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Salzachbrücke

Aufmerksamkeitsdefizit: Eine erfundene Krankheit?

Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, so lautet die volle Bezeichnung des Krankheitsbildes ADHS. Geht man davon aus, dass dieses Krankheitsbild tatsächlich existiert, was von manchen bestritten wird, gibt es auch ADS, also das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom ohne Hyperaktivität. Von dieser Variante betroffen sind vorwiegend Mädchen, die wie Alice im Wunderland durchs Leben träumen.

Zappelphilipp und Alice im Wunderland
Zahlreiche Ärzte, Kinderärzte, Psychotherapeuten, Psychiater, Neurologen, Eltern und Betroffene sind überzeugt: AD(H)S ist eine neurobiologische Erkrankung. Ursache: eine teils veränderte Informationsübertragung zwischen Nervenzellen im Gehirn.
Zappelphilipp ist uns seit über 150 Jahren aus dem Buch vom Struwwelpeter bekannt; dieser Typus galt über Generationen als pädagogisches Problem, solche Kinder waren einfach „schlimm“ und „schlecht erzogen“. In den 1980er Jahren begann sich die Wissenschaft mit diesem Phänomen eingehender zu beschäftigen und vermutete erst minimale Gehirnschädigungen, kleine Verletzungen aus Stürzen etc. als Ursache. Inzwischen wird AD(H)S in weiten Kreisen als unterschätztes Krankheitsbild auf Grund einer Neurotransmitterstörung betrachtet, mit etwa zwei Millionen Betroffenen alleine in Deutschland. Auch die Meinung, lediglich Kinder wären davon betroffen und die Erkrankung „wachse sich aus“, wird widerlegt. Nur äußert sie sich bei Erwachsenen anders, nimmt andere Gestalt an, reichend bis ins gesamte Spektrum der Psychiatrie.

Typisch ADHS?
Diejenigen, die AD(H)S nicht als Modediagnose abtun wollen, gehen von folgenden Facts aus: Betroffene können ihre Aufmerksamkeit nicht lange auf etwas richten. Der Selbsthilfeverein ADHS Deutschland vergleicht den „Scheinwerfer der Aufmerksamkeit“ wie auf einem wackeligen Kugelgelenk. Bei der kleinsten Ablenkung springt der Scheinwerfer in Richtung des neuen Reizes. Also: Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit, Zerstreutheit, mangelndes Durchhaltevermögen – Schulleistungen bleiben unter den Möglichkeiten. Sich an uninteressante Pflichten heranzumachen, verhindert sehr oft ein übergroßer „innerer Schweinehund“, hingegen können AD(H)S-ler höchst konzentriert auf all jenes sein, das sie interessiert.
Still zu sitzen, sich an Regeln zu halten – ojemine, eher wild und emotional aufbrausend, mitunter auch überzogen – gleichzeitig selbst sehr empfindlich, rasende „Mimosen, mit Keulen bewaffnet“.
Die Sonderform des unaufmerksamen Typs betrifft meist Mädchen, sie wirken verträumt, abwesend, uninteressiert und unauffällig, ziehen sich eher zurück und neigen zur Resignation.
Aufmerksamkeitsstörung, motorische Hyperaktivität, abwesende Verträumtheit, Affektlabilität, Impulsivität lauten die hervorstechenden Schlagwörter, dazu kommen Chaos und Desorganisation mangels innerer Struktur. Kein Wunder, wenn sich bei innerem Dauer-Alarmzustand bald Erschöpfung einstellt, die zu Lustlosigkeit führt.

Berg- und Talfahrten
Die emotionalen Berg- und Talfahrten bringen einem AD(H)S-Kind Schwierigkeiten in der Schule und mit Gleichaltrigen, sie erfahren Misserfolge, fühlen sich unverstanden, ecken an, sammeln Enttäuschungen und Traumatisierungen, entwickeln Selbstzweifel und fühlen sich irgendwann als Außenseiter. Ihr Sozialverhalten zeigt sich oft in oppositionellem Verhalten und unüberlegten Handlungen. Erschwerend kommen häufig Begleiterscheinungen dazu wie Lese-Rechtschreibschwäche, Rechenschwäche, Schlafstörungen und Suchtentwicklung.

