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Salzachbrücke

Von der verrußten Rauchkuchl zur Traumküche

Man muss gar nicht ans einstige Zahnziehen denken – schon bei der Vorstellung der Rauchkuchl à la Mozarts Geburtshaus schwindet die Mär vom „Guten, Alten“. Vielmehr steigt Mitleid mit unseren Urahnen auf.
Und wir freuen uns im Hier und Jetzt zu sein, über moderne Kochmöglichkeiten in Küchen, die etwas gleichsehen – Innovationen, Trends und Moden, Praktisches und auch Prestigeträchtiges, Küchen zum Herzeigen, Küchen als Bühne privater Koch-shows im geselligen Kreis, übergehend in den Wohnbereich, Küchen als Herz heutiger Lebensräume.

KÜCHEN ALS LEBENSMITTELPUNKT
Mittelpunkt waren Küchen schon immer, oft als einzig „warme Zelle“ in sonst unbeheizten Wohnstätten. Umständliche Kochvorgänge banden die Hausfrau stundenlang an den Herd, Kinder wuselten unter ihrer Aufsicht umher, erledigten hier ihre Schul­aufgaben und manch einer machte seine Matura, sein Abi „am Küchentisch“, wie es in Biografien gelegentlich heißt.

GROSSZÜGIGE ÖFFNUNG IN DEN WOHNBEREICH
Alles Schnee von gestern? Nicht ganz, denn mit der Öffnung der Küchen in den Wohnraum, mit der großzügigen architektonischen Zusammenführung von Kochen, Essen, Wohnen, Fernsehen, Spielen, Kuscheln wird hier mehr als nur gekocht. Damit rückt die Küche ins Blickfeld, mit ästhetischem Anspruch.
Die zahlreichen Koch-Shows im Fernsehen und meterlangen Kochbuchregale in den Buchhandlungen, weit mehr als 14 Mio. Kochrezepte im deutschsprachigen Internet und Hochglanz-Küchen-/Kochmagazine – das alles hebt den Stellenwert der Küche auf ein noch nie erreichtes Niveau. Dass zunehmend Männer den Kochlöffel schwingen, ist auch nicht mehr neu.

FRANKFURTER KÜCHE UND HEUTIGER ANSPRUCH
Als „Urmutter“ aller Einbauküchen gilt die berühmte „Frankfurter Küche“ von 1926, ausgearbeitet von der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Tauglich für den damals einsetzenden Massenwohnbau sollte auf kleinem Raum alles mit einem Handgriff erreichbar sein, Schritte wurden gezählt und von der Hausfrau zurückgelegte Kilometer errechnet – die Küche wurde zum industriellen Arbeitsplatz, praktisch und funktional.
Die Küche ist ein Raum mit Historie in ständiger Entwicklung bis zum modernsten Design, das heute in der Avantgarde mit Edelrost-Fronten, Küchen in Beton, Stein oder Alu, in farbigem Retro-Look oder patiniertem Vintage-Look aufwarten kann. Die praktische Umsetzung gibt sich gemäßigt mit puristischen, kubischen Formen, Materialmix und unterschiedlichen Platten, von Granit (in rund 250 Farbtönungen), wertvollen Marmoren und pflegeleichteren Verbundwerkstoffen.

BEDARFSERFASSUNG UND 3D-PLANUNG
Vor der Einrichtung und Installation einer modern durchdachten Küche steht intensive Beratung. „Im Kundengespräch muss man zwischen den Zeilen hören“, so beschreibt Schreinermeister Alfred Messner aus Fridolfing den Start zu einer neuen, individuell geplanten Küche. Nach der Bedarfserfassung und Raumbegutachtung werden einige Vorschläge in 3D ausgearbeitet. Das ist heute Standard.
Messner spricht von einer angenehmen, großzügigen Koch- und Wohnatmosphäre, aufgewertet durch den Einsatz natürlicher Materialien, allen voran Holz. Interessant: Eben wird in seiner Werkstatt eine Küche aus echtem Altholz angefertigt, mit wurmlöchriger „Bretterfront“. Ansonsten dominieren glatte Flächen die kubischen Formen, Kochinseln schaffen zusätzliche Freiheit zum Schalten und Walten am Herd.

DESIGNKÜCHEN UND HIGH TECH KÜCHENGERÄTE
Auch Franz Zollhauser von der Küchengalerie Teisendorf verweist auf die Bedeutung einer fundierten Beratung: „Dazu muss man sich wirklich Zeit nehmen.“ Als Anbieter namhafter Küchenherstellermarken hat er großen Überblick. Ganz im Sinn des allgemeinen Trends spricht er von Wohn- und Familienküchen, von offenen Wohnraumlösungen, „dazu gibt es sogar passende Wohnmöbel von Küchenherstellern.“ Für trendige Fronten kommen Altholz oder Eiche astig (meist in Natur oder Raucheiche) zum Einsatz, kombiniert mit Glanzflächen, etwa in Weiß. Anstelle von Fliesen werden gerne Dekorrückwände in Glas oder Aluplatten verwendet, die mit fertigen Motiven oder individuellen Bildern bedruckt sind.

