. .
Salzachbrücke

Mit dem Rucksack in der Transsibirischen Eisenbahn

Als ich Ende Januar 2014 von München Richtung Sankt Petersburg mit der „Rossiya Airlines“ abhob, hatte ich noch die warmen Temperatur-Erinnungen von Thailand in Kopf und Körper – doch im Gepäck bzw. im Rucksack hatte ich wirklich warme Kleidung, denn im Ural und speziell in Sibirien waren kalte Temperaturen um Minus 40 C° zu erwarten.
Gut ausgerüstet mit einem Visum, das ich mir zwei Monate vorher schon am Konsulat besorgt hatte, stieg ich in die viel zu warme Kabine der Maschine, die innen an die 70er erinnerte.
Das Check-Out in Sankt Petersburg ging rasch und am Flughafen erwarteten mich bereits Freunde aus Deutschland, die mich zu meinem Hotel begleiteten. Nächsten Morgen brachen wir zu einer Tour durch das UNESCO Welterbe Sankt Petersburg auf, einer Stadt mit 2.300 Palästen und äußerst prunkvoller Architektur, die an die vergangene Zarenherrschaft erinnert.

Ankunft in Sankt Petersburg
Eines der „Highlights“ von Sankt Petersburg ist die „Heremitage“, ein riesiger Palast mit der Siegessäule des Zaren Alexander über Napoleon. Alleine für diese Sehenswürdigkeit sollte man sich mehr als einen Tag Zeit nehmen, für Sankt Petersburg selber wahrscheinlich mehr als eine Woche, doch wir waren auf Russland-Tour und am nächsten Tag bereits im Zug Richtung Moskau unterwegs.
Die streng bewachten Bahnhöfe in allen Städten erinnerten an Flughafenkontrollen, vor Kurzem erst gab es Anschläge in Wolgograd. In Moskau angekommen nahmen wir uns die Gegend rund um den Kreml vor, den man auch besuchen kann. Die große Lenin-Bibliothek, das Mausoleum, die Basilika und viele weitere Sehenswürdigkeiten sind hier in unmittelbarer Nähe. Am roten Platz wurde bereits „Curling“ trainiert, das von den Winterspielen in Sotchi ausgelagert war.
Bemerkenswert war auch die große Einkaufstraße in der Nähe, wo alle wichtigen Luxus-Kleidermarken ihren „Outlet-Store“ hatten. Die Einkaufsstraße selber ist mit sehr vielen lebendig wirkenden Puppen ausgestattet, sodass man das Gefühl hat, nicht ganz alleine hier zu sein. Viele Russen trifft man hier nicht, für die meisten würde ein Einkauf die finanziellen Möglichkeiten auch übersteigen.
Einige Kyrillisch-Kenntnisse können nicht schaden, wenn man sich über das U-Bahn-Netz in Moskau weiterbewegt. Anders als in Sankt Petersburg gibt es hier keine westlichen Bezeichnungen der Haltestellen.
Die U-Bahn Hallen in Moskau sind ähnlich prunkvoll gestaltet wie in Sankt Petersburg, offensichtlich ein Faible sozialistischer Herrschaft, wenn man weiß, dass die Metrostationen in der Hauptstadt von Nordkorea noch prunkvoller gestaltet sind.

