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Salzachbrücke

Das kann ich alles alleine

Frau R. will alles selber machen, niemanden brauchen, schon gar nicht jemanden von der Pflege. Sie ist 87. Der Tag wird zwar immer kürzer für die Dinge, die sie zu tun hat, aber sie schafft es. Einmal sagte sie: „Eigentlich bin ich den ganzen Tag nur mit meinem Körper beschäftigt.“ Sie versorgt ihn von früh bis spät, manchmal bis zur völligen Erschöpfung. Hilfe anzunehmen ist kein Thema.

Herr F. macht es nicht anders. Mit seinen 92 Jahren bringt er seine Familie immer wieder mal zur Verzweiflung, weil er sich nicht und nicht helfen lassen möchte. Es sei das Letzte, was ihm geblieben sei, seine Unabhängigkeit und seine Selbstbestimmung, sagt er. Alles andere sei nachranging.

Die Selbstständigkeit im Alter zu bewahren und dabei von der Hilfe anderer unabhängig zu leben, ist wohl das Hauptziel jedes einzelnen und ist eine zentrale Vorstellung einer autonomen Lebensführung im Alter. Demgegenüber steht der Umstand, Unterstützung zu benötigen. Das ergibt ein Spannungsfeld, in der sich der Ältere und auch sein Umfeld befindet, alsbald sich seine Kräfte ändern.

 

Selbstständigkeit über alles

Ist es nicht so, dass wir alle von klein auf dazu erzogen werden, selbstständig zu sein. Alleine den Schulweg zu meistern, einen Beruf zu wählen und dann für uns selber, später vielleicht für eine ganze Familie zu sorgen. Wir werden dazu erzogen, vielleicht anderen zu helfen, aber eher keine Hilfe zu brauchen und schon gar nicht, jemandem zur Last zu fallen. Zu helfen, das ist etwas Schönes, befriedigt auch. Aber Hilfe annehmen? Nein, nur das nicht.

Kontrolle über das eigene Leben zu haben, Herr über seine ganzen Lebensgelange zu sein ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Dieses Kontrollerleben vermittelt das Gefühl, für die Herausforderungen des Lebens gewappnet zu sein. Es gibt die Sicherheit, jene Kompetenzen zu haben, die ich zum Meistern meines Lebens brauche. Somit wird das Leben ein Stück weit vorhersehbar. Ein möglicher Verlust dagegen zeigt in jedem Alter negative Konsequenzen auf das seelische wie körperliche Wohlbefinden.

Herr F. beschreibt, wie sich seine Kräfte mittlerweile nun Tag für Tag ändern und er seine Energie anders einteilen muss. Sein oberstes Bestreben gilt unverändert dem Erhalt seiner Unabhängigkeit. Anstatt sich etwa täglich zu rasieren, mache er das nur mehr jeden zweiten oder dritten Tag, dafür aber, meint er lachend, sehr gründlich. Um zu bemerken, dass seine Kleidung nicht mehr ganz sauber ist, dafür sieht er zu schlecht, es sei ihm aber auch nicht mehr so wichtig. Fremde Hilfe, sagt er, sei „noch“ kein Thema und er wisse, dass er sich in einem Übergang befinde.

Das Gefühl, etwas bewirken zu können, Entscheidungsspielraum zu haben und aktiv sein Leben zu gestalten, auch wenn sich Kräfte verändern, stärkt das Gefühl von Autonomie, Selbstwirksamkeit und Selbstständigkeit. Es braucht dazu immer wieder Anpassungen, die vom Älteren geleistet werden müssen.

Was aber nun, wenn Hilfe benötigt wird? Gehen wir davon aus, dass ein alter Mensch an Kraft verliert, die nicht mehr mit eigenen Ressourcen auszugleichen ist, so kann man von einem kritischen Lebensereignis sprechen, das enorm fordert.

Hilfe anzunehmen bedeutet dann, jemanden in seine private Lebenswelt zu lassen, damit ein Stück weit zu vertrauen. Es bedeutet, sich in seiner Verletzlichkeit oder auch Verletztheit des Alter(n)s zu zeigen, dass etwas nicht mehr so geht wie bisher. Ebenso bekommen Verärgerung und Traurigkeit darüber Raum. In solchen Momenten gibt es noch keine routinemäßigen Verhaltensweisen zur Bewältigung. Sie müssen erst gefunden werden.

Entscheidend ist nun die subjektive Bewertung der Situation, d.h., kann ich mich als älterer Mensch neu ausrichten, vielleicht sogar einen positiven Aspekt erkennen. Kann ich meine vorhandenen Kompetenzen und Fähigkeiten wahrnehmen und nützen, ohne meine schwindenden Kräfte dabei zu übersehen. Oder wird die Veränderung als so schwerwiegend erlebt, sodass das eigene Leben in Frage gestellt werden muss.

So mag es verständlich sein, wenn jemand auf Hilfe ungehalten oder ablehnend reagiert oder jemand das eigene Leben und den eigenen Unterstützungsbedarf völlig anders einschätzt. Vielleicht scheint sogar ein realitätsverleugnendes Verhalten im Moment die passendste Bewältigungsstrategie zu sein, um Integrität zu wahren.

Für das Umfeld kann das natürlich so manche Grenzerfahrung bedeuten. Wichtig erscheint, in der Begegnung eine möglichst wertfreie Betrachtung der Situation und der Versuch im Dialog den Älteren vor seinem gesamten Lebenshintergrund zu verstehen, wie er aktuell sein Leben versucht zu bewältigen. Das mag ein erster Schritt zur Hilfe sein.

 

Heute lasse ich mir helfen

Hilfe anzunehmen will genauso gelernt sein, wie richtig Hilfe zu geben. Man kann im Kleinen frühzeitig beginnen. Wie wäre es, wenn man sich doch einmal helfen ließe? Wie wäre es, jemanden rückzumelden, damit gut gemeinte Hilfe auch wirklich hilfreich ist? Nur mal so zum Ausprobieren. Damit sollte man bereits in jüngeren Jahren beginnen, zu üben.

Denn letztlich bedeutet es ebenso Lebenskompetenz, sich Hilfe zu holen. Als Handelnder bleiben Sie Gestalter Ihres Lebens. Das ist wichtig, auch im Umgang mit Hilfe.

 

Mag. Andrea Weilguni

 

 
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