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Salzachbrücke

Zauberbohnen

Und Lupinen sind wahrscheinlich noch heute, wenn überhaupt, bloß als hübscher Aufputz im Blumengarten bekannt. Über den rasch wachsenden Markt für vegetarische bzw. nun auch vegane Lebensmittel wurden Tofu, Sojamilch und Sojaleibchen bald zum Inbegriff alternativer Ernährung. Das gehäufte Auftreten von Lactoseintoleranz auch in unseren Breiten trug schließlich nicht unwesentlich zu einem deutlichen Image-Schub für Sojaprodukte bei. Durch seinen hohen Eiweißgehalt findet Soja als Ersatz nicht bloß für Fleisch, sondern auch für Milchprodukte Verwendung.

VON FERNOST INS SALZACHTAL
In Asien soll Soja bereits seit Jahrtausenden angebaut werden; China importiert noch heute ein Viertel der globalen Sojaproduktion, die nun zum überwiegenden Teil am amerikanischen Kontinent angesiedelt ist. Dort wurde die Bohne im vergangenen Jahrhundert vor dem Erdöl-Boom in der Kunststoffproduktion eingesetzt. Bei uns ist die Pflanze zwar nicht heimisch; das hinderte die österreichische Landwirtschaft aber nicht innerhalb der EU ins Spitzenfeld der Sojaproduzenten aufzusteigen. Vor 142 Jahren erwarb ein Professor der Universität für Bodenkultur auf der Weltausstellung verschiedene Soja-Samen und startete mit breit angelegten Versuchen diese Erfolgsgeschichte. Vor allem Bio-Soja aus Österreich kann sich international sehen lassen.
Eine gemeinsame Initiative von Bayern und Österreich zielt auf verstärkten Anbau gentechnikfreier Sorten im Donauraum ab. Ermöglicht wird dies unter anderem durch eine eigene verstärkte Saatgutproduktion. Auch im SALZACHbrücken-Land setzen einige Landwirte schon seit Jahren auf die in unseren Breiten vergleichsweise junge Frucht. Einzige Voraussetzung ist das Anreichern des Saatgutes mit speziellen Knöllchenbakterien, die in den heimischen Böden nicht vorkommen. Diese Bakterien benötigt die Sojapflanze aber unbedingt entlang ihrer langen Pfahlwurzel, um aus der Luft aufgenommenen Stickstoff in Eiweiß umzuwandeln. Die besondere Fähigkeit, sich mit Stickstoff selbst zu versorgen und so nebenher auch noch den Boden für Folgepflanzen zu düngen, macht Soja zur dankbaren Kulturpflanze.

SO-JA ODER NEIN?
Für die Nahrungs- wie auch die Futtermittelindustrie bietet sich die Sojabohne wiederum mit ihrem hohen Proteingehalt aus Eigenproduktion als wertvoller Eiweißlieferant an. Außerdem verfügt sie über ungesättigte – also „gute“ – Fettsäuren, wichtige Vitamine und Ballaststoffe. Das sind nur einige der Gründe, warum Soja über die Jahre immer mehr zur Superpflanze hoch stilisiert worden war: In den Entwicklungsländern seien damit alle Ernährungsprobleme zu lösen und bei uns viele Gesundheitsprobleme. Schon bald kamen am heiß umkämpften Lebensmittelmarkt wohl geschürte Zweifel auf, die sich bis zu ausdrücklichen Warnungen vor drohender Gesundheitsgefährdung durch den Genuss von – zuviel – Sojaprodukten auswuchsen. Begründet werden sie vornehmlich mit dem Nachweis von Inhaltsstoffen, die in einer bestimmten Konzentration als gesundheitsschädlich eingestuft sind.
Sogar die Lebensmittelüberwachungsbehörde (Food and Drug Administration) beim amerikanischen Gesundheitsministerium hat Soja deshalb als giftig bezeichnet. Gleichzeitig erlaubt sie ausdrücklich die Behauptung, dass die tägliche Einnahme von 25 Gramm Sojaproteinen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken und den Herzschlag stabilisieren soll. Die Wahrheit dürfte wohl – wie so oft – irgendwo in der Mitte zu finden sein. Wenn die Sojabohne in überschaubaren Mengen genossen mit ihren positiven Inhaltsstoffen dem menschlichen Körper gut tut, kann ein Übermaß genauso gut verheerende Schäden anrichten. Was den erwachsenen Organismus stärkt, kann einen Säugling vielleicht aus dem gesundheitlichen Gleichgewicht werfen; so sollen Kinder, die mit Babynahrung auf Sojabasis gefüttert wurden, teils massive Störungen des Immunsystems erfahren haben bzw. durch den extrem hohen Hormongehalt des Soja früher in die Pubertät gekommen sein.

