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Salzachbrücke

Kanada, Teil 1

Sicher ist es der Traum vieler Reiselustiger, einmal im Leben individuell durch das zweitgrößte Land der Erde zu reisen. Die immense Größe erlaubt dies nur etappenweise. Begleiten Sie uns auf unseren Eindrücken durch den Westen Kanadas.

Christian Schickmayr

Ein Land, das mit knapp 10 Mio km2 28 Mal so groß wie Deutschland bzw. 120 Mal so groß wie Österreich ist, kann man nicht einfach so bereisen. Die riesigen Entfernungen mit gleichzeitig extrem dünn besiedelten Gebieten, einer Bevölkerungsdichte von ø nur 3,4 Ew./km2 (zum Vergleich Deutschland: 228 Ew./km2), machen eine sorgfältige Routenplanung notwendig.
Wir haben uns acht Monate lang vorbereitet, Bücher und Reiseführer studiert und uns schließlich entschlossen, die Rundreise durch Alberta und British Columbia mit einem Campingmobil durchzuführen. Da wir auch vorhatten, auf „Gravel-Roads“, also nicht asphaltierten Schotterstraßen, in entlegene Gebiete zu fahren, buchten wir über Trans-Canada-Touristik den Flug sowie einen Allrad-Truck mit Pick-up Aufbau bei CanaDream – einem Campingmobilvermieter. Für unsere Reisezeit August war die Buchung bereits im Jänner notwendig, um überhaupt noch günstig zu einem Mietfahrzeug zu kommen.
In den Monaten der Vorbereitung legten wir unsere Reiseroute fest, 4.800 km sollten es werden, von Calgary durch die Rocky Mountains nach Norden bis nach Alaska, dann nach Vancouver Island und durch den Süden Kanadas entlang der Grenze zu Amerika wieder zurück nach Calgary.
Die reine Flugzeit ab Salzburg betrug 13 Stunden zusätzlich der Wartezeiten für die Umstiege in Frankfurt und Montreal. Eine zähe Angelegenheit, die aber durch die Tatsache, dass man mit dem Tag mitfliegt, erleichtert wird. Nach einer Nacht im flug­hafennahen Hotel übernehmen wir am nächsten Tag unser Fahrzeug.
Die Größe der Autos ist in Kanada eindeutig den Dimensionen des Landes angepasst. Unser Allrad-Fahrzeug stellt sich als 5,6 Tonnen-Truck (leer) mit 6,7 Liter Hubraum V8, Automatikgetriebe und Blattfederung heraus. Spätestens nach der ersten Zufahrt zum Campground abseits des Asphaltes wissen wir, dass dieses Gefährt absolut nicht geländegeeignet ist. Während meine Frau noch die Scherben in der Camping-Küche aufräumt, plane ich die Reiseroute bereits um...
Schon wenige Kilometer außerhalb der Großstadt Calgary, nachdem wir den Highway 1 verlassen haben, befinden wir uns in absoluter Traumlandschaft. Im Sibbaldlake Provincial Park zwischen herrlichen Seen und kanadischen Fichtenwäldern fahren wir auf guten Schotterstraßen nach Westen, immer die höher werdenden Rocky Mountains im Blickfeld. Diese traumhaft schöne Gebirgskette mit unzähligen Gletschern und Gipfeln bis zu 3.954 m Höhe wird uns die nächsten Tage ständig begleiten. Tief beeindruckt durch die Kombination aus Flüssen, Schluchten, Wäldern, türkisblauen Seen und schneebedeckten Bergen kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus und halten uns für unser weiteres Vorhaben eigentlich viel zu lang in dieser Gegend auf.
In den Nationalparks Banff, Jasper, Glacier und Yoho könnte man locker wochenlangen Urlaub verbringen. Unzählige Natur-Highlights mit Wandermöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten findet man hier geballt auf relativ engem Raum. Allerdings muss man diese auch mit einer sehr hohen Zahl an Touristen – vorwiegend aus dem asiatischen Raum – teilen.

Gletschergespeiste Flüsse begleiten unseren Weg
Nach einigen Tagen begeben wir uns in Richtung Norden durch den berühmten Icefield-Parkway. Diese zweispurige Straße führt zwischen den weltberühmten Ski-Orten Lake Louise und Jasper auf 230 km durch unbeschreibliche Landschaft. Zu beiden Seiten der Straße rücken die Gletscher näher, das Tal wird zunehmends enger. Die schmelzenden Gletscher speisen riesige Flüsse wie den Athabasca-Creek und färben durch die mitgeführten Sedimente die Seen milchig-hellblau. Am höchsten Punkt der Straße, dem Wilcox-Pass, übernachten wir auf einem Campground auf 2.000 Meter Seehöhe, um früh am nächsten Morgen zum Wilcox-Trail aufzusteigen. Von dort genießen wir nach einer knapp 2-stündigen Wanderung den besten Blick auf das gegenüberliegende Columbia-Icefield und auf den Athabasca Glacier (Titelbild), der trotz rasch fortschreitender Eisschmelze immer noch 360 Meter dick ist. Auf zwei roten Stühlen, die irgend jemand hier hochgeschleppt hat, beobachten wir die zunehmende Anzahl an Reisebussen, die rasch den Parkplatz am Fuße des Gletschers füllen, während wir völlig allein mit einem Streifenhörnchen unser Frühstück teilen.