Auch Erwachsene können betroffen sein
AD(H)S-Symptome fallen bei Erwachsenen diskreter aus. Ihre andauernde innere Unruhe, ihr Getriebensein und Unter-Strom-Stehen kann sich in Wippen mit den Füßen, ständigem Bewegen der Finger oder ziellosem Herumlaufen ausdrücken. 30 Prozent der erwachsenen AD(H)S-ler leiden unter Depressionen, Angsterkrankungen bis hin zu Schizophrenie. Und alle erwachsenen Betroffenen hatten
AD(H)S schon als Kind, es gibt keine erworbene AD(H)S. Ein erhöhtes Risiko einer Suchtentwicklung bestätigt sich daran, dass bis zu 50 Prozent aller Alkoholiker in ihrer Kindheit unter AD(H)S litten. Auffallend hoher Nikotinmissbrauch wird mit Vorgängen im Dopamintransport erklärt. Auch Süchte wie Esssucht, Kaufsucht, Spielsucht, Kleptomanie treten gehäuft auf. Ohne Überblick über ihr Leben haben erwachsene AD(H)S-ler auch wenig Überblick über ihre Finanzen und sind oft verschuldet.
Kick und Over-Kick bestimmen das Leben vieler, was sie mit riskanten Autofahren oder Risikosportarten ausagieren, dazu kommen Ungeduld und Reizbarkeit.

Eine Chronologie des Scheiterns
Erwachsene touren von Therapeut zu Therapeut und gelten als Therapieversager, wenn ihre Erkrankung nicht erkannt und entsprechend behandelt wird. Nicht Psychoanalyse, nicht Antidepressiva oder Neuroleptika helfen gegen diese Art der Depressionen, Unruhe und inneres wie äußeres Chaos. Empfohlen werden verhaltenstherapeutische Programme, die Selbstorganisation und Selbstkontrolle stärken sollen. Allem voran hat eine genaue Diagnose zu stehen, denn oft werden fälschlich manisch-depressive Erkrankungen oder Borderlinestörungen angenommen. Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen setzen den roten Faden fort, der AD(H)S-Leben durchzieht: eine Chronologie des Scheiterns.
Hingegen sind Menschen mit schwächer ausgeprägtem „ADHS ohne Krankheitswert“ in ihrer speziellen Art sehr erfolgreiche, kreative Leute, während andere an ihren Misserfolgen zerbrechen können.

„Ressourcen-zentrierte Traumaarbeit“
In diagnostizierten, akuten Fällen rät selbst Harald Auer, Therapeut mit Praxen in Salzburg und Bad Reichenhall, zur Gabe von Medikamenten, um das „System“ erst einmal zu beruhigen. Ansonsten hat er als Therapeut im Sinne der Ressourcenzentrierten Traumaarbeit einen anderen Zugang zu AD(H)S und vermeidet diesen Begriff weitgehend. Er spricht anschaulich vom Reizreaktionszyklus, von roter, grüner und blauer Zone, in der wir uns bewegen. Ständige Übererregtheit kommt vom Sympathicus und bestimmt das AD(H)S-ler-Dasein. Die grüne Zone wäre entspannt, doch die ist AD(H)S-lern fern; eher switchen sie in den blauen Bereich, ins müde Wegdriften. „Die Regulation des Systems stimmt nicht“, erklärt Auer, irgendwo ist eine Störung geschehen. Diese gehört aufgedeckt und behoben, wozu er auf Methoden des „Somatic Experiencing“ setzt. „Das Nervensystem soll sich ähnlich einer Wippe immer wieder ausgleichen“, so Auer. Wichtig sei eine genaue Anamnese, schulmedizinisch bezogen auf Hormonhaushalt und neurologische Aspekte sowie ganzheitlich unter Einbeziehung von Lebensereignissen sowie sozialer und familiäre Konstellationen und des gesamten Umfeldes.

Günstige und ungünstige Faktoren
Darüber sind sich alle einig, die AD(H)S für ein Krankheitsbild halten: Günstige Faktoren helfen – allen voran Eltern, die Verständnis einbringen und verlässliche Stabilität bieten, die berechenbar und geduldig sind.
Ungünstig wirken sich schwierige soziale Verhältnisse aus, überforderte, impulsive Eltern, Stress durch Arbeitslosigkeit sowie Sucht in der Familie.
Eine schwere Vorgabe, wenn man erfährt, dass AD(H)S als häufigste psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen zu über 80 Prozent vererbt wird – wie sollen Eltern mit diesem Syndrom genügend Ruhe und Stabilität für betroffene Kinder aufbringen?
Hinzu kommen, auch da sind sich alle einig, die Einflüsse digitaler autistischer Spielwelten. Harald Auer spricht gar von „Internet-Traumata“, etwa nach Cyber-Mobbing, die Kinder in Panikattacken und Verfolgungsgefühle stürzen können.
 
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