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Salzachbrücke

Der Fahrer auf Autopilot

Polarisiert haben sie schon immer, die kleinen Helfer im modernen Auto. Sie sollen dem Fahrer assistieren, ihn beim Fahren, Lenken, Bremsen unterstützen – das ist die Grundidee dahinter. Doch wie weit sind unsere Autos inzwischen von ihrem menschlichen Fahrer weggerückt?
Eine Spurensuche.

Elisabeth Strassert

Mit „mehr Sicherheit, Komfort und Entlastung des Fahrers“ werben neue Fahrassistenzsysteme gerne. Mag man bei Lichteinschalt- und Scheibenwisch-Assistenten noch schmunzeln, lässt sich über den Sicherheitsgewinn durch Notbrems- oder Spurwechselassistenten nicht streiten.
Oder doch – will der Fahrer wirklich bei jeder zum sicheren Autofahren nötigen Tätigkeit „geholfen werden“? Den Fahrer zu unterstützen ist die eine Sache. Gleichzeitig jedoch betonen Autohersteller gerne, wie sehr dieses und jenes Assistenzsystem bereits den nächsten Schritt in Richtung „autonomes Fahren“ gehe.
Denkt man diese Idee zu Ende, dürfte der Fahrer selbst eines schönen Tages überflüssig werden. Er schickt dann wohl einfach das selbstfahrende Auto alleine zum Geschäftstermin.

Spurwechseln von Geisterhand
Moderne Fahrzeuge nehmen ihrem Piloten inzwischen enorm viel ab und handeln dabei oftmals vernünftiger und vorausschauender als der Fahrer selbst. Emotionslos analysieren sie aufgrund der mit Sensorik und Kamerasystemen erkannten Umgebungsbedingungen im Steuergerät die Lage und agieren entsprechend.
Ziemlich autonom, also fast selbstständig, handelt schon heute ein jüngst vorgestelltes System zum aktiven Spurwechseln: Hierbei braucht der Fahrer nur noch für mehr als zwei Sekunden den Blinker zu betätigen – und wie von Geisterhand wechselt das Fahrzeug die Spur, wenn es keine Hindernisse erkannt hat.
Quasi „Überholen auf Hebelwink“, gedacht vor allem für Fahrten auf der Autobahn bei Geschwindigkeiten zwischen 80 und 180 km/h. Spooky mag so mancher das finden – ganz schön ausgereift ist allerdings die Technik, die dahintersteckt. Denn dabei arbeiten verschiedenste Systeme zusammen.

Alles auf Abstand
Der Abstands-Assistent hilft dem Autofahrer dabei, dem Vordermann nicht zu nah auf die Pelle zu rücken und hat zudem ein Auge darauf, dass nicht schneller gefahren wird als erlaubt. Staut es sich auf der Autobahn oder in der Stadt, übernimmt der Assistent sogar das Anfahren, wenn‘s weitergeht. Mehrere Sensoren überwachen dabei den Bereich vor dem Auto – notwendig auch beim Spurwechseln.
Dann gibt‘s noch den Lenkhilfe-Assistenten, der Fahrbahnmarkierungen erkennt und das Auto fahrspurmittig hält – oder eben die Spur wechseln hilft. Wenn gar nichts mehr geht, bremst zu guter Letzt ein aktiver Nothalt-Assistent das Auto selbständig ab, sobald er der Ansicht ist, dass der Pilot die Fahrt nicht mehr unter Kontrolle hat – freilich nicht, ohne vorher akustisch und optisch zu warnen.
Reagiert der Fahrer darauf und lenkt, bremst oder gibt Gas, ist er wieder Herr der Lage, das System gibt an ihn ab. Praktisch ist diese Unterstützung in jedem Fall, doch verleitet sie den Fahrer nicht auch dazu, unaufmerksam zu werden?

