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Salzachbrücke

Mehr Farbe ins Leben

So üppig die Palette an Farben seit jeher war, mit denen die Natur unser Auge erfreut, so karg stellte sich durch Jahrtausende die Möglichkeit des Menschen dar, selbst Farbe in das von ihm bewohnte Umfeld zu bringen. Klassische Höhlenmalereien in Rot-, Braun- und Schwarztönen zeigen uns die überschaubare Auswahl an mineralischen Farbstoffen der Urzeit. Spätere Naturvölker gewannen zusätzliche Farben aus Pflanzen und die frühen Kulturen entwickelten schließlich vielfältige Verfahren zur Farbgewinnung und -herstellung aus organischen und anorganischen Quellen.
Stand bei den Naturvölkern noch ein instinktives Streben nach farblicher Harmonie im Vordergrund, die jeden Menschen als Teil der Natur auswies, so gewann in den sogenannten Kulturvölkern sehr bald hierarchisches Denken die Überhand; die für die jeweilige Kultur typischen und meist aufwändig hergestellten Farben blieben als Zeichen der Macht oft den führenden Schichten vorbehalten.

DIE FARBEN DER MACHT
Um die ursprünglich aus Korea stammende Tusche entspann sich um unsere Zeitenwende ein wahrer Hype in Fernost, bis es China ein Jahrtausend später endlich gelang, eigene Tusche in vergleichbarer Qualität zu produzieren. Ein ekelhaft stinkendes Sekret der Purpurschnecke war im alten Rom die Grundlage für den Siegeszug der gleichnamigen Farbe, die bis heute – vor allem in der katholischen Kirche – ein Symbol für Macht und Einfluss geblieben ist. Zehntausend Purpurschnecken soll es gebraucht haben, um die Tunika für einen römischen Imperator zu färben. Die Eigenart dieses Sekrets, sich erst unter Sonneneinwirkung von Gelb über Grün und Braun zum satten Purpur zu wandeln, machten sich die Römer zunutze, indem sehr junge Herrscher grün eingekleidet wurden; mit zunehmender Reife verfärbte sich ihre Tunika schließlich zu Purpur.
Auch im Europa des vergangenen Jahrtausends war der Einsatz kräftiger und bunter Farben nur einer kleinen, privilegierten Schicht vorbehalten. Adel, gehobene Geistlichkeit und vor allem die Klöster bildeten die Kunst des Färbens weiter oder waren zumindest in der Lage, sich an deren Erzeugnissen zu erfreuen. Mit fortschreitender Entwicklung der Techniken und dank der zunehmenden Vielfalt neuer Rohstoffe und Materialien aus den Kolonien hielt die Farbe vor etlichen Jahrhunderten auch gestaltenden Einzug in Schlösser und Klöster. Die Kunst der Freskomalerei erfuhr gegen Ende des Mittelalters ihren Durchbruch, wertvolle Leder und gefärbte Stoffe veredelten kalte Steinwände und je nach den verfügbaren Mitteln ließ man sogar Wandteppiche mit verherrlichenden Motiven aus dem Umfeld des Auftraggebers gestalten.

WANDSCHMUCK DER NEUZEIT
Mit der Verknüpfung der Handwerkskünste der Papierherstellung und des Druckens kamen in Europa vor gut dreihundert Jahren die ersten raumhohen Tapetenbahnen auf. Neben einer bereits damals reichen Auswahl an Mustern und Farbkombinationen wurden auch schon auf Panoramatapeten mit bis zu dreißig Bahnen Landschaftsansichten oder Kriegsszenarien dargestellt. Zwischenzeitlich zierte auch fernöstliches Blumendekor die Wände der Reichen; im Übrigen lehnte sich der Stil der Wandverkleidungen bis ins vorige Jahrhundert im Wesentlichen an die vorherrschenden Kunststile an. Wenig verwunderlich, dass in der heutigen pluralistischen Gesellschaft mit hohem Lebensstandard und fortschreitender Individualisierung kein einheitlicher Trend der Raumgestaltung mehr festzumachen ist.
In groben Zügen kann in unseren Breiten zwar eine Phase der weißen Wände gegen Ende des 20. Jahrhunderts definiert werden, die als Reaktion auf die Auswüchse einer Nachkriegstapezierwut, insbesondere auf jene der geschmacksoffenen Sechziger- und Siebziger-Jahre, durchaus zu verstehen ist. Mit dem Auftauchen aus einer vorübergehenden No-Future-Stimmung in eine offensive Orientierungslosigkeit setzte spätestens vor zwei Jahrzehnten ein neuer Boom der Wohnraumgestaltung ein. Innendekor, Raumdesign, und vor allem Farbkonzepte, die gar nicht gewagt genug sein können – auf all diesen Gebieten wuchs der Markt zunächst rasend schnell. Mit immer leichterer Verfügbarkeit „eleganter Wohndesigns“ und „edler Vintage-Akzente“ für den „gehobenen Lebensstil“ sanken zwar die Preise, in der Breite des Angebots leider aber auch die Qualität. Zuletzt lässt sich jedoch auch hier eine gewisse Bereinigung erkennen, die kompetente Beratung, solide Handwerksarbeit und hochwertige Produkte schön langsam wieder vom Ramsch der Ein-Euro-Läden scheidet.