Wildtiere überall
In Banff haben wir uns einen Bärenspray besorgt, einem Abwehrmittel (ähnlich einem Pfefferspray) bei Bärenkontakt und uns auch mit Bear-Bells ausgerüstet. In ganz Kanada gibt es eine hohe Bärenpopulation, streckenweise ist das Wandern nur in Gruppen ab 4 Personen erlaubt und das Mitführen eines Bärensprays gesetzliche Pflicht. Ein gutes Geschäft für die Verkaufsstellen, man darf den Spray nicht ausführen, er gilt als Waffe. Bei manchen Autoverleihern und Visitor-Infos kann man ihn auch kostenlos leihen, das erfuhren wir aber erst bei unserer Abreise.
Viel Spass bereiten uns die im ganzen Land zu tausenden he­rumflitzenden Squirrels. Diese in drei Arten vorkommenden Eichhörnchen und Streifenhörnchen sind sehr neugierig und durchsuchen auch schon mal unseren Rucksack nach Essbarem.
Für Fischliebhaber ist dieses Land ein Traum! Besonders jetzt im Spätsommer sind die Flüsse und die kalten Meere voll mit Lachs, Kabeljau und Heilbutt. Während Letzterer sehr teuer angeboten wird und Lebensmittel generell teurer sind als in Deutschland, bekommt man in den Supermärkten frisch gefangenen Wildlachs in unbeschreiblichen Mengen um 5 $ pro Kilo, das entspricht ca. 3,50 Euro. Auch der Kabeljau oder Dorsch, bei uns auf der Liste gefährdeter Fische, ist mit 7 Euro pro Kilo hier spottbillig. Keine Frage also, wovon wir uns hier ernähren, was außerdem mit mehreren Kilo Gewichtsabnahme in diesem Urlaub belohnt wurde.  

Weiter in den hohen Norden
Wir verlassen bei Jasper den Icefield-Parkway und fahren am Yellowhead-Highway Richtung Nordwesten. In Jasper ist es uns tatsächlich gelungen, telefonisch einen Platz auf der normalerweise monatelang ausgebuchten Fähre über die Inline-Passage nach Vancouver Island zu bekommen. In fünf Tagen sollten wir im Hafen von Prince Rupert einchecken, was sich eigentlich für die bevorstehenden 1.600 km leicht ausgehen sollte.
Ab dem Mount Robson wird die Strecke dann schon lang. Gerade Straße mit Wald links und rechts, hunderte Kilometer! Dazu wird die Luft immer trüber, fast neblig. Ein brandiger Geruch mischt sich dazu, dann – kurz vor Vanderhoof – ein Leuchtschild: ­„Road closed – wildfire“. Wir schalten das Autoradio ein (erstmals in diesem Urlaub) und suchen regionale Sender. Auf allen Wellenlängen hören wir „please leave!“ Auf unserer geplanten Strecke, der einzigen Verbindung zu unserem Fährschiff, brennen 40 km2 Wald zwischen Burns Lake und Houston. Der 77ste Waldbrand in Kanada in diesem außergewöhnlich heißen und trockenen Sommer, wie wir später erfahren. Verzweifelt verlassen wir den Yellohead-Highway und fahren zunächst 80 km Richtung Norden zum ­Stuart-Lake, wo wir auf ein Wunder hoffen...
In der Nacht weckt mich ein Prasseln auf das Dach unseres Campers. Es regnet, es regnet!
Am nächsten Morgen scheint die Sonne wie gewohnt klar und warm. Kein Rauch mehr in der Luft, wir gehen noch schwimmen im warmen See und fahren dann wieder zurück zum Highway, der tatsächlich wieder offen ist. Somit können wir unsere Fahr fortsetzen und beschließen, das geplante Zwischenziel Hyder in Alaska – knapp 500 km Umweg – doch noch einzuschieben.
Über unsere weiteren Erlebnisse im tiefen Dschungel auf Vancouver Island, mit Walen und Bären, Lachsen und tragischen Zwischenfällen berichten wir Ihnen in der nächsten Ausgabe!
 
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