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Salzachbrücke

Wenn die Aura verrutscht...

Wer seine alltäglichen Entscheidungen am Zeitungshoroskop ausrichtet, steht latent bereits mit einem Bein im Schuldturm. Am Markt für Glück und Erfolg sind solche Menschen die idealen Kunden für ultimative Heilsversprechen gegen teils utopische Bezahlung.

Mag. Thomas Haas

Glück ist machbar – immer und überall, für jedermann und jede Frau! Erfolg ist allein eine Frage des Wollens, der richtigen Methode und der Disziplin! Schwächen sind da, um eliminiert zu werden. Scheitern – was ist das? Das breite Feld an Glücksstrategien und Machbarkeitskonzepten lässt sich von den zentralen Aussagen her so ziemlich auf die vorgenannten vier „Wahrheiten“ eindampfen. Einige „Player“ des Glücks- und Erfolgsmarktes werden hier anhand von kritischen Thesen charakterisiert und hinterfragt. Methoden, Parameter, Typologien und schließlich Überzeugungs- und Marketingstrategien sind zwischen den verschiedenen Systemen und Anbietern ebenso weitgehend austauschbar, wie die nun folgenden Ausführungen dazu.

Selbstverwirklichungs-Gurus bieten für wenig Geld zehn Schritte, fünf goldene Regeln oder den einen wahren Weg zum schnellen Glück. Gut Ding braucht aber Weile und Geduld.
Auf die Schnelle geht normalerweise gar nichts. Je effizienter und straffer die Programme angepriesen werden, desto mehr Zweifel sind geboten.
Erst recht, wenn die sechs, sieben, acht bis vier todsicheren Tipps wort- und bildreich angepriesen werden, bis der Finger wund gescrollt ist, um schließlich das unwiderstehliche Offert zu präsentieren, dass „mit einer Zahlung von nur € xy,- … und das nur jetzt noch kurze Zeit im Sonderangebot…“

Karriere-Trainer lehren knallharte Ellbogentechnik im skrupellosen Wettbewerb um Macht und Anerkennung. Dauerhafte Stärke erwächst aber aus dem Zusammenrücken.
Solche Methoden heute noch gegen bares Geld unters Volk bringen zu wollen, entbehrt selbst nicht einer gehörigen Chuzpe. Ist dieses Verhalten doch mittlerweile schon beinahe vorgestriger Mainstream und wird folglich spätestens mit der Schulmilch aufgesogen. Umgekehrt freilich hat sich inzwischen die Annahme erhärtet, dass solcherart erklommene Sprossen auf der Erfolgsleiter brüchig und erkämpfte Jobs alles andere als stabil sind.

Geistheiler und andere Medien deuten jeden Furz als Ausdruck eines universellen Gesetzes mit individueller Aussagekraft. Heiße Luft der dritten Art steht hoch im Kurs.
Mit Geistern von Verstorbenen in Kontakt zu stehen macht per se un(an)greifbar. Die Angst vor dem Tod und vor allem, was damit zu tun hat, hält viele davon ab, solche Kontakte an sich in Frage zu stellen.
Selbst wer nicht an eine Unterwelt glaubt, fürchtet doch ihre Rache; das bedeutet freie Hand für diese Anbieter bei der Wahl ihrer Methoden und Parameter.

Success-Coaches weisen mit tausend Tricks und Tipps auf den schnurgeraden Weg zum Erfolg. Echtes Leben freilich spielt sich in den Kurven und auf Umwegen ab.
Das Ausblenden anderer Parameter und Lebenswirklichkeiten, monokausale Erklärungsmuster und Scheuklappenverordnungen sind typisch für die gesamte Glücks- und Erfolgsbranche. Wer dabei eben „nur“ Erfolg anbietet und wenig Phantasie hat, der versucht Menschen zu finden, die für ein Allerweltsrezept auch noch Geld ausgeben.

Heilspropheten blecken einem strahlend entgegen: „Na, heute schon gelacht?!“ Dabei tränken auch Tränen den Baum des Lebens und Mitgefühl nährt eine Gemeinschaft.
Authentizität ist in vorgefassten Konzepten verpönt; Schwächen oder gar Scheitern und schwierige Lebensphasen sind tabu. Verschwiegen wird freilich bei der verordneten guten Laune, dass die einmal aufgesetzte Maske so schnell nicht mehr runter darf und die eigene Persönlichkeit tunlichst ins Archiv zu verschwinden hat.

Machbarkeitsprediger zeigen eindrucksvoll, wie man gleichzeitig eine Leiter halten und daran emporsteigen kann; ohne zu erklären, warum es eigentlich oben immer besser sein soll.
Vorwärts, aufwärts, schneller, besser, weiter – Komparative werden hier zum Glaubenssatz, Superlative Gott gleich. Götter muss man nicht begründen und Glaubenssätze werden in der Regel nicht hinterfragt; vor allem, wenn sich bestimmte Strukturelemente in der Gesellschaft mit diesen decken. Der letzte Zweifel verblasst vor dem best practice-Beispiel eines Experten.

Seher und Deuter lassen aus Karten, Runen und allerlei anderer Materie das Schicksal ziehen oder legen etc. Wenn das Schicksal in einer Karte steckt, wo bleibt dann die Freiheit?
Damit wären wir wieder beim Horoskop, das eine ähnliche Trefferquote aufweist wie diese Lege- und Deutungssysteme, deren Aussagen den einzelnen Zeichen zugeordnet und vorformuliert sind. Aus allgemeinen Weisheiten kann sich jeder seine eigene Deutung herauslesen – was durch die raffiniert offen gehaltenen Texte in aller Regel auch gelingt.

Energetiker bieten uns den Joystick an, mit dem wir beliebig unsere Energieflüsse aktivieren und steuern können. Ginge das wirklich für alle so einfach, würde die Welt längst anders aussehen.
Sicher können wir uns über viele verschiedene Hebel auch selbst in Schwung bringen oder da und dort auch Blockaden auflösen. Kritisch wird es bei all diesen Angeboten allerdings, wenn sie sich jeweils als den ultimativ einzigen und allein passenden Schlüssel ausgeben.
Je einfacher die Methode, desto teurer ist sie meist; was sie freilich nicht unbedingt glaubwürdiger macht.

Mit den teils überzeichneten Kommentaren soll keine einzige der erwähnten Methoden lächerlich gemacht werden. Nur die kommerzielle Ausnützung der Gutgläubigkeit anderer steht hier am Pranger. Sollten Sie für Ihre Aura noch immer nicht das Richtige gefunden haben, bleibt immer noch der stets gültige Rat: Aufstehen, Krone richten, weitergehen!  
 
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