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Salzachbrücke

Zauberlehrling 0.4

„Wer hat die Macht?“ lautete vor dreißig Jahren in manchem Wohnzimmer die Frage nach der noch jungen Fernbedienung für das Fernsehgerät. Im „denkenden Haus“ stellt sich diese Frage bereits auf einer ganz anderen Ebene.

Mag. Thomas Haas

Wer hat ihn wohl nicht allzu gut verstanden, jenen Azubi, der sich auch einmal die Annehmlichkeiten dienstbarer Geister gönnen wollte. Wozu auch selbst die schweren Eimer schleppen, wenn er mit dem rechten Befehl auch das Haushaltsgerät alleine losschicken konnte. Und wie groß war die Freude, als zum Zwecke Wasser floss und zum Bade sich ergoss. Doch um wie viel größer war die Verzweiflung ob der Einsicht, dass dem einmal entfesselten Besen mit keiner menschlichen Macht mehr beizukommen war. Und wie erlösend schließlich die bannenden Worte: „In die Ecke, Besen! Besen! Seid’s gewesen.“

IST DER SMARTE BESEN NOCH ZU BÄNDIGEN?
Wer wird wohl den alten Hexenmeister geben, wenn unsere Jalousien zu tanzen beginnen, die Kaffeemaschinen endlos brühen und der WC-Fön uns den Allerwertesten grillt. All dies ist im Internet der Dinge bereits heute weitaus realistischer als es die Vorstellung vom vollautomatischen Zuhause jemals werden kann. Und doch konnten und können die selbstfahrenden Staubsauger, sensorgesteuerten Markisen und Dachfenster und andere programmierbare, ferngesteuerte oder lernfähige Geräte im Haushalt gar nicht schnell genug auf den Markt kommen, um nicht jeweils im Handumdrehen zum „must have“ aufzusteigen.
Vieles erscheint ja auch märchenhaft bequem, und manches ist durchaus sinnvoll, was da an Technik in den vergangenen Jahren in vielen Häusern und Wohnungen Einzug gehalten hat. Worum geht es aber wirklich bei der ganzen Automatisierung? Was kann man sich unter einem „Smart Home“ ganz konkret vorstellen? Der Grundgedanke besteht in der Übernahme menschlicher Handlungen, Kontrollmaßnahmen und Steuerungen durch die zur Anwendung kommenden technischen Geräte selbst in Verbindung mit einer zentralen Steuerungseinheit. Der Sammelbegriff Smart Home verdeckt ein wenig die grundsätzliche Unterscheidung in die automatische Steuerung des Hauses selbst bzw. seiner mehr oder weniger fest verbauten Komponenten (= Haus-Systemtechnik oder Gebäudeautomation) und jener der im Haus bzw. der Wohnung befindlichen Haushaltsgeräte und Maschinen
(= Haushalts-Systemtechnik bzw. -automation).

WOHLBEFINDEN – ENERGIEEFFIZIENZ – SICHERHEIT
Im ersten Fall werden so gut wie alle steuerbaren und beweglichen Teile des Hauses in einer gemeinsamen Schalt- und Steuerungsstruktur verbunden. Auf der Ebene des Raumklimas sind das Heizungs- und Klimaanlagen, Belüftungssysteme samt Fensteröffnern sowie Jalousien und Markisen zum Regulieren der Sonneneinstrahlung. Mit dieser Ebene eng verknüpft sind die Außen- und Raumbeleuchtung sowie die Verfügbarkeit von Warmwasser. Die bedarfsorientierte Steuerung der bisher genannten Hauskomponenten zielt letztlich auf größtmögliche Wohnqualität bei gleichzeitiger Optimierung des Energieeinsatzes ab.
Davon weitgehend unabhängig sind technische Komponenten des Hauses, die in erster Linie der Sicherheit dienen. Dazu zählen etwa die Sperrelektronik der Außentüren, elektrische Fensterriegel, Überwachungskameras, Rauchmelder, Sensoren an Fenstern und Türen, Bewegungsmelder, eine strategische Lichtsteuerung und nicht zuletzt natürlich die eigentliche Alarmanlage. Durch die moderne Sensor- und Kameratechnik in Verbindung mit den Möglichkeiten der digitalen Datenübertragung und Kommunikation können sämtliche ungewöhnlichen Bewegungen und Geräusche, ja selbst Veränderungen der Temperatur und der Luftfeuchte um das und erst recht im Haus live gemeldet, aufgezeichnet und etwa vom Eigentümer am Handy beobachtet werden.

