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Salzachbrücke

Die der Welt Heil gebracht

Einen Hit wollten weder Mohr noch Gruber landen.
Und wenn auch die Arnsdorfer Melodie heute rund um die Erde erklingt: „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ als Welthit zu bezeichnen, würde seiner durchdringenden Wirkkraft nicht im Geringsten gerecht.

Mag. Thomas Haas

Ende September in einem kleinen, aber feinen Ort des nördlichen Flachgaus: Es ist Sonntag, die Sonne lacht vom ungetrübt blauen Firmament, der Dorfplatz ist festlich geschmückt und örtliche Vereine bilden einen feierlichen Rahmen. Der Dorfplatz füllt sich mit Besuchern und Ehrengästen – eben noch haben sie im Gottesdienst mit dem Weihbischof einer vom Michael-Haydn-Chor gestalteten Festmesse aus der Feder des Franz Xaver Gruber beigewohnt. Anlass für den nun folgenden Festakt ist die Eröffnung der Salzburger Landesausstellung 2018 „200 Jahre Stille Nacht! Heilige Nacht!“, die neben Arnsdorf-Lamprechtshausen in acht weiteren Stille-Nacht-Gemeinden bis Anfang Feber 2019 kaum ein Thema auslässt, das im Zusammenhang mit diesem Lied von Bedeutung sein kann.
Schon allein die vielen Stationen im Leben der Protagonisten Mohr und Gruber, deren privates und berufliches Umfeld und schließlich der Weg, den ihr Weihnachtslied antrat, um die Welt zu erobern – all diese Anknüpfungspunkte wurden und werden eingehend erforscht, geprüft und dokumentiert, in zahllose Publikationen und nun eben auch neun Einzelausstellungen verpackt und dem interessierten Publikum präsentiert und im Rahmen der Landesausstellung zugänglich gemacht. Teilweise abenteuerliche Legenden ranken sich rund um die Entstehung von „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ und schon allein seine Verbreitung über Tirol nach Leipzig, Amerika und weit in die Welt hinaus wird in derart reicher Facettierung geschildert, dass es ohne wissenschaftliche Begleitung kaum möglich ist, den Weg des Liedes seriös nachzuzeichnen.



MEHR ALS EIN „HIT“
Das YouTube-Video „Gangnam Style“ erreichte 2012 in wenigen Monaten ein Milliardenpublikum, wurde selbst weltweit quer durch alle Gesellschaftsschichten parodiert – und ist heute gerade mal eine nette Episode der Pop-Geschichte. Hits und Stars leuchten plötzlich grell auf und verlöschen umso schneller wieder; ihre Erfolgsspitzen verdanken sie vornehmlich einer eher kurzlebigen und oberflächlichen Gruppendynamik. „Stille Nacht!“ war nie ein Hit, weil es die bzw. den Einzelnen anspricht und sie auf einer tieferen Ebene berührt – mit Klängen und Aussagen, die den Menschen innige Freude sowie Notleidenden Hoffnung und Trost spenden.
Die Tatsache, dass seit weit über hundert Jahren rund um den Erdball zur Weihnacht jene Melodie erklingt, die Franz Xaver Gruber hier in Arnsdorf komponierte, verleiht diesem kleinen Ort eine nicht greifbare, innere Größe. So wie im Gedicht des Joseph Mohr der Geist des Dorfes Mariapfarr und seiner Kirche globale Streuung erfuhr, so schwingt von Japan bis Panama und von Neuseeland bis Island in jeder Note eine Nuance des Genius Loci von Arnsdorf mit. Und am Heiligen Abend, wenn bei der Gruber-Mohr-Feier am Stille-Nacht-Platz und bei der Christmette in der Wallfahrtskirche Maria im Mösl das „Stille Nacht!“-Lied gesungen wird, kann man förmlich spüren, wie sich der Kreis schließt, wie stimmig die Melodie gerade an diesem Ort erklingt, an dem sie vor 200 Jahren entstanden ist; als säße der Franz Xaver selber an seiner Orgel, die heute noch in der Kirche gespielt wird. Selbst das etwas in die Jahre gekommene Stille-Nacht-Glockenspiel im Kirchturm scheint etwas wehmütig dem Damals nachzuklingen.

DIE BOTSCHAFT WEITERTRAGEN
Wie sollte sich das Lied auch nicht zu Hause fühlen, wo es hier doch seit zwei Jahrhunderten allgegenwärtig ist. Die Arnsdorfer wussten und wissen ihrem ersten Schulleiter sein anrührendes Vermächtnis sehr wohl zu danken. Leid und Not des eben erst beendeten Weltkriegs noch in den Knochen, hat man selbst 1918 des hundertjährigen Jubiläums gedacht; immerhin dürsteten die Menschen damals ähnlich wie im Entstehungsjahr des Liedes nach Trost und Hoffnung. Wiederum hundert Jahre nach dem Tod Grubers ließen die Arnsdorfer 1963 den Stille-Nacht-Brunnen vor dem Schulhaus errichten; der flötenspielende Bronzeengel auf einer stilisierten Weltkugel mit vier „Quellen“ steht für den weltumspannenden Charakter des Liedes. Im heurigen Jubiläumsjahr tragen namhafte Musiker, Autoren und Chöre zum Gelingen der „Arnsdorfer Sternstunden – Begegnung im Frieden“ bei, die der Verein Stille Nacht Arnsdorf organisiert.
Hier am frühherbstlichen Stille-Nacht-Platz von Arnsdorf haben die Ansprachen inzwischen einen Bogen aufgespannt vom kargen und frostigen Weihnachtstag des Jahres 1818 bis in die flüchtige Welt von heute und wieder zurück. Fast scheint es, als würde hinter den Fenstern im ersten Stock der Schulleiter Gruber erstaunt auf das bunte Treiben vor seinem Schulhaus herunterblicken, da holt das Ensemble des Theaters Holzhausen den Franz Xaver doch tatsächlich leibhaftig auf die Bühne – und siehe da: Er hat den Bürgern und Honoratioren des Jahres 2018 erstaunlich Aktuelles mit auf den Weg zu geben: dass sich etwa Bescheidenheit und Selbstbewusstsein nicht ausschließen müssen; dass Bildung einen eigenen hohen Wert hat, gleichzeitig aber mitten ins Leben gehört und immer auch Herzensbildung meint; dass Musik das Leben erst lebenswert macht; und dass schließlich wirklich Großes oft nur vom feinen Kleinen her seinen Ausgang nehmen kann.♦

 
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