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Salzachbrücke

Einmal Balkan und zurück

Die Idee zu dieser Reise hatte ich schon lange im Kopf. Mit dem Camper von Salzburg über Slowenien, Kroatien, Montenegro, Albanien, Kosovo nach Griechenland bis auf den Peloponnes zu fahren, das Ganze vorwiegend auf Bundesstraßen und noch dazu alleine! Gut geplant ist halb gewonnen, doch es kam alles anders als gedacht.

Christian Schickmayr

Mit vollem Wassertank, Fahrrad und Surfbrett, etlichen Konserven und genügend Getränkevorrat sowie aktuellen Straßenkarten mache ich mich mit gemischten Gefühlen auf den Weg. Meine Frau begleitet mich noch in die Steiermark, wo wir ein paar Wandertage einlegen, bis Graz, dort bringe ich sie zum Bahnhof und verabschiede mich mit Kribbeln im Bauch. Liegen nun doch ca. 3.500 km ohne Begleitung durch fremde Gefielde vor mir.
Durch Slowenien geht es zuerst nach Zagreb und weiter über die Autobahn bis Zadar. Die kroatische Küstenstraße ist um diese Jahreszeit – es ist fast Ende September – ziemlich verlassen. Ohne Zeitdruck reise ich gemütlich mit einer Zwischenübernachtung bis nach Süddalmatien, wo ich auf der Halbinsel Peljesac ein paar Tage zum Windsurfen verbringen möchte. Die weiteren Pläne waren ein paar Wandertage in Montenegro und dann möglichst schnell durch Albanien nach Griechenland zum Bergsteigen, Windsurfen und Relaxen. Doch dann traf ich Herbie und Anni aus Berchtesgaden und alles wurde anders.
Die beiden erzählten mir von der herrlichen Berglandschaft von Montenegro und Nordalbanien und so recherchierten wir im Internet über die Wandermöglichkeiten in diesem Gebiet. Wir checkten das Valbona Tal im Norden Albaniens und die Anreisemöglichkeit dorthin mittels der Fähre von Koman nach Fierze – einer eindrucksvollen Fahrt über den kilometerlangen Stausee in unwegsames Gelände. Weitere Recherchen ergeben, dass ein Campingplatz nahe Shkoder Hilfe bei der Buchung dieser Fähre anbietet und so schreiben wir ein Mail dorthin. Wenige Stunden später erhalten wir zu unserer Überraschung bereits eine Antwort. Helene, die Betreiberin von „Camping Albania“, benötigt unsere Namen, Autonummern und Maße unserer Fahrzeuge und reserviert uns einen Platz für Samstagmittag! Samstagmittag? Das ist ja übermorgen, fällt uns jetzt auf. Das heißt also zusammenpacken und morgen früh losfahren!
Und so ändern sich meine Reisepläne zum ersten Mal, die Fahrt über Dubrovnik zur Grenze Montenegros und weiter entlang der Küste bis Shkoder verläuft völlig problemlos, auch die Grenzkontrollen sind in wenigen Minuten erledigt und so sitzen wir Freitagabend am Camp in Barbullush und genießen unser erstes typisch albanisches Abendessen, ein Reisgericht mit Fleisch- und Bohneneintopf. Sehr köstlich!
Helene rät uns, am nächsten Morgen zeitig loszufahren, um die Fähre um 12 Uhr zu erreichen. Es sind zwar nur 45 km nach Koman, doch die Straße sei schlecht. Wir fahren sogar um 8 Uhr los, schließlich wollen wir die Reise ja fotografisch dokumentieren und planen Fotostopps ein. Tatsächlich benötigen wir dann für die 45 km fast 3,5 Stunden reine Fahrzeit. Die Straße, eine von Schlaglöchern übersäte Piste, wird Richtung Norden immer schlechter, erst knapp vor Mittag stehen wir in der Warteschlange vor der Fähre. Auf einem handgeschriebenen Zettel hat ein Aufseher die Reservierungen notiert und tatsächlich steht da irgendwo auch „Christian“ und unsere beiden Autonummern.

