüber nach, woran es denn liegen kann, dass es einem regelmäßig den Magen umdreht, wenn die Gülle zum Ausfahren ist; dann genügt es oft schon, in der SALZACHbrücke nachzuschlagen – z. B. in der Ausgabe vom Oktober 2015 (online verfügbar!) –, um zu erfahren, wie man etwa mit effektiven Mikroorganismen (EM) erstaunlich einfach unseren Nasen und vor allem Stalltieren und dem Boden Gutes tun kann.
Zu erkennen, dass da im wahrsten Sinne des Wortes etwas faul sein muss, wenn es unerträglich stinkt, braucht es keinen Biochemiker. Und dass Boden und Pflanzen am regelmäßigen Bombardement mit konzentrierten Fäulnisbakterien nicht die helle Freude haben, von der gesundheitsschädlichen Nitrat-Belastung ganz zu schweigen, das kann jede aufmerksame Mittelschülerin nachvollziehen. Ebenso das erbärmliche Versteppen unserer Wiesen, wenn durch exzessive Bewirtschaftung kein Blümchen oder Kraut mehr lange genug wachsen darf, um für seinen weiteren Bestand sorgen zu können. Nur der Löwenzahn gedeiht immer prächtiger – zeigt er doch einen stickstoffreichen und übersäuerten Boden an!

BIO IST KEIN HONIGLECKEN
Nicht von ungefähr war es vor einem Viertel Jahrhundert denn auch ein Kompostierkurs, der in den Köpfen einiger Bauern des nördlichen Flachgaus und oberen Innviertels weiter gärte, um letztendlich den Entschluss reifen zu lassen, sich auf das Wagnis biologischer Landbau einzulassen. Dass eine dazumal eingeführte Umweltförderung und dann 1995 die speziellen Fördermittel aus der EU nicht unwesentlich Anteil an der Entscheidungsfindung hatten, lassen zwei deutliche Wellen vermuten, in denen damals österreichweit jeweils tausende Landwirte zur nachhaltigen bzw. Bio-Landwirtschaft wechselten.
Einige Millionen EM im Mist machen allerdings noch lange keinen Bio-Bauernhof. Das erleben jene Landwirte, die sich um eine entsprechende Förderung und Mitgliedschaft in einem Bio-Verband bemühen. Zunächst wird der Betrieb besichtigt und geprüft, strenge Auflagen sind zu erfüllen und deren Einhaltung regelmäßig nachzuweisen. Vom Zeitpunkt der Zertifizierung durch eine staatlich dazu ermächtigte Einrichtung an erfordert es weiters eine zweijährige Umstellungsphase, ehe der nunmehrige Bio-Betrieb seine Produkte auch als solche vermarkten darf. Zugegeben sind Bio-Produkte aus der Landwirtschaft für den Endkunden meist deutlich teurer als solche aus dem konventionellen Landbau. Aber das Einkommen – selbst wenn das der Bio-Bauern statistisch tatsächlich leicht über jenem der „Vollgas“-Betriebe liegt – steht in keinem Verhältnis zum Mehraufwand und zum höheren Risiko, das die nachhaltige Bewirtschaftung naturgemäß mit sich bringt.
 
WIDER DAS DIKTAT DES HANDELS
Andererseits liegt auch auf der Ebene Absatz und Marketing für konventionell erzeugte Lebensmittel manches im Argen, was einigen den Umstieg auf die Bio-Schiene wohl erleichtert hat: Wenn große Lebensmittelketten den Bauern Äpfel nur dann abnehmen, wenn diese mit „SmartFresh“ oder ähnlichen Chemikalien begast und abgetötet wurden, um das Nachreifen im Supermarkt-Regal zu verhindern, oder wenn tadellose Gurken, Paprika, Zucchini und viele andere Früchte mehr tonnenweise gehäckselt werden, weil sie über die hippe „Light“-Größe hinausgereift sind, die heute nach Ansicht des Handels dem Konsum-Zeitgeist entspricht, dann greift sich der einfache Landwirt schon einmal an den Kopf oder schüttelt diesen zumindest verständnislos.
Wenn derselbe Bauer später einmal seine Bio-Äpfel oder -Gurken zum Markte trägt, dann können die Kunden dort auch wirklich unbeschwert hineinbeißen. Die meisten Vorzeigefrüchtchen von der Stange dagegen haben – immerhin ohne Aufpreis – auch einen Mix an hochgiftigen Pestiziden mit im Angebot, nicht wenige davon mit markanten hormonellen Folgewirkungen. Märkte und Ab Hof-Verkauf sind denn auch eine wesentliche Absatzschiene für Bio-Produkte. Ein erheblicher Anteil geht freilich wiederum an den Handel, der sich nicht geniert, seinem Standardsortiment, dessen fragwürdige Qualität er selbst wesentlich mit zu verantworten hat, ein fröhlich-schickes „Reine Natur“-Angebot zu deutlich überhöhten Preisen gegenüberzustellen. Positiv hervorzuheben sind an dieser Stelle freilich die engagierten kleinen Vertreter des Einzelhandels, die sich durchwegs um gute Kontakte und Bezugsverträge mit der regionalen Bauernschaft bemühen und auch Bio-Bauern immer wieder eine faire Absatzschiene einräumen.
In einem bunten Querschnitt konnte aufgezeigt werden, was in den Bereichen Produktion, Qualität und Absatz, wie auch in wirtschaftlicher Hinsicht einen Landwirt dazu bewegen kann, seinen Betrieb vom konventionellen auf Bio-Landbau umzustellen. Es braucht allerdings auch ein gerüttelt Maß an Liebe zur Natur und praktischen Verstand im Umgang mit derselben. Wenn in Salzburg bereits die Hälfte der Betriebe auf Bio umgestellt hat, dann lässt dieser Trend immerhin ein wenig hoffen!
 
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