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Salzachbrücke

Gendermedizin – weil wir uns ja doch unterscheiden

Ganz gleich sind wir nicht, wir Frauen und Männer. Das weiß jedes Kind. Und manch oberflächliche „Fakten“ prägen unsere Lebenswege – Männer sind tapfer, Frauen brauchen eine starke Schulter, Männer weinen nicht und Frauen stehen in technischen Belangen auf der Leitung ... diese alten Kamellen.

Frauen- und Männerkrankheiten?
Doch ausgerechnet in der Medizin, da wo’s wichtig ist, wurden bzw. werden wir gleichbehandelt, ob Mann, ob Frau – Symptome werden über einen Kamm geschoren, Medikamente in Unisex-Dosierungen verordnet, „typisch weibliche“ Krankheiten bei Männern gar nicht in Erwägung gezogen usw. Eigentlich kein Wunder, denn äußerlich gleichen die Organe von Männern und Frauen einander, Herz wie Herz, Niere wie Niere. Doch der gravierende Unterschied liegt in den Hormonen.

„Männerschnupfen“ – ein Nahtoderlebnis
Manche medizinische „Vorurteile“ treffen ja zu: Tatsächlich werden Frauen von Migräne häufiger gequält – warum ist unklar.
Jeder zweite Mann schnarcht; bei Frauen steigt die „Schnarchquote“ erst nach dem Wechsel auf 40 Prozent. Der „Männerschnupfen“, fast ein „Nahtoderlebnis“, muss kein Zeichen von Wehleidigkeit sein: Das maskuline Hormon Testosteron hilft dem Immunsystem nicht, Östrogen hingegen schon, es reduziert die Virenvermehrung. Frauen haben dank Östrogen insgesamt ein geringeres Infektionsrisiko, jedoch ein stärkeres Risiko an Autoimmunerkrankungen, Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion, diversen rheumatischen Erkrankungen oder auch Multiple Sklerose. Mit der allgemein ungesünderen Ernährung, die Männer sich so gerne einverleiben, wird das starke Geschlecht öfter von Hämorrhoiden und Gicht heimgesucht.

Geschlechtsspezifische Betrachtung
Erst in den 90er Jahren etablierte sich eine geschlechtsspezifische Erforschung und Behandlung von Krankheiten, unter Berücksichtigung biologischer Unterschiede von Mann und Frau.
Bezeichnend ist, dass eine Kardiologin zur Vorkämpferin der „Gendermedizin“ wurde: Marianne Legato stellte bereits in den 80er Jahren Unterschiede bei Herzerkrankungen von Männern und Frauen fest.

Deutliche Unterschiede bei Herzinfarkten
Trotzdem werden heute noch Männer und Frauen nicht in gleichem Maß „ernst genommen“, wenn es um Symptome eines Herzinfarktes geht. Spürt ein Mann starke Schmerzen im Brustraum, ausstrahlend auf linke Schulter oder linkem Arm, heftiges Brennen, Übelkeit und Erbrechen, geht er schnurstracks zum Arzt und wird auch im Krankenhaus sofort ernst genommen.
Etwas anders fallen Herzinfarktsymptome bei Frauen aus: Atemnot, Engegefühl im Brustraum, Übelkeit, Kreislaufzusammenbruch bis Bewusstlosigkeit, Schmerzen im Oberbauch, aber eher keine Brustschmerzen. Einer TV-Doku (arte) zufolge verbrachte eine weibliche Herzinfarkt-Patientin sieben Stunden im Krankenhaus, bis sie ihre Diagnose erhielt – während dieser Zeit wurden einige „typische“ männliche Infarktpatienten vorgezogen und versorgt.

Osteoporose bei Männern?
Osteoporose gilt als typische Frauenkrankheit. Knochendichtemessungen werden für Frauen ab einem gewissen Alter empfohlen und vielfach durchgeführt. Sie geben Hinweise auf eine etwaige Knochenbrüchigkeit, die mit bestimmten Medikamenten behandelt werden kann. Bei Männern wird eine Osteoporose meist erst festgestellt, wenn es schon richtig gekracht hat, einer oder mehrere Wirbeln gebrochen sind. Das Frappierende: Die Pharmaindustrie hat in ihrer Forschung auf Männer-Osteoporose-Medikamente vergessen! Erst seit kurzem ist etwas dieser Art auf dem Markt, Erfahrungen damit sind noch dürftig.

Männliche Tapferkeit, weibliche Zähigkeit?
Frauen und Männer haben unterschiedliches Schmerzempfinden. Bei Frauen schwankt es im Zyklus und kurz vor einer Entbindung wird es vermindert.
In Versuchen wurden Schmerzschwelle und Schmerztoleranz von Mann und Frau überprüft: die Frau war „Siegerin“. Dennoch gehen Frauen schon bei niedrigeren Schmerzen zum Arzt, Männer lenken sich erst ab und versuchen den Schmerz zu verdrängen. Wenn sie dann als Schmerzpatient zum Arzt kommen, wird ihnen – so die oben erwähnte TV-Doku – rascher und effektiver geholfen, sie werden ernster genommen.
Mehr noch als das Geschlecht, soll das Alter das Schmerzempfinden beeinflussen: Je älter der Mensch, desto schmerzempfindlicher ist er.

Seelische Leiden Frauensache?
Geht es um seelische Leiden, sind auch Frauen früher beim Arzt oder Therapeuten. Männer hingegen wollen sich psychische Probleme bzw. Erkrankungen, etwa eine Depression, nicht eingestehen, sie greifen häufig lieber zur Flasche, werden Workaholics oder lenken sich sonst wie ab.
Aber auch umgekehrt wird hilfesuchenden Männern eine Depression von Medizinern seltener „zugetraut“ als einer Frau. So kann der Leidensweg eines psychisch kranken Mannes zur Odyssee werden oder tragisch enden.

Es gibt noch einiges zu tun
Aus den noch neuen Erkenntnissen der Gendermedizin leitet sich ein Umdenken ab. Vorsorge, Diagnose und Therapie von Erkrankungen, die Frauen und Männer gleichermaßen betreffen, sich jedoch unterschiedlich manifestieren, werden allmählich ebenso unter geschlechtsspezifischen Aspekten erforscht wie die unterschiedliche Wirkungsweise von Arzneimitteln.
 
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