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Salzachbrücke

Was sagt dein Therapeut dazu?

Niedergeschlagen und müde, die normale Arbeit wird zur Belastung, eigene Schwächen treten in den Vordergrund, Termine werden vergessen oder nicht wahrgenommen und in der Partnerschaft findet man auch keinen wirklichen Rückhalt mehr. Die Nächte werden länger ohne noch Erholung zu bringen und an vielem, was früher das Leben ausgemacht hat, will keine rechte Freude mehr aufkommen: Eine gesellige Runde, gutes Essen, ein gelungenes Projekt, ein romantischer Abend – eben die schönen Seiten des Lebens haben ihren Reiz verloren und werden im fortgeschrittenen Stadium von den kurzen Momenten der Betäubung durch Alkohol oder andere Rauschmittel abgelöst.
Symptome wie diese – ob sie nun schwächer oder stärker auftreten – können immer Anzeichen für eine (beginnende) Depression sein. Genauso gut können sie bis zu einem gewissen Grad auch bloß von einer vorübergehenden Schwermut herrühren, die gerade im Herbst bei vielen Menschen nicht unüblich ist. Auch das Bewältigen einer körperlichen Krise bzw. Krankheit kann uns ganz allgemein für eine gewisse Zeit auf „Schonbetrieb“ einbremsen, ebenso eine außergewöhnliche Stresssituation, ein Trauerfall oder ein persönliches bzw. berufliches Scheitern. Solche an sich völlig normalen Phasen oder auch Krisen der menschlichen Existenz werden im besten Fall durch verschiedene Schutzmechanismen auf allen Ebenen der Person verarbeitet und bewältigt.
Dazu bedarf es freilich einiger Rahmenbedingungen wie Ruhezeiten, Rückzugsräume, funktionierende soziale Kontakte und persönliche Beziehungen sowie nicht zuletzt auch eine gewisse wirtschaftliche Grundsicherheit. Wenn diese Voraussetzungen für eine gelungene Krisenarbeit zumindest teilweise nicht gegeben sind, dann können sich kleine Auslöser durchaus zu manifesten Krankheitsbildern auswachsen. Steigender Leistungs-, Zeit- und Konkurrenzdruck bei sinkender Perspektive und Absicherung am Arbeitsplatz, das Zerbröckeln gesellschaftlicher Strukturen, das Zerbrechen von Familien und Beziehungen und die zunehmende Vereinsamung und Verunsicherung des Einzelnen sind alarmierende Zeichen der Zeit, die uns nicht wirklich dabei helfen, die zuvor geschilderten, kritischen Lebensphasen aus eigener Kraft und gut zu meistern.
Kein Wunder also, dass sich dadurch unerledigte Probleme ablagern und aufstauen können, die irgendwann etwa als Burn-out auf sich aufmerksam machen. Wobei eine schlichte Überarbeitung, eine gerade noch funktionierende Phase der Stressbewältigung oder auch nur eine vorübergehende, körperlich bedingte Schwäche mittlerweile allzu oft als Burn-out überinterpretiert wird. Bei halbwegs aufmerksamer Selbstbeobachtung ist normalerweise durchaus zu erkennen, ab wann man sich nicht mehr zutraut, aus eigener Kraft wieder auf „Normalbetrieb“ hochzufahren. Spätestens dann sollten die inneren Alarmglocken läuten und Hilfe von außen zugelassen werden. Allzu leicht kann sich ein Burn-out zu einer handfesten Depression entwickeln, die dann noch einmal tiefer sitzt und entsprechend schwerer zu besiegen ist.
Wenn sich in Krisensituationen bestimmte Muster wiederholen, also Ängste, Reaktionen oder andere Symptome sich häufen, ohne dass man dies selbst verhindern oder wirksam verändern kann, dann liegen die Wurzeln oft tiefer. Da kann noch ein Knoten aus der Kindheit zu lösen sein oder ein späteres traumatisches Ereignis die Belastbarkeit der eigenen Psyche in Mitleidenschaft gezogen haben. Aber selbst Menschen mit der glücklichsten Kindheit und einem Lebenslauf wie aus dem Bilderbuch sind nicht vor einem plötzlichen Zusammenbruch gefeit; manch ein ungelöstes Problem schleppen wir unerkannt mit, das vielleicht schon seit Generationen wie beim Staffellauf in der Familie weitergegeben wird…
Von wo auch immer eine innere Blockade herrührt, die den konstruktiven Umgang mit eigenen Krisen erschwert oder verhindert: Sie ist alles andere als ungewöhnlich und in aller Regel nicht selbst verschuldet, ohne äußere Hilfe aber in den meisten Fällen nicht zu bewältigen. Dem steht allerdings ein leider immer noch verbreitetes Vorurteil oder beinahe schon Tabu entgegen, dass Psychotherapie nur etwas für Spinner oder seelische Krüppel, im besten Fall noch für Schwächlinge sei; als ob es ein Zeichen von Schwäche wäre, ein Auto mit Ölverlust oder ein Smartphone mit Systemfehler vom Fachmann reparieren zu lassen; und als ob wir nicht alle unser eigenes Päckchen mit uns tragen würden, das sich bei dem einen eben mehr, beim anderen weniger bemerkbar macht.
Die unverantwortliche Zurückhaltung der Krankenversicherungen bei der Übernahme der Therapiekosten hat nicht unwesentlichen Anteil an der Verdrängung psychischer Probleme. Viele fürchten auch negative Konsequenzen einer Psychotherapie; sei es im Berufsleben, im sozialen Umfeld oder schlicht bei der Einstufung durch Versicherungen wegen des „erhöhten Risikos“. Beim anerkannt hohen Anteil psychosomatischer Erkrankungen und dem öffentlichen Beklagen der Kostenexplosion im Gesundheitswesen stellt sich die Frage, ob eine flächendeckende und kostengünstige Behandlung psychischer Erkrankungen den Heilungsaufwand für körperliche Leiden nicht sogar wesentlich verringern könnte.
Wenn auch Burn-out inzwischen als Modekrankheit anerkannt und die saloppe Bezeichnung „depri“ bei Jugendlichen gang und gebe ist: Das Auftreten einer echten Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung scheint heute deutlich weniger klar wahrgenommen zu werden, als noch ein bis zwei Generationen davor. Zu leicht macht es uns die Gesellschaft, durch berufliche Überlastung, straff organisiertes Freizeitprogramm und exzessiven Trend-Sport oder mit Hilfe von Psychopharmaka gute Stimmung und Tatkraft zumindest vorübergehend zu simulieren – mit allen schrecklichen Folgen, wenn die Krankheit dereinst umso verheerender auf sich aufmerksam macht. Es wird Zeit für einen offenen und unverkrampften Umgang mit solchen Krisen bei uns selbst und anderen sowie für ein grundlegendes Umdenken in der Gesundheitspolitik.
 
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