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Salzachbrücke

Lesen bringt die grauen Zellen auf Trab

Mag. Andrea Weilguni

Zuerst fällt einem das große Bücherregal auf, wenn man das Wohnzimmer von Frau B. betritt. Dann die überaus wachen Augen, die nicht annähernd verraten würden, dass Frau B. die 90 bereits passiert hat. Lesen war und ist ihre große Leidenschaft. Lesen sei für sie eine zweite Welt, die sich eröffne, meint Frau B. und es sei einfach immer wieder interessant und erbaulich, sich mit neuen Themen und Geschichten auseinanderzusetzen und sich dadurch zu fordern. Frau B. ist, mit einem Wort gesagt, belesen.

Lesen hält aktiv
Der tägliche Griff zum Buch, zur Zeitung oder zur Illustrierten fordert das Gedächtnis und bildet. Denn im Gedächtnis passiert einiges, wenn wir lesen.
Lesen setzt die Fähigkeit voraus, sich zu konzentrieren. Das Gelesene muss zudem vom Gehirn in Bilder umgewandelt werden. Fernsehen ist im Vergleich dazu eine viel kleinere Herausforderung für das Gehirn, weil wir die Bilder mit dem Gesprochenen mitgeliefert bekommen. Lesen vermag aber noch viel mehr, denn es trägt dazu bei, den Wortschatz zu erweitern, die Sprachkompetenz, den Sprachgebrauch zu verbessern, aber auch die Konzentrationsfähigkeit an sich nimmt dadurch zu. Denn der Lesende muss sich mit Textinhalten zum einen auseinandersetzen und zum anderen, man denke an Romane, muss er dem Inhalt folgen, ihn behalten, um letztlich etwa einen Handlungsablauf einer Geschichte nachvollziehen und verstehen zu können.
Die grauen Zellen werden also enorm gefordert und das zeigt sich auch auf physiologischer Ebene, denn beim Lesen bilden sich neue Vernetzungen (Synapsen) im Gehirn. Dadurch wird das Gehirn aktiviert und die Durchblutung nimmt zu.

Lesen berührt
Parallel dazu löst das Gelesene bei uns oft ein seelisches Echo aus, weil es persönliche Erinnerungen wachruft, weil wir uns auch eine eigene Meinung bilden, wir an Bekanntes anknüpfen etc. Wir schwingen mit dem Text, gleich einer Resonanz, die das Gelesene in uns auslöst, sozusagen mit.
Und Texte lassen uns dafür auch Zeit. Kennen Sie das? Manchmal berührt eine Textpassage so sehr, sodass man sie mehrfach lesen muss, darüber nachsinniert, vielleicht auch das Buch etwas beiseite legt, um dann später wieder fortzufahren. Und nicht nur das. Jeder liest in seinem Tempo. Lesen bedeutet also nicht nur das Betreten anderer Welten, sondern es eröffnet auch die eigenen Innenwelten. Es kann sogar eine Art Selbstvergessenheit erzeugen, wenn uns ein Buch total gefangen nimmt. Fernsehen schneidet demgegenüber schlecht ab.

Lesen fördert den Austausch
Frau B. liest aktuell etwa ein Buch von Hape Kerkeling über seine Kindheitserinnerungen. Viele Erinnerungen kommen ihr dabei aus der eigenen Lebensgeschichte in den Sinn. Umso schöner ist es, dass sie eine Bekannte hat, mit der sie sich dann zu einem Kaffee trifft und das Gelesene bespricht. Sie machen sich dabei immer eine bestimmte Textpassage aus, über die sie sich dann beim nächsten Treffen austauschen. Klar geht der Diskurs weit über das Buch an sich hinaus, aber so soll es ja auch sein. Und vor allem, es soll ja Freude machen. Kürzlich habe sogar eine Dame angefragt, ob sie bei ihrem kleinen Lesezirkel dabei sein könnte, erzählt sie strahlend. Jetzt sind sie bereits zu dritt.
Lesen fördert demzufolge ebenso die zwischenmenschliche Kommunikation. Über den gegenseitigen Austausch sind viele Lernprozesse möglich, wie etwa das Vertreten einer persönlichen Meinung, das kritische Hinterfragen derselben und dadurch vielleicht das Erweitern eigener Sichtweisen.

...und nur das, was interessiert
Und wenn man etwas aus der Übung sein sollte, dann nur nicht entmutigen lassen. Es muss letztlich ja kein Roman oder keine Fachliteratur sein. Aber interessant muss es sein und es muss auch immer den eigenen Fertigkeiten angepasst werden. Und so manche Pause tut beim Lesen auch gut. Der Leser alleine gibt also die Richtung vor. Dabei gibt es nun viele Variationen.
Da die meisten Leseprobleme auf falsche oder nicht adäquate Lesehilfen (Brille, Licht) zurückzuführen sind, sollte die Sehstärke regelmäßig überprüft und auch ein guter Platz mit genügend Licht geschaffen werden. Man kann mit kleinen Leseeinheiten beginnen. Kurzgeschichten sind dafür ideal. Mittlerweile gibt es eine große Auswahl an Büchern in Großdruck. Nicht zu vergessen gibt es auch die E-Books. Aber mal ehrlich: Der Charme eines Buches kann doch durch nichts ersetzt werden. Ja und Hörbücher gibt es ja auch noch, wenn die Augen nicht mehr so mitmachen.
Jetzt, da der Frühling da ist – hinaus an die frische Luft, eine kleine Runde mit einem Büchlein unter dem Arm drehen, ein feiner Platz an der Sonne, ein Kapitel oder zwei lesen und dann gut nachbesprechen bei einer Tasse Kaffee.
Schon mal daran gedacht, eine kleine Leserunde zu initiieren? Nur zu, denn Lesen ist pures Gehirnfutter. Und haben Sie gewusst, dass Menschen, die in der Öffentlichkeit lesen, interessanter, intelligenter und begehrenswerter wirken? Mon dieu, Lesen eröffnet definitiv völlig neue Perspektiven.
 
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