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Salzachbrücke

Der Region ihre Kunst

Kunstsymposien in Stahl oder Holz, Kunstinitiativen, Kulturvereine und Kunstprojekte im öffentlichen Raum:
Die Präsenz der bildenden Kunst hat im öffentlichen Leben des SALZACHbrücken-Landes ihren unverrückbaren Stellenwert –
zu haben!

Mag. Thomas Haas

Wenn nach 27 Jahren Stahlsymposien in der Gipshalle des Kraftwerkes Riedersbach diese einmalige Location einfach abgetragen wird und die unzähligen Kunstwerke des umliegenden Stahlparks sozusagen auf Halde einer ungewissen Zukunft harren, dann knickt damit ein wichtiges kulturelles Standbein der Region spürbar ein; ein deutliches Beispiel für die Flüchtigkeit, die dem Bemühen oft innewohnt, Künstlern und ihrem Schaffen mehr Raum in der öffentlichen Wahrnehmung zukommen zu lassen. Auf Dauer eingerichtete Galerien oder gar Kunstmuseen lassen sich in größeren Städten leichter einrichten und erhalten – im ländlichen Raum erfolgt die Kunstvermittlung eher projektbezogen durch Ausstellungen in öffentlichen oder Geschäftsräumlichkeiten, in Kursen und Symposien, bei Kunstaktionen auf Initiative von Bildungseinrichtungen und Vereinen oder auf privat organisierten Atelier-Festen.
In manchen Fällen können öffentliche Einrichtungen, Gemeinden oder Unternehmen als Förderer gewonnen werden, die dann im Ergebnis starke Projekte mitunter sogar erfreulich großzügig mittragen. So geschehen etwa beim Holzsymposium Lignum in St. Georgen, als es vor vier Jahren darum ging, einen verfallenen Kreuzweg aus Holzskulpturen wieder zu errichten; in diesem Fall kam mit Material und Raum auch von der Pfarre beachtliche Unterstützung. Trotzdem sind selbst gut eingeführte und international belegte Veranstaltungen in der bildenden Kunst keine Selbstläufer und deren Förderungen schon gar nicht in Stein gemeißelt. Auch hier macht sich der Unterschied zu größeren Körperschaften und Einrichtungen mit entsprechend umfangreicheren Budgets bemerkbar: Im Haushalt eines Landes, des Bundes oder auch einer größeren Stadt lassen sich einige tausend Euro Zuschuss eben leichter über die Jahre weitertragen.

KLUGE MACHT FÖRDERT KUNST
Nicht umsonst war stilbildendes und bleibendes künstlerisches Schaffen in der Geschichte häufig im Einflussbereich großer Häuser und im Umfeld von Kirchen- und Landesfürsten anzutreffen. Wo hätte etwa Michelangelo seine atemberaubenden Fresken verwirklichen können, ohne das Wohlwollen des Papstes und der Medici. Andererseits ist der weitgehend im Privaten wirkende Rembrandt zwar schon zu Lebzeiten zu hohem Ansehen gelangt, was ihn aber nicht vor einem späteren Konkurs und einem Lebensabend in Armut bewahrte. Auch in der heutigen Kunstszene ist nicht jeder klingende Name ohne weiteres auch mit klingender Münze gleichzusetzen. Bringen es Kunstschaffende im Gefolge aufsehenerregender Projekte mit Unterstützung einer sich selbstverstärkenden Medien-Berichterstattung auch schnell einmal zum local hero, so ist die Miete für das windige Atelier, in dem sich die unverkauften Werke stapeln, mit so einem kurzen Rauschen im Blätterwald noch lange nicht bezahlt.
Deshalb finden und fanden sich auch immer wieder KünstlerInnen und Menschen aus deren geistigem Umfeld zusammen, um gemeinsam der Kunst ihren freien Ausdruck zu ermöglichen. Die im Titel abgewandelte Forderung über dem Eingang zur Wiener Sezession, „Der Zeit ihre Kunst – Der Kunst ihre Freiheit“, kann in ihrer Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sind es doch gerade die besonders musischen Menschen, die ein seismographisches Gespür für Zwischentöne und Stimmungen haben; die noch kaum sich abzeichnende Entwicklungen lange voraus wahrnehmen und intuitiv in eine für alle verstehbare Farben- und Formensprache übersetzen; die aber immer auch ihre Pinsel in die offenen Wunden der Gegenwart legen, während sie diesen mit der anderen Hand aktuelle Beispiele für Freude und Schönheit gegenüberstellen. Eine Gesellschaft, die sich dieses Korrektivs benimmt, läuft akute Gefahr, sich in Sachzwängen und Routinen totzulaufen. Nicht umsonst starteten gerade in der aufkeimenden „No Future-Stimmung“ der neunziger Jahre auch im SALZACHbrücken-Land etliche Kunstinitiativen. Und Gemeindepolitiker, die über den Rand des nächsten Stimmzettels hinaus blickten, erkannten die sinnstiftende Wirkung, welche die bildende Kunst entfalten kann, wenn sie erst einmal auf die Menschen losgelassen wird.

KUNST ERLEBBAR MACHEN
In Oberndorf bildete sich die auch gesellschaftspolitisch aktive „Kunstinitiative Kreisverkehr“ (vormals KNIE), in Freilassing eine „Künstlergilde“, Professor Schönswetter richtete in der alten Grundschule von St. Radegund den Künstlertreff und Seminarstandort „Farbwerk“ ein, auch die Anfänge der bereits erwähnten Bildhauerei-Symposien für Stahl oder Holz in St. Pantaleon und St. Georgen fallen in diese Zeit um die Jahrtausendwende, und in Fridolfing, Kirchanschöring und Laufen wurde zwischen 2009 und 2013 mit der „Salzach Biennale“ jeweils der Fokus auf zeitgenössische Kunst gelegt. Für Werkstätten, Ateliers, Aktionen und Ausstellungen wurden mit sicherem Gespür die seltsamsten Räumlichkeiten und schrägsten Locations besiedelt bzw. reaktiviert: Die gewaltige Gipshalle eben oder ein winziges Zollhäusl, eine uralte Schmiede in Lengfelden oder der alte Bauhof mitten in Laufen. Zusätzlich fanden viele Künstler die Möglichkeit, ihre Projekte im öffentlichen Raum zu realisieren, wie etwa die Kunstspirale beim Gemeindeamt Bürmoos, einzigartiges Zeugnis der für diesen Industriestandort historisch typischen, wechselseitigen Verbundenheit der Werktätigen mit der örtlichen Gemeinschaft; vor einigen Jahren musste dieses Kunstwerk einer Parkplatzerweiterung weichen.
Die vorstehenden Ausführungen sind aus gutem Grund nicht in der Gegenwartsform verfasst. Ob nun Kunstwerke schlicht missachtet werden, ob Sachzwänge zur Absiedelung oder zum Ende angestammter Kunstprojekte führen oder ob engagiert gegründeten Initiativen schön langsam die Luft ausgeht – rundum scheint ein leichtes Verblassen jener Blütezeit der Kunst in unseren Regionen Platz zu greifen. Das bedeutet nicht, dass es weniger Kunstschaffende gäbe – ganz im Gegenteil. Sie sind nur leider nicht mehr in diesem Maße öffentlich präsent, wie es der Gesellschaft und der ganzen Region gut täte.
Kreatives Schaffen im eigenen Atelier ist unerlässlich – dessen Ergebnisse aber können erst durch unsere Neugier und das Interesse der Öffentlichkeit ihre beglückende, aufrüttelnde oder auch heilende Wirkung in unserem gemeinsamen Lebensumfeld entfalten!
 
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