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Salzachbrücke

Es grünt so grün, wenn Gänse-blümchen blühn

Sylvia Nachtmann

Das Sammeln von Kräutern und Wildpflanzen erfordert Kenntnisse, die in Büchern oder praxisnah bei geführten Kräuterwanderungen erworben werden können. Das ist wichtig, um sich nicht an einer der interessanten, aber mitunter lebensgefährlichen Giftpflanzen zu vergreifen.
Nicht alles ist genießbar, aber sehr viele Pflanzen, teils recht unscheinbare, bringen zur rechten Zeit genau das, was wir Menschen (als Teile der Natur) gerade brauchen, was uns nach den kalten, düsteren Wintermonaten wohltut.

Sich vorsichtig vertraut machen
Man sollte sich vorsichtig mit den genießbaren Pflanzen vertraut machen, denn ihre Power-Inhaltsstoffe könnten in zu hoher Konzentration Probleme bereiten. Vor allem, wenn jemand ohnehin seine „Schwachpunkte“ hat, sollte ein Zuviel an Wildpflanzen gemieden werden. Auch können allergische Reaktionen, etwa gegen Korbblütler auftreten (z. B. bei Löwenzahn).
Was den Geschmack betrifft, ist in Pflanzen alles vertreten, von süßlichen Blüten über säuerliche Blätter und würzige Samen bis zu bitterem Stängel- und Wurzelzeug, zusätzlich angereichert mit einer Vielzahl von sekundären Pflanzenstoffen wie Flavonoiden, Carotinoiden, Chlorophyll ...

„Frei & wild“ suggeriert Sehnsüchte
So nach und nach sprießen uns nach dem Winter die Delikatessen entgegen, bis im Herbst der Frost die meisten Pflanzen in den Winterschlaf schickt. Der Großteil der in unseren Regionen frei und wild und von menschlichem Tun unbeeinflusst wachsenden Pflanzen wurde von alters her nicht nur roh verzehrt, sondern auch  verkocht. Außerdem wurden die meisten Pflanzen bewusst als Heilkräuter verwendet. Das hat seine Gültigkeit natürlich bis heute nicht verloren.
„Frei & wild“ suggeriert Sehnsüchte und bildet thematisch den Gegenpol zur vorgepackten, abgefüllten, standardisierten Supermarktware. Und das Auge freut sich mit: Blüten von Gänseblümchen, Acker-Vergissmeinnicht, Klee, Storchenschnabel und Konsorten dienen vorwiegend als Dekoration von Salaten, können aber auch mitgenascht werden.

Genießbares, vitaminreiches „Wildgrün“
Bald riecht man ihn in feuchten Auen, den Bärlauch: G’schmackig aufs Brot, in die Suppe und mit Heilwirkungen wie sein Verwandter, der Knoblauch, ausgestattet.
Auch Huflattich streckt früh seine leuchtend gelben Blüten empor, auf genügsamsten Böden. Seine Wirkung als Hustentee ist weithin bekannt, er wirkt auch lindernd bei Asthma.
Die Brennnessel ist ebenfalls keine Unbekannte unter den Heilpflanzen und wird zur Entschlackung, Entgiftung, bei Harnwegserkrankungen und rheumatischen Beschwerden angewandt.
Weiße und rot-blaue Taubnesseln sowie die gelbe Goldnessel bieten ihre Blüten zum Naschen an. Ihre heilenden Wirkungen: antibakteriell, harntreibend, blutreinigend, krampflösend. Tees werden in der Frauenheilkunde (Wechselbeschwerden), bei Magen- und Darmproblemen eingesetzt.
Das „Wunderkraut“ Löwenzahn macht sich gut als Salat (ähnlich Rucola) und stärkt die Verdauung, ist wassertreibend. Verwendet werden Blätter und die bitteren Wurzeln.
Spitzwegerich und Breitwegerich begleiten uns bei jedem Spaziergang über Wiesenwege. Die spitzen Blätter gelten als Tausendsassa: schmerzstillend, blutstillend, wundheilend, pilzhemmend, entzündungshemmend und entkrampfend. Außerdem ist Spitzwegerich allgemein gut verträglich und wurde 2014 zum „Heilkraut des Jahres“ gekührt.