GEN-SOJA UND KLIMAWANDEL
Als wäre um die Wirkungen der Pflanze selbst nicht schon genug Verwirrung gestiftet, ergeben sich mit dem Vormarsch des gentechnisch veränderten Soja-Saatgutes noch viel größere Probleme: Gen-Soja ist ungleich empfindlicher gegenüber Schädlingen, insbesondere wenn sich diese relativ bald auf den neuen „Code“ der Pflanze eingestellt haben. Auf den riesigen Anbauflächen Nord- und Südamerikas kommen daher Pestizide in unvorstellbaren Mengen zum Einsatz, die die Pflanzen bis zur Ernte bei weitem nicht zur Gänze abbauen können. Außerdem sollen bei Gen-Soja die Eiweiß-Strukturen durch bestimmte Bakterien in eine Richtung verändert werden, die das Auftreten von Allergien begünstigt. Nicht zuletzt leisten der Raubbau an der Natur vor allem in Südamerika und der massenhafte Transport der Sojabohnen über 10.000 Kilometer nach Europa oder China einen unrühmlichen CO2-Beitrag zum Klimawandel.
Auf der anderen Seite treibt die Massentierhaltung auch in Europa den immensen Bedarf an Soja als Eiweißfutter für die immer leistungsfähigeren Milchkühe und immer schneller wachsenden Masttiere weiter an. Sogar bei Legehennen soll sich die Beigabe von Sojaöl förderlich auf die Größe der Eier auswirken. Auch im Sinne einer gentechnikfreien Lebensmittelproduktion wäre es daher durchaus wünschenswert, wenn sich Europa durch eigenen Sojaanbau etwas aus der Abhängigkeit der Lieferanten aus Übersee befreien könnte. Umso mehr sind Initiativen zu begrüßen, wie jene der Geretsberger Ölmühle.
Um die Sojabohne für Mensch und Tier genießbar zu machen, müssen über ein spezielles thermisches Verfahren zunächst einige der bereits erwähnten bitteren Inhaltsstoffe entschärft werden. Dies geschieht einerseits bei der Extraktion des Sojaöls mittels Hitze sowie durch das sogenannte Toasten des Pressgutes. Für diese Verfahren hat der Landwirt Johann Neubauer eine eigene Anlage entwickelt, die der Ölpresse den so genannten Toaster vorschaltet. Mit weniger Energieaufwand und damit schonender Verarbeitung wird einerseits mehr Öl aus der Frucht gewonnen und andererseits im verbleibenden Presskuchen ein höherer Anteil an wertvollen, weil schnell verdaulichen Eiweißen erzielt.

DAS BLAUE WUNDER
Die Ernte aus dem eigenen Sojaanbau direkt in der Region verarbeiten zu lassen war lange Zeit nicht möglich, was den Umstieg auf eine alternative Bewirtschaftung mit Soja nicht gerade erleichtert hat. Mancherorts ist man unter anderem deshalb neuerdings wieder auf die Lupine, genauer: die Süßlupine gekommen. Als Hülsenfrucht soll die Lupine so ziemlich das Gleiche können wie Soja, bloß besser. Überdies ist sie in unseren Breiten heimisch, was ihr die Bezeichnung „Soja des Nordens“ einbrachte. Und sie hat als Futterpflanze den entscheidenden Vorteil, dass sie ohne thermische Behandlung bereits gut verträglich ist.
In Deutschland wird die Süßlupine seit Jahren im Hinblick auf eine mögliche Massenproduktion erforscht und auch bereits auf einigen tausend Hektar angebaut. Inwieweit sich die neue Zauberbohne tatsächlich durchsetzen wird, bleibt allerdings noch abzuwarten.

Zur Info:
DIE SÜSSLUPINE (Lupinus L. ssp.)
Unter hunderten Lupinenarten gehört die Süßlupine zu den wenigen genießbaren, weil sie nur wenige Alkaloide enthält.
Arten: Die Weiße (Lupinus albus), Gelbe (L. luteus), Blaue (L. angustifolius) und die Behaarte Lupine (L. pilosus) haben unterschiedliche Ansprüche an den Säuregrad des Bodens und kommen bei uns nur kultiviert vor.
Anbau: Die bis zu drei Jahre keimfähigen Samen werden im beginnenden Frühling auf 2 cm Tiefe auf 10 mal 35 cm ausgesät. Der frühe Blattschluss verhindert das Aufkommen von Beikräutern. Die Ernte der Früchte beginnt nach zwanzig Wochen.
Boden: Die Lupine braucht viel Sonne aber nur wenig Wasser. Als einjähriger Schwachzehrer kommt sie mit nährstoffarmen Böden zurecht, benötigt aber fünfjährige Pflanzpausen. Die tiefen Pfahlwurzeln unterstützen die Bodenauflockerung.
Verwendung: Die Früchte dienen vorwiegend als Eiweißfutter in der Masttierhaltung. Für den menschlichen Verzehr gewinnt man z. B.: glutenfreies Mehl, Müsliflocken, Kleie, Lopino als Fleischersatz oder Lupinenmilch bis hin zum Kaffeeersatz – jeweils mit hohem Protein- und Nährstoffgehalt. Das Kraut der Süßlupine wird gerne auch als Gründünger verwendet.
Warnhinweis: Vereinzelt kann die Lupine auch Allergien auslösen bzw. Kreuzallergien bewirken!

Mag. Thomas Haas
 
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