Mit der Flußfähre in die albanischen Alpen
Pünktlich legen wir ab. Die folgenden drei Stunden geht es nun am Stausee durch steile Schluchten, karg bewirtschaftete Hänge, engste Durchfahrten, mit Blick auf die knapp 3.000 Meter hohen Berge der Albanischen Alpen bis Fierze. Während der ganzen Überfahrt begleitet uns regionale Volksmusik, zu der die ca. 100 Fahrgäste – alles Einheimische – mit überschwenglichem Elan tanzen. Wir können uns dem Flair nicht entziehen und bald tanzen wir mit ihnen mit. Alles hier wirkt improvisiert, doch alles funktioniert. Irgendwie.
Das wird also nichts mit meinen Plänen, möglichst schnell durch dieses Land zu fahren und nach Griechenland zu kommen. Die herrliche Landschaft, die freundlichen Menschen und die extreme Gelassenheit in diesem Land lassen mich schließlich 11 Tage hier verweilen. Nach drei Tagen mit herrlichen Wanderungen in den Nationalparks Valbona und Theth fahren wir über den Kosovo weiter nach Kruje, jener geschichtsträchtigen Stadt in Zentralalbanien, wo im 15. Jahrhundert Sanderberg die Albaner gegen die bis dahin herrschenden osmanischen Truppen zusammenführte und das Gebiet bis zu seinem Tod erfolgreich verteidigte. Das Sanderberg-Museum in der Burganlage erinnert an diese Epoche. Leider entstanden und entstehen immer noch katastrophale Bausünden mitten im Ort neben dem alten Bazar und verschandeln zunehmend das historische Stadtbild. Der Bauer, in dessen Garten wir übernachten dürfen, beschwert sich bitterst über die Korruption der Stadtregierung, die diese Sünden möglich macht. Wir verabschieden uns am nächsten Morgen und erhalten noch wertvolle Tipps über lohnenswerte Ziele auf unserer Weiterreise.

Fisch vom Feinsten am Ohrid See
Der 30 km lange und 15 km breite Ohrid-See an der Grenze zu Mazedonien ist unser nächstes Ziel. Der See mit Trinkwasserqualität und den weithin bekannten Forellen lädt nicht nur zum längeren Verweilen und Baden ein. Diese nur hier lebende Forellenart ist ein kulinarischer Genuss. Auch die kleinen Barsche, die wir pro Kilo um 200 Lek (ca. 1,50 Euro) kaufen, munden köstlich. Überall an der Straße am Seeufer stehen Fischer und Bauern und bieten ihren Fang und ihr Gemüse an.
Drei Tage genießen wir die Ruhe, den guten Wein und den köstlichen Fisch, dann trennen sich unsere Wege. Herbert und Anni fahren über Pogradec und Korça direkt nach Griechenland. Ich fahre zurück nach Zentralalbanien, wo ich noch Berat – die Stadt der tausend Fenster im osmanischen Baustil –, Gjirokaster und die albanische Riviera zwischen Vlore und Saranda besichtige. Auch Butrint mit seinen römischen Ausgrabungsstätten im Süden Albaniens stehen noch auf dem Programm. Das Meer hat immer noch 24°C und trotz stürmischem Wind genieße ich einen Badenachmittag an der Küste bei Ksamil mit Blick auf die griechische Insel Korfu, die hier zum Greifen naheliegt.

Ankunft im herbstlichen Nordgriechenland
Über den Grenzübergang Kakavijë reise ich drei Wochen nach meiner Abreise in Nordgriechenland ein. Ein Gewitter in der vergangenen Nacht brachte den ersten Regen nach einem Jahr an der albanischen Küste und hat außerdem die Luft reingewaschen. In fantastischen Herbstfarben erreiche ich den Nationalpark Vikos nördlich von Ioannina und steige bei Traumwetter in die Schlucht hinab. Diese – im Verhältnis zur Breite – tiefste Schlucht der Welt, ist ein beliebtes Wanderziel, in ca. 6 Stunden kann man sie durchwandern. Auf gut markiertem Weg gehe ich flussabwärts. Als ich nach zwei Stunden eine kurze Pause einlege, höre ich plötzlich bekannte Stimmen, Herbie und Anni tauchen aus dem Gebüsch auf, sie durchwandern die Schlucht flussaufwärts. Die Wiedersehensfreude ist groß und wir beschließen, gemeinsam nach Ioannina und dann weiter ans Meer zu fahren.
An der Westküste südlich von Igoumenitsa finden wir um diese Jahreszeit herrlich einsame Kiesstrände, es ist fast Mitte Oktober und trotz der kürzer werdenden Tage genießen wir die Sonne und das immer noch warme Meer. Die Pläne, im Süden am Peloponnes meinem Lieblingssport, dem Windsurfen, nachzugehen, sind gestrichen! Meine beiden Freunde aus Berchtesgaden bleiben noch eine Woche an den Stränden im Norden, ich fahre noch an die Ostküste des Peloponnes, wo ich Freunde in Leonidi besuche und bis zu meiner Rückreise meine Energien beim Olivenernten losbringe.
Den Platz auf der Minoan-Fähre habe ich Gott sei Dank gleich nach meiner Ankunft in Dalmatien reserviert. Das Schiff ist bis auf den letzten Platz ausgebucht, dennoch bin ich am Wellnessdeck mit meiner Frau, die mir überraschend und zu meiner großen Freude nach Griechenland nachgereist ist, fast alleine.
Die zwei Tage am Schiff werden nicht reichen, um ihr die Erlebnisse meiner Reise durch den Balkan zu erzählen.
 
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