„Ubiquisten“ für Salate, Smoothies, Suppen
Solcherlei „Ubiquisten“ (lat: ubique = überall), also überall vorkommende Pflanzen gelten oft als „Feinde“ ordnungsliebender Hobbygärtner. Bei genauerer Betrachtung kommen sie jedoch zu hohen Ehren: Zum Beispiel der „böse“ Giersch. Schier unausrottbare Giersch-Wiesen offerieren sich als Salatlieferanten, eignen sich als Badezusätze und entzündungshemmende und entgiftende Tees gegen Gicht und Rheuma. In schweren Fällen wird/wurde gepresster Giersch-Saft geschluckt.
Ab Mai blühen der rote und weiße Wiesenklee, dessen süße Blüten Kinder gerne „auszutzeln“. Seine bekanntesten Heilwirkungen betreffen Beschwerden der Wechseljahre als „einheimischer Soja-Ersatz“. Außerdem dient er zur Harmonisierung der Verdauung und Blutreinigung.
Sauerampfer, dieser Ubiquist auf unseren Wiesen, sollte nur in kleinen Mengen als Erfrischung genascht oder als Tee aufgebrüht werden, denn Oxalsäure und Alkalisalze sind in hoher Dosierung giftig.
Sauerklee, diesen neongrünen kleinen Waldklee, kennen vermutlich alle vom Sehen, aber dass man ihn auch in kleinen Mengen essen darf, etwa auf einem Butterbrot, ist vielen neu. Und er bewährt sich in kleinen Mengen als Kreislauf-Aufpimper mit Sofortwirkung, beliebt auf so mancher anstrengenden Bergwanderung.

Gesunde Naschereien vom Baum
Auch frisch herauswachsende Baumblätter sind eine feine Nascherei und Salatzugabe, solange die Blätter noch jung und zart sind. Blätter von Ahorn, Birke, Linde, Buche, Eiche, Weide sowie Obstbaumblätter sind „naschbar“. Die aus der Naturheilkunde bekannten „Maiwipferl“, diese hellgrünen Triebspitzen von Tanne und Fichte, sind in ihrer frühen Wachstumsphase erfrischend und können für winterliche Erkältungszeiten als Tee gelagert werden. Vorsicht, nicht verwechseln: Die Eibe ist hochgiftig! Auch Kiefern- und Lärchentriebe können an Ort und Stelle verkostet, Speisen zugegeben oder verkocht werden. Wenn dann im Lauf des Sommers das Indische Springkraut zu blühen beginnt und Samen entwickelt, kann dieser Neophyt (griechisch: neos = neu; phyton = Pflanze) und verdrängende Feind heimischer Flora von uns verzehrt werden: Blüten und Samen sind in kleinen Mengen genießbar und angeblich sogar gesund, helfend bei Entzündungen, Insektenstichen, Hämorrhoiden. Salate und Käseplatten gewinnen optisch und geschmacklich durch das Springkraut, das unter den Bachblüten als „Impatiens“ gehetzten Menschen Geduld beibringen soll und sogar den bekannten Notfalltropfen beigemischt ist.
Geduld und Neigung braucht man auch, wenn man sich mit der weitschweifenden Vielfalt unserer natürlichen Pflanzen beschäftigt und mehr über ihre wertvollen Inhaltsstoffe erfahren möchte. Für den Anfang reicht ein offener Blick, Neugierde und, wie anfangs erwähnt, die Teilnahme an einer geführten Kräuterwanderung – schon öffnen sich Geschmackserlebnisse und Naturbewusstheit.
 
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