FRISCHLUFT-KOCHEN UND DIE PRIVATE KOCH-SHOW
Dunstabzugshauben gibt es seit den 40er Jahren. Als technische Innovation werden nun Kochfeldabzüge angeboten, die die Düns­te gleich dort absaugen, wo sie entstehen, in der Kochmulde, am Ceranfeld. Diese Abzüge sind leiser als herkömmliche Geräte und sind auch leiser als das Brutzeln eines Schnitzels, was abgesehen von der Frischluft im anschließenden Wohnbereich als angenehm empfunden wird. Der Motor befindet sich im Unterschrank oder gar im Keller, „das bewährt sich besonders bei Kochinseln.“
Eine andere Alternative den Küchengerüchen zu Leibe zur rücken sind die neuen „Lifthauben“. Zollhauser: „Diese an Stahlseilen hängenden Abzüge können per Fernbedienung an die Decke gehievt werden, wo sie nicht stören.“ Dank integrierter Soundsysteme kann über Bluetooth die Lieblingsmusik nebenher aus dem Dunstabzug tönen.
Wasserhahn ist nicht gleich Wasserhahn. Mit Cooker-Funktion kommt vom ersten Tropfen kochendes Wasser hervor oder über Kohlensäure-Kartuschen sprudelt der eigene Sprudel aus der Leitung. Derlei Extras können auch nachträglich eingebaut werden, dezent integriert oder als Zweithahn mit Herzeige-Funktion. Zollhauser hält viel von gradgenau steuerbaren Dampfgarern, die teilweise die Mikrowelle ablösen: „Vitamine und Mineralstoffe bleiben erhalten, das Gargut laugt nicht aus und außerdem können Dampfgarer zum Entsaften verwendet werden.“

NACHTRÄGLICH TRENNWÄNDE EINGEZOGEN
Es gehört wohl Mut dazu, wenn einer von sich sagt „Ich bin nicht unbedingt ein Trendsetter.“ Johann Spatzenegger aus St. Georgen tut das. Der Erfolg gibt ihm Recht. „Wir kommen vom Handwerk“, das bedeutet für Spatzenegger rustikale Landhausküchen oder elegante Herrenhaus-Küchen mit Rahmen und Füllungen und geschliffenen Gläsern. Klassisch-bürgerlich, zeitgemäß verarbeitet auf neuestem Stand der Technik.
Das Überraschendste aus der Werkstatt Spatzenegger, entgegen den offiziell verbreiteten Trendaussagen: „Ich trenne die Küche vom Wohnraum.“ Wieso das? „Kochen, Kinder, Fernsehen, Knob­lauch- und Zwiebeldüfte, Backrohr-Braten-Dünste, Mixergeräusche – das alles kann ziemlich auf die Nerven gehen.“ Oft werde nachträglich bei ihm eine Trennwand mit Schiebtür in Auftrag gegeben. Auch nicht jede kochende Person möchte sich à la Promi-TV-Kochen ständig auf die Finger schauen lassen.
Und noch etwas absolut gegen jeglichen Modetrend: „Statt der offenen Wohnraumküche plane ich lieber in der Küche ein Sofa, einen Diwan ein. Das hebt die Kommunikation, da braucht ein krankes Kind nicht allein im fernen Kinderzimmer zu liegen.“

DIE KÜCHE ALS WERKSTATT
Zwar nicht dem Image entsprechend, aber „ich höre das Echo meiner Kunden“ – Spatzeneggers Erfahrungsschatz kommt an. „Es ist ein Unterschied, ob man als Single lebt oder Kinder im Haus sind. Da schaut alles anders aus.“ Naturgemäß gibt es Unterschiede zwischen Küchen in Stadtwohnungen, die mehr nach Design orientiert sind oder Küchen im ländlichen Bereich, die vom Einsuren bis zum Marmeladeeinkochen alles mitmachen müssen.
Spatzenegger: „Für mich ist die Küche eine Werkstatt.“ Und die darf natürlich gut aussehen, mit glänzenden Flächen, teils in Kontrast zu dunkler Nuss oder rustikaler Eiche mit schwarz gespachtelten Rissen, mit dezenten flächenbündigen Muschelgriffen oder Push-System zum grifflosen Aufstubsen der Türen.
„Form follows Function“ (Form folgt der Funktion), ein Gestaltungsleitsatz  für vollendetes Produktdesign, lässt sich gerade bei Küchen unmittelbar umsetzen – praktischer Nutzen, gepaart mit Ästhetik.
 
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