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Salzachbrücke

Er fuhr Ford und kam wieder

„Ice Rallye 2017“ – so hat Stefan Poerschke seine Idee genannt, im tiefsten Winter ans Nordkap zu fahren. Nicht etwa im Luxus-Allradauto, sondern mit seinem fast 30-jährigen Ford Fiesta. Wir wollten wissen, wie es dem Freilassinger ergangen ist und wie das Auto sich geschlagen hat – das übrigens die ganze Strecke auf eigener Achse gemeistert hat.

Elisabeth Strassert

„Die Idee war in vier, fünf Stunden so geboren, mit Fiesta und allem. Im Sommer und mit am neuen Auto konn‘s jeder“, ist Stefan Poerschkes grinsende Antwort auf die große Frage nach „Fiesta, Nordkap, Winter: Warum?“
Vor eine Reise haben die Götter die Planung gesetzt: Denn freilich ist Stefan Poerschke ein wenig verrückt, wie er selber zugibt, aber nicht lebensmüde. Seinen liebsten vierrädrigen Begleiter hat er deswegen gründlich auf die Fahrt vorbereitet.
Und nicht nur die Technik musste für Schnee, Eis und Temperaturen von bis zu –37,5 °C vorbereitet sein: Das Auto sollte nämlich als Mini-Wohnmobil dienen. Also wurde der Fiesta bis auf den Fahrersitz entleert.

Fiesta mit Finessen
Platz fanden dann eine extra geschreinerte Schlafgelegenheit mit 1,90 Metern Länge, Zusatzbatterien, Voltmeter, Notstromaggregat, Kochstelle, Mini-Heizlüfter, Arktis-Schlafsack, Getränke, Tütenessen und Co. In den Aluboxen auf dem Dachträger fand der Rest der Ausrüstung Platz, obenauf sogar noch eine Photovoltaikanlage mit 30 Watt Leistung.
Unvorbereitet ging Stefan selbst übrigens auch nicht auf die Reise. Um dem Ganzen körperlich gut gewachsen zu sein, hat er sich in der Boulderbar Salzburg richtig auftrainiert. Nicht nur bei der Body-Fitness, sondern auch mit Essen und Sponsoring hat ihn das Team dort unterstützt.
Kräftig geholfen hat auch das Autohaus Schaffler in Traunstein: Denn um den kleinen Ford etwas zu „trainieren“, wurden Kühlsystem und Scheibenwaschwasser mit ordentlich Frostschutz „gedopt“; ein Ölwechsel mit einem Hochleistungs-Schmierstoff in der Viskosität 0W30 sollte den Motor bei extrem tiefen Temperaturen bei Schmierlaune halten. Natürlich durfte auch gründlicher Rostschutz nicht fehlen.

Defekter Lichtschalter vor Nordlicht-Kulisse
Die oberhalb der Stoßstange angebauten Zusatzscheinwerfer sollten zum Lebensretter werden – denn der erste Defekt ereignete sich wenige Kilometer vor Altaa in Norwegen. Stefan saß im Auto, während seine WLAN-Kamera ein langzeitbelichtetes Foto vom Fiesta vor der farbenkräftigen Aurora Borealis machte.
Offenbar war auch der kleine Ford fasziniert vom Nordlicht, denn beim Losfahren hauchte das Scheinwerferlicht seinen Geist aus. Ursache: Über den Lichtschalter läuft zuviel Strom, weil er noch nicht, wie bei moderneren Autos, über ein Relais geschaltet wird – der Schalter brennt bei Dauerbelastung gern einmal durch. Als Elektriker tat sich Stefan nicht schwer, die Rücklichter auf Dauerplus zu legen, vorn strahlten dann die H3-Zusatzscheinwerfer über einen eigenen Schalter. An sich also kein Problem, weiterzufahren – nur nicht ganz serienmäßig. In der nächsten Ortschaft wollte er deshalb an der Tankstelle nach Hilfe fragen – und stand direkt in einer Ford-Vertretung.
„So vui Glück kannst eigentlich gar ned haben, wie i auf der Reise“, resümiert Stefan und grinst: „Die Mechaniker haben die Hände vor‘s Gesicht geschlagen, wie sie mein Auto gesehen haben.“

