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Salzachbrücke

Alexa, die Einstiegsdroge

Bei „Wen soll ich wählen?“ liefert Alexa nach 30 Entscheidungsfragen die Antwort. Noch nie war Demokratie so einfach. Und wenn dir niemand mehr zuhört – Alexa oder Siri haben immer ein offenes Ohr bzw. Mikrofon für dich!

Kommentar von Thomas Haas

„Wa-pa-pa-pa-pa-pa-pow!“ macht der Fuchs laut Siri von Apple – 2,8 Millionen Mal bei YouTube aufgerufen. In welchem Urwald würden wir uns wohl noch von Baum zu Baum schwingen, ohne die menschenfreundlichen Entwicklungsteams der völlig uneigennützigen Netzdienstleister und Sozialförderungseinrichtungen Amazon, Apple, Google, Microsoft, Samsung und wie sie noch alle heißen. Auf Alexa, Siri und Cortana hören jedenfalls drei der reizenden und vom Aktivieren weg unentbehrlichen Sprachassistentinnen, die in den elektronischen Glücksschmieden entwickelt und unters Volk gestreut werden. Sie stecken im Handy oder stehen als externer separater Speaker herum, und erleichtern uns angeblich den Alltag – von Kurzauskünften und Suchergebnissen über das Steuern anderer smarter Geräte in Haus oder Auto bis hin zu online Erledigungen im Kommunikations- und Geschäftsbereich – und all das auf bloßen Zuruf.

EIN ECHTER KAMERAD
Die freundlichen Damenstimmen (Gerüchten zufolge kann man auch auf männlich umstellen…) werden auf Grund ihrer sehr raschen Integration in den Alltag – vom Wecken bis zum abendlichen Ausschalten von Musik und Licht – immer öfter als Familienmitglied oder neuer Mitbewohner wahrgenommen; im Single-Haushalt eine nicht unwesentliche (Macht-)Position! Vom Couchtisch aus lauschen die kleinen Lautsprecher mit hochsensiblen Mikrofonen rund um die Uhr gespannt auf den auslösenden Sprachcode. Bei „Alexa!“, „Okay Google!“ oder „Hey Siri!“ schalten die Helferleins auf Bereitschaft und warten auf Fragen und Befehle. Je nach Programmierung geben sie auch brav Auskunft zu Zeit, Wetter und Kinoprogramm, zum letzten Länderspiel und zu ähnlich essentiellen Fragen der Menschheit.
Mitbewohner, die einen nicht ungefragt vollquatschen, sind wohl gelitten. Selbst, wenn sie sich auf die Bemerkung: „Alexa, ich bin sternhagelvoll!“ zur wohlmeinenden Ermahnung aufschwingen: „Hoffentlich willst du heute nicht mehr fahren!“. Im Gegenteil, gerade dieser Anschein der persönlichen Note macht die virtuellen Gesprächspartnerinnen für viele so liebenswert und vertrauenswürdig. Wie sonst wäre es zu erklären, dass sich Menschen freiwillig ein mikrofongespicktes Gerät mitten in ihr Privatleben stellen, das nicht bloß rund um die Uhr alles mithört, sondern permanent online mit dem Server des Herstellers (und latent natürlich nicht bloß mit diesem) verbunden ist? Dass das mehrtägige Abspeichern sämtlicher Aufnahmen rund um die Uhr durch Google-Geräte im vergangenen Oktober ein dummes Versehen war, dass eine solche Funktion gar nicht vorgesehen sei und dass selbstverständlich keines dieser Systeme mehr Daten speichert als vereinbart – all das wird ebenso treuherzig versichert wie treudoof geglaubt.

WOZU DIE AUFREGUNG?
Was sollen die denn mit meinen Daten und Aufnahmen anfangen? Wenn so ein Assistent Zugriff auf alle smarten Einrichtungen (von der Kaffeemaschine bis zur Alarmanlage), auf alle elektronischen Kommunikationskanäle, auf Social-Media-Accounts und selbst auf Bank- und sonstigen Geschäfte im Netz hat, dann ist nicht bloß die Fülle an Informationen und Daten für sich schon ein enormes Risiko. Man stelle sich bloß vor, wie die am Apple-, Google- oder Amazon-Server gespeicherte biometrische Information der eigenen Stimme verwendet wird, um einen Drohanruf der IS zu simulieren. Technisch wären sowohl das Hacken wie auch das Schneiden der Stimmaufnahmen ebenso unproblematisch, wie etwa ein Hinzufügen intimer Details aus dem Privatleben, um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen... – Viel Spaß mit den Sicherheitsbehörden!
Dabei wird kaum über einen möglichen Missbrauch der hoch sensiblen Datenmengen gesprochen, die über die Sprachassistenzsysteme bei Amazon, Google, Apple etc. angehäuft und dort natürlich verarbeitet werden; die stecken doch nicht so viel Geld in Entwicklung, Marketing und Betrieb dieser neuen Technik, ohne sich einen in konkreten Zahlen messbaren Gewinn davon zu versprechen. Oder sitzen sie vielleicht doch alle zögerlich vor ihren Datenbergen und diskutieren in Ethik-Workshops, ob und welche Information sie vielleicht doch ausnahmsweise für ein ausschließlich nützliches Angebot an den Nutzer ausborgen dürfen?  

WER HAT DAS SAGEN?
Die schleichende Übernahme der Entscheidungsgewalt durch die angeblich künstliche Intelligenz hinter Siri und Konsorten beschäftigt Medien und Anwender viel mehr. Wenn der Google Assistent antwortet, zu einem bestimmten Gebiet noch nicht Auskunft geben zu können, dann wird der hoffnungsfrohe Grundton zwar grundsätzlich freundlich aufgenommen; gleichzeitig aber auch besorgt ob der vermeintlichen Tatsache, der Assistent könnte uns lernend über den Kopf wachsen. Einige erfolglose Fragen weiter entlarvt sich das stereotype „noch nicht“ freilich als langweilige Programmierung und das blinkende Ding wird wieder zum schlichten Kastl mit Mikrofonen und Lautsprecher.
Die Angst vor den Menschen dahinter, die als Gegenleistung für ein besseres Spielzeug in maßloser Gier unvorstellbare Datenmengen für ein Puzzle unseres ganzen Lebens zusammentragen, und die Angst vor deren Käuflichkeit sollte uns angesichts wachsender Fernsteuerung des Einzelnen aber zumindest zu Denken geben! Siri wiegt uns vorerst noch in Sicherheit mit ihrer Antwort auf die Frage nach der Wahl: „Die Entscheidung kann dir niemand abnehmen, die musst du ganz alleine treffen.“ – und lacht sich heimlich eins in ihre Platine, wohl wissend, dass unsere Entscheidungsfreiheit alles andere als in Stein gemeißelt ist…
 
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