PER BUS ZUR HOME BASE
Die „Home Base“ als zentrale Steuereinheit, mit der jedes Gerät und jeder Sensor über Kabel oder Funk verbunden ist, wird ähnlich dem elektrischen Sicherungs- und Schaltkasten entweder an zentraler Stelle als Display montiert oder ist als Tablet wie eine etwas großgeratene Fernbedienung mobil verfügbar. Über ein sogenanntes BUS-System lassen sich die Informationsströme zwischen der Home Base und den Endgeräten zu unterschiedlichsten Kombinationen von Schaltungen der vernetzten Elemente bündeln. Eine solche Zusammenstellung einer bestimmten Raumtemperatur, unterschiedlicher Lichtintensität, Stellung der Jalousien und einer bestimmten Menge verfügbaren Warmwassers, etwa für die Morgentoilette, wird Szenario genannt. Das Abspeichern solcher Szenarien durch den Benutzer oder – und die Entwicklung geht klar in diese Richtung – mittels Lerneffekte durch das Steuerungssystem selbst, soll die Haus-Systemtechnik schnell zum selbstverständlichen Partner und bald kaum noch entbehrlichen Dienstleister im Alltag machen.
Um die volle Vernetzung der Gebäudeautomation in optimaler Weise zu erzielen, sollten diese und vor allem das Verlegen der BUS-Leitungen bereits vor Baubeginn mitgeplant werden. Verschiedene Automations-Systeme haben sich am Markt bereits etabliert, zu den bekannteren darunter zählt das KNX-BUS-System. Bei nachträglichem Einbau oder späterer Erweiterung der Gebäudeautomation kann es freilich zur Unvereinbarkeit einzelner Komponenten mit dem gewählten System kommen. Außerdem liegen zwischen den Systemen teilweise Welten, sowohl vom Grad der Komplexität her als auch im Hinblick auf die Kosten für Anschaffung bzw. Wartung. Sollte eine Verkabelung im bestehenden Gebäude sich als unverhältnismäßiger Aufwand herausstellen, besteht auch die leitungsunabhängige Möglichkeit einer Vernetzung über Funk. Datenübertragung über WLAN würde angesichts der Vielzahl an Einzelkomponenten zur hoffnungslosen Netzüberlastung führen.
Über die Schnittstelle Home Base ist das gesamte System aber natürlich online angebunden. Schließlich will man ja, wenn man unerwartet zu Mittag hitzefrei bekommen hat, bei der Ankunft schon von einer angenehm herabgekühlten Wohnung empfangen werden. Einfach beim Verlassen des Büros per Handy den Befehl für das Szenario „Hitzestau“ an die Home Base geschickt und schon läuft zu Hause das volle Programm an: Alle Jalousien herab und zugeklappt, nötigenfalls den heißen Luftstau abgesaugt und die Klimaanlage auf frostige 22 Grad herunter und auf vollen Betrieb hochgefahren. Wenn zusätzlich noch entspannende Musik laufen und ein frischer Espresso aufgebrüht sein soll, dann kommen wir damit auf die Ebene der Haushaltsautomation.

WIEVIEL IQ BRAUCHT EINE ZAHNBÜRSTE?
Wie bei der Gebäude-Systemtechnik übernehmen hier „intelligente“ Haushaltsgeräte selbst einige Bedienungsschritte. Die Waschmaschine startet etwa auf Grund von Qualität und Zustand der Wäsche das passende Programm und füllt dazu auch die entsprechende Menge Waschpulver etc. aus einem internen Depot in die Waschmittellade. Außerdem überwacht sie, wann das Depot aufgefüllt und das Flusensieb gereinigt werden muss. Um solche Beobachtungen auch melden zu können, verfügen die smarten Geräte über einen WLAN-Zugang. In der Haushaltsautomation wird geräteseitig überhaupt deutlich mehr kommuniziert als bei der zuvor behandelten Gebäudesystemtechnik.
Sind Heizung, Beleuchtung, Fenster und Jalousien erst einmal installiert und deren gängige Szenarien programmiert, dann muss schon ein Defekt auftreten, damit die Home Base eine SMS-Nachricht aussendet. Während das Haus an sich im besten Fall mehr oder weniger wartungsfrei funktioniert, müssen Haushaltsgeräte laufend melden, dass sie ein- oder auszuräumen sind, dass ein Programm fertig oder irgendein Behälter zu leeren ist, dass Verschleißteile zu ersetzen oder Betriebsmittel nachzufüllen sind. Die in solchen Fällen unausweichlich direkte Interaktion zwischen Mensch und Maschine unterscheidet die Haushaltsautomation denn auch ganz wesentlich von der reinen Hausautomation.