FARB- UND STILKONZEPTE
Wenn hier von Raumdesign und Innendekor die Rede war, so liegt dem eine grundlegende Verbindung zu Grunde, welche die farbliche Gestaltung der Innenwände natürlich mit einzelnen Gegenständen und Farbträgern im Raum eingeht. Zwar werden ganzheitliche Farbkonzepte neuerdings wieder als letzter Schrei angeboten; in Wahrheit ist diese Wechselwirkung so alt, wie es die Verwendung von Farbe zur Gestaltung von Räumen gibt: Vor einem vergoldeten Wandbehang hätte man auch in Versailles keine Blechschüssel auf einer rohen Holzbank drapiert. Und vor über hundert Jahren forderte Adolf Loos für seine Jugendstilbauten dezidiert die Durchdringung aller Gebäudeteile und Einrichtungsgegenstände mit den für diese Kunstrichtung typischen Parametern.
Eine solche Stringenz lässt sich heute kaum noch realisieren, vielmehr findet sich eine bunte Vielfalt an Stilen (Landhaus, Vintage, neuerdings auch Retro, Afro etc.) wie auch beliebige Mischformen. Sogenannte „No-Gos“ oder Tabus gibt es im Bereich des Wohndesigns kaum noch. Insbesondere die Retro-Schiene öffnet ungeahnte Spielräume für Kombinationen und eigenen Stil-Mix.
In dem Zusammenhang gilt es einer naheliegenden Verwechslungsgefahr vorzubeugen. Farbstil und Farbberatung können sachlich natürlich auch bei der Gestaltung des Wohnbereiches eine Rolle spielen. Begrifflich ist damit landläufig allerdings jene Branche gemeint, die auf besondere persönliche Merkmale abgestimmte Farbkonzepte für einzelne Personen entwirft und vorschlägt, welche dann von der Farbe für Make-up, Nägel, Kontaktlinsen und Haare bis hin zur Wahl der Kleidung, der Accessoires und mitunter sogar des Autos für das individuell stimmige Outfit sorgen sollen.

FARBTHERAPIE
Entgegen der vorgenannten farblichen Wahrnehmung der eigenen Person durch andere, soll es hier aber um das eigene Farbempfinden gehen. Dabei drängt sich sofort eine weitere Unterscheidung auf, die sich am Beispiel der Farbtherapie und der von dieser genutzten Wirkung von Farben auf Psyche und Organismus trefflich erhellen lässt: Einerseits nehmen wir Farben – zumindest bewusst – in erster Linie optisch, also über die Augen wahr. Erst mit der Verarbeitung dieser Wahrnehmungen von Stäbchen und Zäpfchen unseres Auges im Gehirn entsteht der Eindruck von Farbe. Diese haftet also, genau genommen, nicht irgendeinem Gegenstand an; vielmehr reflektiert jede Oberfläche das (farblich neutrale) Licht in einer bestimmten Wellenlänge, die dann von uns als die entsprechende Farbe „gesehen“ wird. Bei der Farblichttherapie im engeren Sinn nehmen wir diese Wellenlänge aber nicht vermittels Auge und Sehzentrum wahr. Durch Bestrahlen eines Körperteils, eines Organs oder auch bloß eines Akupunkturpunktes mit einer bestimmten Farbe wirkt die entsprechende Schwingung quasi unmittelbar auf Körper und Psyche. Diese noch relativ junge Heilmethode hat beachtliche Erfolge erzielt und ist mittlerweile durchaus anerkannt. Eine reine Wärmebehandlung durch die verbreitete Infrarot-Bestrahlung zählt übrigens nicht zur Farbtherapie.