„Harte“ Währung: Bayerisches Bier
Hauptgrund dafür dürfte der Umstand gewesen sein, dass der Fiesta nur auf ganz normalen Winterreifen in „Schubkarrengröße“ 135/80 R13 stand. Denn: Niemand fährt in Norwegen ohne Spikes. „I scho“, ist Stefans grinsender Kommentar. Antwort der Norweger, lachend und mit ungläubigem Gesicht: „F***ing stupid Germans!“ Trotzdem sich fünf Mechaniker zwei Stunden lang um sein Auto und den Lichtschalter-Defekt bemüht hatten, war‘s umsonst. Auch die Reparatur: „nix repariert, nix zahlen!“ Aber ein Bier aus einer unserer Heimat-Brauereien ließen sie sich gerne geben.
Überhaupt ist der Gerstensaft im hohen Norden höchst beliebt – als Zahlungsmittel lässt er sich problemlos verwenden, erklärt Stefan: „Ich wollte in Norwegen mal a Bier kaufen, und das hätte für 0,3 Liter 18 Euro gekostet…!“
Den Rest der Tour musste Stefan aus der Not eine Tugend machen und seine Zusatzscheinwerfer als Lichtquelle nutzen – was eher ein Vorteil war, denn die leuchteten sogar besser als das serienmäßige Licht.
Auch der Fahrer hatte einen „Defekt“ zu erleiden: Irgendwo am nördlichen Polarkreis hat Stefan etwas Haut eingebüßt. Beim Tanken ist er festgefroren, als er bei –32° C den Zapfhahn aus Versehen mit bloßer Hand angegriffen hat. Da half nur noch „losreißen“ – und an allen Fingerspitzen etwas Haut verlieren.

„Heimatkontakt“ mit Fotos und Videos
Um wenigstens einen Teil der Reise zu finanzieren, hatte Stefan die ganze Tour im Vorfeld in den sozialen Medien bekanntgemacht, mit verschiedenen Firmen „angebändelt“ und gegen Bares etliche Werbeaufkleber seiner Unterstützer auf den kleinen roten Ford geklebt.
Damit seine Freunde und Werbepartner zu Hause stets wussten, wo er unterwegs war, gab‘s per Handy als einzigem Kontakt zur Außenwelt täglich tolle Fotos, Kommentare und sogar Videobotschaften.
Nicht nur die enorm schönen Landschaften, sondern auch die Hilfsbereitschaft der Menschen war für Stefan ein echtes Erlebnis: Die nettesten, hilfsbereitesten Leute traf er in Schweden, Norwegen und Finnland: „Ich bin teils mitten auf der Straße stehengeblieben und hab‘ Fotos gemacht bei wenig Verkehr, fünf oder sechs Mal blieb mal wer stehen und hat gefragt, ob er helfen kann. Da gibt‘s kein Hupen oder Ähnliches.“
100 % Schnee, 0 % Sicht
Nur drei Tage war der Fiesta übrigens mit Schneeketten unterwegs, so auch knapp 50 Kilometer vom großen Reiseziel entfernt. Fünf Minuten nach dem Losfahren löste sich ein Teil der linken Schneekette auf – ausgerechnet im fast sieben Kilometer langen Nordkaptunnel.
Jeder normale Mensch würde stehenbleiben – nur dummerweise geht das im Tunnelkonvoi nicht. Also schlägt das kaputte Kettenglied gegen den Radkasten, ganze 80 Kilometer lang war es höllisch laut im Auto. Am Ende musste der Radkasten Lack lassen, das Blech war ausgefranst.
Oft haben wahre Helden ja mehr Glück als Verstand, und auch hier ist es nicht viel anders. Bei extrem dichtem Schneegestöber in Nordnorwegen konnte Stefan sich nur noch an der Küste entlangtasten: „Du siehst nix mehr über den Pass und fährst nur noch im Konvoi den Rücklichtern des Vordermanns nach, das Schneegestöber war extrem, warm ist es längst nicht mehr im Auto, es geht nur noch drum, mit dem Gebläse die Frontscheibe freizuhalten.“
Bei diesen Bedingungen hat Stefan für 20 Kilometer Autofahrt zwei Stunden gebraucht, denn die Sicht war gleich Null, die Straße extrem glatt. Dank Navi fuhr er nach dem Motto: Mit wenig Gas fortbewegen, wenn es anzeigt, dass die Straße geradeaus geht, bei Kurven vom Gas gehen und rollen lassen. Bremsen war nicht mehr drin.