Start mit der „Transsib“
Von Moskau aus ging es dann erstmals in die Transsibirische Eisenbahn, südlich nach Samara, einer Industriestadt an der Wolga. Ein Highlight dort war sicherlich der „Stalinbunker“, welcher Stalin im 2. Weltkrieg als mögliche Kommandozentrale hätte dienen sollen, falls Moskau vorzeitig gefallen wäre.
Ein lokaler, etwas älterer Herr erklärte uns, dass Josef Stalin auch nicht zurückgeschreckt hätte, sein eigenes Volk von dort aus in Moskau zu bombardieren. Gleichzeitig wollte uns dieser Fremdenführer weismachen, dass Stalin ein echter Held und Menschenfreund war, was natürlich auf wenig Verständnis der aufgeklärten russischen und westlichen Zuhörerschaft stieß und so manches schelmische Lächeln hervorrief.
Einen Besuch wert ist in jedem Fall das Theater von Samara bei Nacht! Der Vorplatz war mit zahlreichen wunderschönen und bunt beleuchteten Eisfiguren und Eisblumen ausgestaltet, ein einmaliger Anblick in der eiskalten Finsternis.
Nach dem Besuch in einem „Banja“, einer Sauna, quasi Teil einer russischen Tradition, wie wir meinten, ging es wieder in die Transsib, diesmal durch Kasachstan Richtung Sibirien.
Das Reisen mit der Transsibirischen Eisenbahn ist an sich sehr interessant und ein Erlebnis für sich. Für ausreichende Wärme bzw. Hitze in den Waggons wird durch eigene kleine Holzöfen gesorgt. Die sorgen dann schon mal für spannende Innentemperaturen von 40C°, was zu einem Schneebad bei jedem Halt verleitet. Dadurch aufkommende Temperaturunterschiede von bis zu 75C°sorgen für Abwechslung und funktionierendem Kreislauf. Eine weitere Besonderheit in der Transsib ist die Hygieneauffassung des Personals. Hier darf man sich nicht allzuviel erwarten, es kann schon passieren, dass die Zugbetreuung ihren Putzlappen erst über die Toilette und dann über den Esstisch im Abteil schwingen möchte. Lustig wird es dann auch mit manchen russischen Mitreisenden, denen offensichtlich Wodka noch als ärztliche Medizin verschrieben wird. In jedem Fall kommt man im Lauf der Reise den mitreisenden Fahrgästen näher, ob man will oder nicht.
Angekommen in Omsk ging es dann erst einmal wieder in ein lokales „Bagna“, denn nach der mehrtägigen Zugreise entwickelt man unweigerlich ein besonderes Bedürfnis an Sauberkeit.
Omsk ist, wie man sich als Westler die klassische sozialistische Sowjetunion vorstellt: Mit etwas mehr Hammer als Sichel, rauchenden Schloten und einer tristen Umgebung.
In den großen Einkaufszentren trifft man dann auf die Sehnsüchte der geplagten (ex-)kommunistischen Seele in Form von McDonalds und Ähnlichem. Der Fastfood-Markt ist stark vertreten in der Sowjetrepublik, gepaart mit Spielhallen- und Vergnügungspark-Phantasien, die semantisch deutlich an die USA erinnern.
Von Omsk aus ging es dann weiter in Richtung Tomsk, ähnlicher Name, doch diesmal eine reizvolle Universitätsstadt in Sibirien. Hier lagen die Außentemperaturen bereits deutlich unter –30° C. Es handelte sich allerdings um eine sehr trockene Kälte und die war ganz gut auszuhalten.
Tomsk, geprägt durch seine wunderschöne Holzarchitektur, hat durch zwei Universitäten Bedeutung im russischen Bildungsbereich erlangt. In dieser interessanten und schönen Stadt war es für mich Zeit, sich von meinen Freunden zu verabschieden. Sie reisten weiter in Richtung Wladiwostok, während ich nach Novosibirsk, einer Stadt mit vielen Sehenswürdigkeiten aus dem sozialistischen Klassizismus, zurückfuhr.
Von dort aus reiste ich heim über Sotchi nach Deutschland, das sich damals bereits auf die Olympischen Winterspiele vorbereitete. Der Rückflug nach München war einsam, die Stewardessen begrüßten mich mit großen Augen, da ich der einzige zu sein schien, der um diese Zeit nicht nach, sondern von Sotchi zurückflog.
Als ich am Flughafen München im Februar ankam, fühlte ich mich wie im Frühling und zog meine Jacke aus, weil mein Temperaturgefühl noch in Sibirien war. Erstaunlich, wie schnell man sich an so tiefe Temperaturen gewöhnt.
Mein Gepäck kam erst zwei Monate später an, etwa die Zeit, die ich brauchte, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten.
 
Werbung