Der Mensch denkt, der Assistent lenkt
Forscher bestätigen dies: Die Natur handelt ökonomisch und vergibt keine Aufgabe doppelt. Das bedeutet, dass es in der Natur des Menschen liegt, sich zurückzulehnen, wenn ein Assistent ihm Aufgaben abnehmen kann.
Dabei fragt sich: Wollen wir Autofahrer diese Rundum-Unterstützung wirklich haben? Sicher: Es gibt verschiedene Typen Autofahrer, nicht jeder liebt dasselbe. So mancher legt sich alle paar Jahre ein neues Auto zu, vielleicht im Glauben an die Werbung, die „neu“ grundsätzlich mit „sauberer“ und „besser“ verknüpft.
Dennoch gibt es weniger „trendige“ Menschen, die das Neue nicht um des Neuen willen haben müssen. Gerüchten zufolge leben in Österreich und Deutschland sogar Personen, die ganz bewusst ein „nicht neues“ Auto fahren.

Must-have: Die „Auto-App“
Und es gibt Menschen, die viel mit den Öffis, in Fahrgemeinschaften oder gar mit dem Fahrrad unterwegs sind. Klartext: Diese Menschen sind gefährlich, denn in ihrem Verhalten sieht die Autoindustrie eine Existenzbedrohung: Man muss schließlich Neuwägen verkaufen.
Wie Anfang Januar die Elektronikmesse CES in Las Vegas bewiesen hat, will die Industrie besonders junge Menschen dazu motivieren, sich einen Neuwagen zu kaufen – das Auto soll zum „Must-Have“ werden wie ein Smartphone. Quasi eine „Auto-App“ in Originalgröße.
Aber viele Menschen sind heute mehr und mehr umweltbewusst, wissen um die Tatsache des extremen Ressourcenverbrauchs und der Umweltbelastung bei der Neuwagenproduktion und denken weiter als bis zu „ich will haben“. Solch eine nachhaltige Einstellung ist freilich ein Problem für die Industrie.

Neue Zielgruppe: Fahranfänger
Nennen Sie die Autorin dieser Zeilen ruhig einen Schelm, der Böses dabei denkt: Den Neuwagenkauf-Hebel könnte man ja auch dort ansetzen, wo ein junger Mensch (meist) zum ersten Mal selbst hinter dem Steuer sitzt, nämlich in der Fahrschule. Denn welche Fahrschule liebt es nicht, mit glänzenden, neuen Autos und „moderner Ausbildung“ zu werben?
Grundsätzliches Ziel der Fahrschulausbildung sollte wohl sein, das Gefährt in alltäglichen und außergewöhnlichen Verkehrssituationen sicher zu beherrschen. Der junge Fahrer soll sich von A nach B bewegen können, ohne für irgendjemanden zur Gefahr zu werden – und das freilich auch dann, wenn kein Fahrassistenzsystem ihm dabei hilft.
Setzt man nun einen Fahranfänger in ein modernes Auto, muss dieser (theoretisch) weder Scheibenwischer noch Licht einschalten, weil ihm das ein Assistent abnimmt. Auch könnte er sich beim Parken genüsslich zurücklehnen, denn das übernehmen manche Autos ja bereits komplett.
Spinnt man dieses Szenario einmal schwarz-weiß weiter, so kommt am Ende der Ausbildung ein Führerscheinneuling heraus, der eigentlich gar nicht wirklich Autofahren kann.