Alle im Straßengraben – fast alle
„Irgendwann flackt im Straßengraben ein Räumfahrzeug mit Blinklichterl, dann hat‘s mich rausgedreht in den Schnee, mit Müh‘ und Not hab ich es noch zum Nachtlager geschafft. Der komplette Motorraum war nur noch Eis und er ist nimmer angesprungen.“
Vor dem Schlafengehen Blick unter die Haube: Die Zündverteilerkappe hatte sich offenbar in Einzelteile zerlegt, da war guter Rat teuer. „Total am Ende“ ruft Stefan seinen Spezl daheim an, der ihm ungefähr erklärt, wie es zusammengebaut werden muss. Trotzdem lief der Motor anschließend total unrund.
Schließlich musste Stefan auch noch den Vergaser abbauen, damit er Platz hatte, um „ein kleines Blechplatterl“ wieder in den Zündverteiler hineinzupfriemeln: „Da war i dann kurz vor‘m Rean.“ Auch das Schaltgestänge war inzwischen komplett eingefroren und ließ sich nicht mehr bewegen.
Mit letzter Anstrengung hat er in der Eiseskälte und Dunkelheit nur mit Stirnlampenbeleuchtung alles zusammengebaut, und siehe da: Fiesta läuft wieder! Freudentränen inklusive.
Just in dem Moment kam ein Norweger mit schwerem Gerät angefahren: „Was machst denn du da?!“ – „Ich bin da hergefahren.“ – „Du bist ja echt behindert – aber cool. Ich fahr jetzt meinen Kollegen rausziehen, der liegt mit dem Räumfahrzeug da hinten im Graben.“
Nach eisiger Nacht war das Wetter am nächsten Morgen wieder gut genug für einen kleinen Erkundungsspaziergang die Straße entlang: „Da sind links und rechts die Autos im Straßengraben gelegen.“ Als Einziger hat er es mit seinem Fiesta bis zum Parkplatz geschafft, auch wenn er zugibt: „Beim Fahren möchtest einfach nur sterben!“

Nordkap: Ohne Fiesta durch hüfthohen Schnee
13 Kilometer vor dem heißersehnten Ziel war an ein Weiterfahren nicht mehr zu denken. Hüfthohe Schneemassen und eine gesperrte Straße – sollte es das gewesen sein?
„I hob wirklich ned nochdenkt“, sagt Stefan Poerschke, obwohl er sieben lange Stunden an der Schranke stand, darauf hoffend, dass die Straße geräumt und freigegeben wird – Fehlanzeige. Es war nicht seine erste Wintertour, und so ist er schließlich einfach losmarschiert, warm eingepackt und mit Stirnlampe.
Die ganze Strecke wühlt er sich durch teils hüfthohen Schnee, dunkel und kalt ist es sowieso, und ganz nebenbei geht ihm durch den Kopf, dass es auch Eisbären gibt, die einem am Nordkap in die Quere kommen könnten. „Wind, Sturm und Schnee waren extrem. Wie ich oben war, hab i mi riesig gfreit, aber eigentlich war ich schon am Ende, die komplette Fußsohle war eine einzige Wasserblase.“
Vor dem Umdrehen macht er noch mit dem Handy ein paar verwackelte Fotos von der Nordkap-Kugel. Mehrfach hätte er sich am Rückweg so gerne nur für einen ganz kurzen Moment hingesetzt – doch ihm war bewusst: „Dann is‘ vorbei.“ Gegönnt hat er sich nach dieser Gewalttour übrigens eine Nacht im Hotel, heiße Dusche inklusive.
Retour Richtung Heimat hat Stefan dann noch eine richtige Rundreise unter die kleinen Ford-Räder genommen. Statt den direkten Weg nach Hause zu fahren, hat er ein paar schöne Fleckerl Süd- und Osteuropas besucht und auch bei Freunden Station gemacht.

„Ich tät‘s nie wieder machen!“
Der Freilassinger ist überzeugt, der Erste zu sein, der im Winter zu Fuß Europas nördlichsten Punkt besucht hat: „Ich hab‘s Nordkap komplett für mi alloa ghobt, aa wenn i ned recht vui gseng hab. Im Nachhinein find ich‘s cool, dass ich es gemacht hab, aber i tät‘s nie wieder machen“, resümiert Stefan lachend. Und fügt hinzu: „I tät aa am jeden davon abraten, weil‘s einfach nur dumm is.“
Beim Rückweg Richtung Lappland gab es wieder enorm viel Schnee, einen wunderschönen Himmel und „alle Farben außer hell“. Das Schönste an der Reise war für Stefan ohnehin das Outback und die Landschaften, nicht die Städte.
Geputzt und auf „Beifahrerbetrieb“ zurückgerüstet ist der kleine Ford inzwischen, doch bis sich die angesammelte Feuchtigkeit aus dem Innenraum verzogen hat, wird es sicherlich Sommer werden. Und: „Jedes Rostfleckerl tut einfach weh“, sagt Stefan Poerschke mit Blick auf die kleinen Stellen, die es nach dem Heimkommen nun zu behandeln gilt, damit sie nicht größer werden.
Dennoch: „Ich bin froh, dass i mit‘m Fiesta gefahren bin!“

Facebook: Die ganze Reise gibt’s mit Fotos, Kommentaren und Videos hier: www.facebook.com/IceRallye2017
 
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