DIENER EINST UND HEUTE
Nicht zuletzt unterscheidet dieser nicht unerhebliche Wartungs- und Kooperationsaufwand die Dienstleistung smarter Haushaltsgeräte ganz erheblich vom mittlerweile weitgehend historischen Vorbild der Bediensteten in gehobenen Haushalten. Eine wirkliche „Perle“, wie Dienstmädchen früher alles andere als abwertend bezeichnet wurden, und der klassische Butler oder Hausdiener wussten selbstverständlich genau, welche Beleuchtung und Raumtemperatur den „Herrschaften“ zu welchem Anlass genehm waren. Im Unterschied zum Smart Home wurde damals freilich auch der Morgenmantel bereitgehalten, Tee oder Kaffee frisch gebrüht je nach Tagesverfassung ans Bett oder in den Salon serviert oder auch zum bloßen Nippen beim schnellen Aufbruch im Vorhaus stehend bereitgehalten. Und James oder Mitzi reichten auch ohne Aufforderung, wenn es tunlich war, ein Glas Wasser mit einer Kopfschmerztablette dazu...
Dafür soll uns in Zukunft durch die Vernetzung der Haushaltsgeräte untereinander, mit dem Gebäude-Steuerungssystem und nicht zuletzt natürlich mit dem Internet eine Revolution des Alltags blühen: Der Kühlschrank bestellt dann nicht bloß zur Neige gehende Grundnahrungsmittel nach, sondern ordert auch die erforderlichen Zutaten für ein nach bestimmten Kriterien ausgesuchtes Menü beim Lieferservice des Lebensmittelmarktes; einräumen, kochen, Tisch decken und die Küche putzen bleibt uns aber auch dann nicht erspart. Wirklich hilfreich und sinnvoll werden all diese technischen und elektronischen Anwendungen erst zum Einsatz kommen können, wenn sie nicht bloß vollkommen ausgereift, sondern auch in der Erstellung so günstig sein werden, dass unser Lebensraum standardmäßig und umfassend mit Sensoren, Platinen und unzähligen kleineren und größeren Robotern ausgestattet werden wird. Die Differenz vom Zwei- bis Dreifachen des Kaufpreises von smarten gegenüber herkömmlichen Geräten kann bis dahin als großzügige Forschungsförderung angesehen werden.

MIT SICHERHEIT UNSICHER
Die Gefahren des Smart Home wurden und werden in diesem Zusammenhang meist vorrangig und breit abgehandelt. Hier sei nur darauf hingewiesen, dass in der eben angesprochenen Phase der technischen Entwicklung und des Markteinstiegs die meisten Anbieter ihr Augenmerk nahezu ausschließlich auf den zu erzielenden Kundennutzen richten. Zugangsschranken, Firewall, Sicherheitssoftware oder gar regelmäßige Updates dazu sind bislang noch die Ausnahme; bei smarten Elektrogeräten sowieso, aber auch bei kompletten Systemen für die Hausautomation. Das Internet der Dinge – einige Milliarden Geräte, die nicht primär der Datenverarbeitung dienen, sind weltweit online! – wird immer mehr zum Betätigungsfeld für unsaubere Machenschaften.
Sei es ein vor Ort umtriebiger Einbrecher, der sich über die Funkverbindung in einen Spielzeughasen einklinkt, mit dem die Eltern auch von unterwegs am Smartphone Vorgänge im Kinderzimmer beobachten und belauschen können. Über die Schnittstelle im Haus hat er damit zumeist ungehinderten Zugriff auf alle anderen Komponenten wie Türöffner, Alarmanlage etc. Wer das ordentlich versperrte Haus dann ausgeräumt vorfindet, wird seiner Versicherung den Einbruch erst glaubhaft machen müssen. Hacker mit erpresserischen oder gar terroristischen Motiven haben sich bereits Zugriff auf hunderttausende Endgeräte verschafft und diese zu sogenannten Bots verbunden. Stromausfälle durch deren gleichzeitige Schaltung, Wasser- und Feuerschäden durch extern gesteuerten Dauerbetrieb oder einfach eine breitangelegte Verunsicherung durch die pure Möglichkeit, dass jederzeit ein Fremder im höchst privaten Lebensbereich nach Belieben schalten und walten kann. All das ist keine Utopie, sondern vereinzelt tatsächlich bereits geschehen.
Wer also sein Licht lieber mit dem Smartphone ausschaltet, eine Erleichterung empfindet, beim Wäschetrockner den Programmschalter nicht mehr drehen zu müssen oder Freude an einer Nachricht vom Kühlschrank hat, dass von der Milch nur noch ein Liter übrig ist, soll selbstverständlich seine vier Wände nach Herzenslust automatisieren. Die Bequemlichkeit sollte freilich dort ihre Grenzen finden, wo es um die Eingabe von Zugangscodes und das Öffnen von Sicherheitsschranken geht. Sonst wird das anfangs belächelte Paradoxon zum gefährlichen Bumerang, wenn nämlich ausgerechnet jenes System, das für mehr Sicherheit im Haus sorgen soll, im Gegenteil kriminellen Elementen im wahrsten Sinn des Wortes Tür und Tor öffnet.
 
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