Problemfall: Erstes eigenes Auto
Sarkastische Gedankenspielerei? Mitnichten. Kleines Praxisbeispiel: Eine Fahranfängerin, die der Redaktion bekannt ist, scheiterte mit ihrem 15 Jahre alten, ersten eigenen Auto kurz nach der bestandenen Führerscheinprüfung fast am Berganfahren.
Es war Winter, es hatte geschneit und am Hallthurm war die Straße glatt, zudem staute es sich auf dem Weg nach oben und sie musste stehenbleiben. Unsere Fahranfängerin hat mit dem „Berganfahr-Assistenten“ gelernt, am Berg anzufahren: Der hält das Auto so lange mit der Bremse fest, bis das Anfahren erledigt ist.
Jetzt muss unsere junge Fahrerin die Handbremse mit gedrücktem Knopf langsam loslassen, die Kupplung und das Gas koordinieren und richtig dosieren, der Motor heult verzweifelt, dann macht das Auto einen kleinen Satz: abgewürgt. Nochmal, hinter ihr hupt bereits jemand.
Vier Versuche später, mit schweißnassen Händen: Es stinkt nach Kupplung, aber es ist endlich geschafft! Nun mag man sagen, es sei weit hergeholt, hier einen Zusammenhang mit der Autoindustrie zu vermuten, die auf Neuwagenverkäufe angewiesen ist.
Sicher ist aber eines: Wir stehen heute wieder an einer Zeitenwende, was die automobile Fortbewegung angeht. Das moderne Auto nimmt uns mehr und mehr Selbstverständliches ab, die Fähigkeit, diese Dinge zu beherrschen, wird abnehmen und schließlich verlorengehen.

„Homo digitalis“ in stabiler Sitzlage
Viele sagen, diese Entwicklung, sprich, „der Fortschritt“, lasse sich nicht aufhalten. Und andere wiederum sind mit Recht skeptisch: Der moderne Mensch, spöttisch bereits „Homo digitalis“ genannt, braucht immer weniger motorische Fähigkeiten zum täglichen (Über-)Leben. Bald reicht es, wischende Handbewegungen in die Luft zu machen, um alle technischen Geräte inklusive Auto zu bedienen.
Und wie sieht dann dieser Mensch aus, der nur noch komfortabel dasitzt und in der Luft herumwischt? Mr. und Mrs. Couchpotato des Jahrtausends – und damit das nicht passiert, rennen die körperbewussten Exemplare des Homo digitalis natürlich herdenweise ins Fitness-Studio.
Nur: Je weiter von seiner Natur sich der Mensch wegbewegt, desto widernatürlicher verhält er sich, warnen Psychologen. Und was das bedeuten kann, lesen wir jeden Tag in der Tageszeitung bei den Polizeimeldungen.

Die „erwischte“ Belohnung
Nicht, dass moderne Autos dem Verbrechen Vorschub leisten würden – aber den Menschen sich selbst und seiner Natur entfremden, das können sie durchaus. Und dabei ist bei moderner Konsumelektronik, wie sie im Auto Einzug hält, einer der meistverwendeten Werbebegriffe „intuitiv“.
Intuitiv handeln heißt, ohne den Verstand dazwischenzuschalten, aus dem Bauch heraus etwas tun. Die Elektronikfirmen stellen ihre „smarten“ Produkte gern so dar, als könne sogar ein kleines Kind sie per „Wisch“ bedienen. Doch wie lernt das kleine Kind? Es will seine Umwelt nicht „erwischen“, es will sie anfassen, begreifen, es grapscht danach, steckt Dinge sogar in den Mund.
Ganz so weit müssen Sie jetzt nicht gehen, aber spüren Sie doch selbst einmal bewusst hin, wenn Sie etwas tun. Wischen Sie auf dem Smartphone virtuell von App zu App. Spüren Sie irgendetwas, tief innen?
Gegenprobe: Jetzt betätigen Sie mit dem Zeigefinger den Scheibenwischerhebel und beobachten, wie die von Regentropfen übersäte Scheibe sauber und durchsichtig wird. Fühlen Sie diese winzige Befriedigung, die sich zwischen Bauch und Brustkorb breitmacht?
Dieses Gefühl nennen Psychologen und Gehirnforscher „positive Verstärkung“ oder einfach „Belohnung“, und genau das kann Depressionen vorbeugen und ist von frühester Kindheit bis ins Alter hinein wichtige seelische Nahrung, um gesund zu bleiben.
Fraglich ist, ob wischende Handgesten in Zukunft für‘s Gesundbleiben sorgen, seien sie auch noch so intuitiv. Und gesund bleiben möchten wir schließlich alle – nur der Pharmaindustrie ist es lieber, wenn wir irgendetwas zwischen gesund und tot sind: Doch das ist eine andere Geschichte und soll (vielleicht) ein andermal erzählt werden.
 
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