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Salzachbrücke

Wo der Geist der Musik weht

Die musikalische Grundschwingung eines Ortes, die Weiblichkeit der Stillen Nacht, der Lehrer und sein Freund sowie die Wirkkraft eines Liedes durch Zeit und Raum – über diese Eckpfeiler eines Phänomens lesen Sie bis Dezember in dieser Reihe.

Mag. Thomas Haas

„Stille Nacht! Heilige Nacht!“ heißt es schlicht, jenes Lied, das vor zwei Jahrhunderten mitten im SALZACHbrücken-Land entstanden ist und zum ersten Mal gesungen wurde; dem magischen Sog dieses Jubiläums können und wollen wir uns nicht entziehen. Lesen Sie daher in den kommenden vier Ausgaben jeweils Hintergründe und Gedanken zu Themenkreisen rund um dieses Lied, die in ihrer Bedeutung für die Menschen damals und heute bislang vielleicht noch etwas weniger beachtet wurden. Dass Krieg und Not 1818 die Grundlage geschaffen hatten für ein Lied des Friedens und der Hoffnung, oder dass wir einer defekten Orgel diese schlichte Melodie verdanken, die sowohl dem Instrument der Gitarre als auch den ungeschulten Stimmbändern des Volkes zugänglich war – dies und mehr wurde schon reichlich behandelt.
Woher aber rührte der besondere musische Geist, der hier im Arnsdorfer Pfarrhof das Substrat bildete, aus dem der Lehrer Gruber genau zu jener Zeit die Inspiration für eben diese Komposition bezog, die – bei aller Schlichtheit – nicht anders als genial genannt werden kann? War nicht vordem ein gewisser Johann Michael Haydn des Öfteren im nämlichen Gebäude zugekehrt? Jener „Salzburger“ Haydn, der – ein wenig im Schatten seines Bruders Joseph – von 1763 bis zu seinem Tod 1806 als Hofkonzertmeister für die hiesigen Fürsterzbischöfe wirkte. Foto: @paodesign
Mit seinem Freund Pater Werigand Rettensteiner, dazumal Pfarrer von Lamprechtshausen, und dessen Kaplanen pflegte Michael Haydn bei seinen zahlreichen Aufenthalten in Arnsdorf gerne das mehrstimmige Singen im Männerchor, wozu er allerdings die bisherigen Terzette für vier Stimmen umschreiben musste. Über zwanzig Choralstücke hat Haydn in Arnsdorf komponiert, darunter die Vertonung des Gedichtes von Matthias Claudius „Der Mond ist aufgegangen“. Im Jahre 1788, so besagen es die Aufzeichnungen, also vor 230 Jahren, begann somit im Pfarrhof von Arnsdorf die Erfolgsgeschichte des vierstimmigen Männerchores.
„O Salzburg! O Laufen! Armsdorf, Wildshut, St. Jörgen ec ec! O Lieder ohne End! Es ist mir ganz schwindlicht darüber.“, schwelgte Haydn selbst in Erinnerungen an diese Aufenthalte. Solche Sangesfreude auf anspruchsvollem Niveau hat in diesem ehrwürdigen Gemäuer offenbar ihre Spuren hinterlassen – wenn nicht sogar schon lange vor Michael Haydn diesem Haus und diesem Ort ein besonderer musischer Geist innegewohnt hatte. Immerhin ist davon auszugehen, dass es an dem über Jahrhunderte hinweg vielbesuchten Wallfahrtsort nicht gerade still zugegangen war, wenn aus den Kehlen der Frommen zunächst zur Ehre Mariens und am Abend wohl auch im gemütlichen Beisammensein geistige wie weltliche Klänge erschollen.
Franz Xaver Gruber hat Michael Haydn in Arnsdorf nicht mehr persönlich getroffen, trat er doch seine Stelle als Schulmeister, Messner und Organist 1807 im Jahr nach dem Tod Haydns an; die Vorstellung einer geistigen Staffelübergabe drängt sich schier auf. Grubers Berufung zur Musik stand schon von Kindheit an unter den Vorzeichen von Not, Mangel und der glücklichen Fügung dank unglücklicher Umstände: Weil der Vater für den kleinen Franzl statt „Allotria“, wie Schule oder Musik, das Weberhandwerk vorbestimmt hatte, schlich dieser nächtens heimlich zum Lehrer und machte in seiner Kammer auf Holzklötzchen Fingerübungen. Als der Lehrer erkrankte, sprang der Zwölfjährige so virtuos an der Orgel ein, dass der Vater zum größten Förderer seiner herausragenden Begabung wurde.
Durchaus vergleichbar waren die Umstände, als Gruber mangels einer intakten Orgel am 24. Dezember 1818 die Melodie zum Stille Nacht-Lied komponierte. Die zeitgenössische Kritik bis in die späten Jahre des 19. Jahrhunderts trieb zwar so manche skurrile Blüten: Gegen die „Monotonie“ einer „gänzlich verfehlten Komposition“, die „nach Text und Melodie völlig wertlos“ sei, ätzte der Mainzer Domkapellmeister Weber; über ein „Lispeln lindenduftenden Liebesgesäusels“ und „süße Schlummerweisen, die Gruber seiner Liebsten gesungen habe“ höhnten andere. Ein darob sichtlich betroffener Enkel des Komponisten, Felix Gruber, hielt dem entgegen, dieses Lied sei „einem weihnachtsfrohen Herzen entsprungen und deshalb zu den Herzen gedrungen.“
Etwa 50 Messen, insgesamt über 100 geistliche Musikstücke und weltliche Lieder sowie etliche Bearbeitungen entsprangen darüber hinaus diesem schöpferischen Geist, der bis in die musikalische Nachkommenschaft Grubers reichlich Spuren hinterließ. Auch der alte Pfarrhof von Arnsdorf bewahrte sich über lange Zeit den Nimbus eines musischen und geistigen Hortes; vielleicht nicht zufällig beherbergte er gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts das Ehepaar Cecili und Axel Corti – beide wahrlich große Geister unserer Zeit. Foto: @SalzburgerLand Tourismus
Grubers Hochzeits- wie auch seine Hornmesse wurden und werden in diesem Jahr wiederholt in Lamprechtshausen und Arnsdorf aufgeführt und gesungen. Mit einer ansprechenden Veranstaltungsreihe durch mehr als die Hälfte dieses Jahres lässt der Stille-Nacht-Verein Arnsdorf den großen Geist dieses kleinen Ortes kraftvoll aufleben.
 
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