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Salzachbrücke

Eine Reise ans Ende der Welt: Patagonien und Feuerland

Nach einem dreitägigen Aufenthalt in Buenos Aires, einer Stadt der Superlative, die mit fast mediterran anmutender Lebensart begeistert, einer Stadt mit den breitesten Straßen, den besten Steaks, den fanatischsten Fußballexperten, der Wiege des Tangos und in der 65 Jahre nach dem Tod Evita Perons noch täglich Rosen und Lilien an ihrem Grab abgelegt werden, fliegen wir an die Südspitze Südamerikas, nach Ushuaia.
Immer wieder steht hier geschrieben „Willkommen am Ende der Welt“ – fin del mundo, principio de todo – das Ende der Welt, der Anfang von Allem, auch von unserer 4.800 km langen 5*-Busreise durch Feuerland, Patagonien, entlang und quer der Anden bis Santiago de Chile.
Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt liegt am Beagle-Kanal, der den atlantischen mit dem pazifischen Ozean verbindet. Sie besteht aus unzähligen systemlos in die Gegend gebauten immer wieder irgendwie aufgestockten und erweiterten bunten Häuser, und einem Wildwuchs moderner Betonbauten. Hingewürfelt, lieblos, gesichtslos, aber traumhaft gelegen. Die Stadt ist aus einem Gefängnis für Schwerverbrecher entstanden und heute Ausgangspunkt für Touristenreisen in die Antarktis.
Flüssige Sonne nennen die Ortsansässigen das hier vorherrschende Wetter aus Nieseln und Sonnenschein zwischen 0 und 10 Grad. Eine Schautafel bezeichnet hier am Ufer des Beagle-Kanals das Ende aller Straßen Amerikas und wer nach langem Suchen einen funktionierenden Bankomaten gefunden hat, darf sich glücklich schätzen.
Wir besuchen den Nationalpark Tierra del Fuego, durch den eine von Sträflingen gebaute Schmalspurbahn führt. Eine von kristallklaren Bächen durchzogene Moorlandschaft und die subantarktische Tundra erwarten die Besucher. Hier existieren nur Laubbäume, Südbuchenarten mit kleinen glatten oder gezackten Blättern.

Überfahrt über die Magellanstraße
Richtung Norden geht die Fahrt weiter über den Garibaldi-Pass nach Río Grande, auf einer elenden Schotterstraße und bei starkem Wind Richtung chilenischer Grenze nach Porvenir an der Westküste der Magellanstraße. Die Sonne scheint, kaum Wellen und kein wie erwartet raues Meer. Von Delfinen begleitet ist die Überfahrt ein Höhepunkt der Reise. Woher nahm Magellan vor 500 Jahren nur den Mut, in diese unbekannte Wildnis vorzudringen? In Puntas Arenas ehrt man ihn mit einem Denkmal auf der hübschen Plaza des Armas. Die Plaza ist umrahmt von alten Villen reicher Schafzuchtbarone, großbürgerlicher Prunk am Rande der Welt von unglaublicher Ausdruckskraft.
Über schlaglochübersäte Straßen erreichen wir Puerto Natales, malerisch am Fjord Ultimo Esperanza gelegen, mit dem Denkmal der Winde. Der Wind ist so etwas wie die Hauptattraktion Patagoniens, er biegt die Bäume krumm nach Osten, er pfeift und heult von früh bis spät.
Langsam rücken die „Cuernos“, die berühmten Hörner des Paine Massivs, in den Blickpunkt. Die Landschaft ist einmal mehr atemberaubend und der extreme Wind testet unsere Standfestigkeit. Unbeschreiblich schön die blaugrün-türkis schimmernden Eisberge, abgebrochen vom 20 km langen Grey Gletscher, die am Lago Grey direkt vor unserer Lodge treiben.
Die Reise führt uns weiter durch endlose, vom ständig wehenden Wind ausgedörrte Steppenlandschaft, nichts als einige Rinder, Schafe, Nandus und Guanakos sowie Büschel von Pampagras säumen den Pistenrand. Unser Ziel ist die Welthauptstadt der Gletscher El Calafate. Von hier unternehmen wir einen Tagesausflug zum Perrito Moreno Gletscher (Titelbild), einem der wenigen Gletscher, dessen Eis noch kontinuierlich wächst. Aufblitzende Sonnenstrahlen und Wolkenfelder zaubern ein bizarres Licht über die Eisfelder, man hört das Krachen der stürzenden Eisnadeln, die von der bis zu 70 m hohen blauen Abbruchkante in den smaragdgrünen See donnern und immer wieder kleine Tsunamis verursachen.
Auf der Ruta 40, der Panamericana geht es weiter durch die einsame patagonische Steppe. Die anfänglich asphaltierte Straße mutiert bald zur Schotterpiste mit hunderten Schlaglöchern, zu viel für unseren Bus, die große Frontscheibe springt von oben bis unten. Über hunderte Kilometer nur zimtbraune Steppe, ein paar Tiere und Fata Morganas, die in der flirrenden Luft spiegeln.
Wir fahren am Ufer des Lago Buenos Aires entlang, dessen Wasser je nach Lichteinfall in den tiefsten Tuschkastenblaus und -grüns schillert. Schluchtartige Täler, Eisfelder von Gletschern, Wasserfälle und knallgrüne stromschnellenreiche Gletscherflüsse münden in den See.
Ab hier ändert die Landschaft ihr Gesicht. Grüner, blühender Urwald säumt die Straße. Es beginnt das Abenteuer Carretera Austral, jener Straße, die unter Präsident Pinochet in den Urwald geschlagen wurde. Die Umgebung beeindruckt mit buntgestreifter Tafelberglandschaft, vergletscherten Bergen und rauschenden Wasserfällen. Südbuchenwälder, meterhohe Fuchsien-Gewächse und Nalcapflanzen begeistern unsere kleine Gruppe.
Thermas de Puyuhuapi, ein Idyll in unschlagbarer Lage an einem Fjord des Pazifiks gelegen, nur mit dem Boot erreichbar, heißt unsere heutige Unterkunft. Unter freiem Himmel genießen wir heiße Naturthermen und kneipen im zwölf Grad kaltem Wasser des Pazifiks. Wir sind in der Zone des Regenwaldes – nomen est omen – es regnet. Eine zweistündige Wanderung im sumpfigen Regenwald, ausgerüstet mit Gummistiefeln, sorgt für langanhaltende Erheiterung und Gesprächsstoff.