DIE MACHT DER FARBEN
Mit dem Fokus auf die optische Wahrnehmung der Farben in unserem Wohnumfeld stellt sich nun die Frage nach den eigenen Möglichkeiten dieses zu gestalten. Gewohnheit und Bequemlichkeit gehören auch hier zu den beharrlichsten Bremsklötzen am Weg zum eigenen Wohlbefinden: Einerseits ist die Wohnung schon immer weiß ausgemalt gewesen; andererseits ist nicht gesagt, dass man sich an einer Farbe nicht bald satt sieht; und wer weiß, ob man sich in der Familie bzw. mit dem Partner überhaupt auf eine verträgliche Farblösung einigen kann. So oder ähnlich werden allfällige Ansätze zur Veränderung gerne im Keim erstickt. Als günstige Gelegenheit, ein neues Farbkonzept für die eigenen vier oder mehr Wände umzusetzen, bietet sich jede Veränderung an: eine Übersiedlung, der Aus- oder Zuzug von MitbewohnerInnen, ein Neubeginn auf beruflicher oder Beziehungsebene, die Adaptierung eines Kinderzimmers oder auch nur ein neues Möbelstück oder der Weihnachtsputz.
Die Farbtherapie macht sich z. B. bei der Gestaltung von Behandlungsräumen und Krankenhäusern jene Eigenschaften der Farben bzw. deren physikalischer Erscheinungsformen zu Nutze, die einem empirischen Katalog gemäß für alle Menschen ähnlich gelten sollen.
Assoziationen mit ähnlichen Wahrnehmungen wie rotem Feuer oder grüner Wiese sowie gefühlsmäßige Verknüpfungen von Farben mit bestimmten Zuständen – z. B. lebendiges Gelb des Tageslichts oder entspannendes Blau der Nacht – lassen sich bis zu einem gewissen Grad allgemein gültig definieren.
Darüber hinaus entfaltet aber jede Farbe auf die Psyche des einzelnen Menschen auch eine individuelle Wirkung; diese hängt ganz wesentlich von unbewussten Zuordnungen aufgrund des jeweiligen Erfahrungshintergrundes ab. Der Macht der Farben im eigenen Zuhause eine Chance zu geben, könnte vielleicht bei passender Gelegenheit ein zusätzlicher Anstoß sein, einzelne Lebensbereiche stimmig zu kolorieren.

GUT BERATEN IST HALB GEWONNEN
Letztendlich kann freilich auch im Hinblick auf die Farbgestaltung von Innenräumen guten Gewissens nur auf die entsprechende Fachkompetenz verwiesen werden. Nichts lästiger, als sich nach einem vielleicht doch nicht unerheblichen Aufwand der Neugestaltung plötzlich so gar nicht mehr wohl zu fühlen. Wenn im Schlafzimmer Unruhe und Spannung aufkommt, die Konzentration im Arbeitszimmer oder am Schreibtisch des Jugendzimmers gar nicht mehr klappen will, oder das Wohnzimmer plötzlich verwaist, weil sich dort niemand mehr wohl fühlt, dann kann es schon sein, dass man sich in der Farbe vergriffen hat. Außerdem gibt es eine derart reiche Auswahl an Materialien, Techniken und Gestaltungsmöglichkeiten, dass es schade wäre, eine Neugestaltung nicht gründlich vorbereitet und wohl überlegt anzugehen.
Stoff ist vor allem als Vorhang ein nicht zu unterschätzender Farbträger. Mitunter gibt es auch die Option, einzelne Wände oder Teile davon zu bespannen. Im Übrigen bieten Tischtücher, Stuhlhussen, Tagesdecken oder Polster(-Möbel) willkommene Gelegenheit, auch einmal wechselnde farbliche Akzente zu setzen. Mit einem attraktiven Überwurf lässt sich sogar das gute, alte Möbelhaus-Sofa mit sechzehn Millionen Farben entschärfen. Selbst beim Tapetenangebot spiegelt sich die moderne Schnelllebigkeit wider: Wurden vormals die Papierbahnen quasi für die Ewigkeit gnadenlos auf den Putz geklatscht, sollen heutige Vlies- oder sonstige Tapeten rückstandsfrei und im besten Fall sogar trocken wieder entfernt werden können. Sehr beliebt sind zur Zeit auch die sogenannten Wand-Tattoos, also hauchdünne, selbstklebende Folien, mit denen sich schlichte Ornamente, Mohnblumen oder Bäume, Attrappen von Laternen etc. oder auch ganze Bildgeschichten auf die Wände zaubern lassen. Großflächig sind natürlich auch immer noch und wieder Panorama- bzw. Fototapeten im Angebot, die eine weidende Kuhherde vor imposantem Alpenpanorama oder auch einen verträumten Sandstrand samt Palme und endloser Weite des Meeres ins Wohnzimmer holen.

BUNTE AUSWAHL
Im Bereich der Farbanstriche stehen nicht bloß Farben und Lacke der unterschiedlichsten Zusammensetzungen, Eigenschaften und Qualitäten zur Auswahl. Auch die Art der Aufbringung variiert vom simplen deckenden Abrollen über den Pinselanstrich bis hin zu effektvollen Techniken wie Tupfen, Wischen, Spritzen oder Wickeln. Auch die farbige Gestaltung von Ornamenten oder geometrischen Figuren, die vertikale oder horizontale Strukturierung von Wänden mit verschiedenen Farben oder das Beimengen von Sand und anderen Materialien für eine lebendige Oberfläche sind nur weitere Beispiele einer unüberschaubaren Bandbreite an Gestaltungsmöglichkeiten, die unsere Zivilisation doch wesentlich von unseren Vorfahren in der Höhle unterscheidet. Da wir aber im Gegensatz zu jenen neun Zehntel unserer Zeit in Innenräumen verbringen, tun wir im Interesse unseres eigenen Wohlbefindens gut daran, es uns zumindest zu Hause auch farblich so richtig gemütlich zu machen.
 
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