Durch die Traumwelt der patagonischen Fjorde
Die Weiterfahrt gestaltet sich schwierig. Murenabgänge und Felsstürze zwingen uns immer wieder zu Pausen. Gottlob erreichen wir rechtzeitig die gebuchte Fähre bei Galeita Gonzalo. Hier endet die Carretera Austral abrupt an einem Fjord, von nun an geht es nur mit Fährschiffen weiter, so erleben wir in den nächsten Stunden die Traumwelt der patagonischen Fjorde vom Schiff aus.
Wieder am Festland erreichen wir Puerto Vargas am Lago Llanquihue – wir kommen gerade rechtzeitig zu einem Feuerwehrfest und staunen nicht schlecht, als vor uns eine Abordnung der Feuerwehr von Nuevo Braunau marschiert. Wir befinden uns jetzt in der chilenischen Schweiz, einer Region, die zu den schönsten Landschaften Südamerikas zählt. Über dem Lago Llanquihue die ebenmäßige, blendende, vergletscherte Pyramide des Vulkans Osorno, eine Landschaft kann wohl kaum vollkommener und harmonischer sein.
Langsam müssen wir uns wieder an Menschenmassen gewöhnen. Wir besuchen im Mauletal die Wiege des chilenischen Weinbaus. Ehrensache, dass wir uns von der Qualität des Weines überzeugen müssen.

Ankunft in Santiago de Chile
Weiter geht die Reise durch die fruchtbarsten Gebiete des Landes, Wein, Obst, Gemüse und Getreidefelder aller Orten, überall ziehen Rauchschwaden umher. Verbrannte Felder, schwarze Stümpfe von Obst und Weingärten prägen die Landschaft. Wir haben das Gefühl, halb Chile qualmt und brennt, sogar die Brandmeldeanlage unseres Busses schlägt Alarm.
Schließlich erreichen wir Santiago. Inmitten hügeliger, grüner Landschaft breitet sich Chiles wirtschaftliches und politisches Zentrum aus. Die verspiegelten postmodernen Konstruktionen der Geschäftsviertel stehen neben den staubigen Vierteln der ärmeren Bevölkerung, welche stetig anwächst. Die Landflucht nimmt hier immer schärfere Formen an und wie überall scheint die Großstadt Hoffnung auf ungehinderten Zugang zu Glück und Geld zu schüren.
Die von 40 Hügeln umgebene Stadt Valparaiso, UNESCO Welterbe, Chiles Haupthafen und Santiagos Tor zur Welt, ist mit ihrer Ansichtskartenkulisse das letzte Ziel unserer Reise. Die Hügel, die steil zum Pazifik abfallen, sind mit Häusern förmlich übersät, es sind farbenfrohe, mit ausdrucksstarken Graffitis bemalte Häuser. Sie spiegeln die Wünsche und Sehnsüchte der Bevölkerung.
Es war eine Traumreise mit unauslöschlichen Eindrücken. Die patagonischen Weiten, die ewige Pampa, die Heimat der Winde, Vulkane, Seen, Eisfelder, Wasserfälle, Wälder, faszinierende Gletscher, alte Pracht, europäische Vielfalt und modernes Flair in den Hauptstädten machen die beiden Länder Argentinien und Chile zu faszinierenden Urlaubsdestinationen.
 
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