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Salzachbrücke

Perfektionismus - Tugend oder Störung?

„Ich bin halt ein Perfektionist“ klingt oft wie eine kokette „Beichte“, und manchmal wie raffiniertes Verlangen nach Lob oder wie verkapptes Eigenlob. Perfektionismus ist „modern“, er entspricht hohen Leistungsanforderungen, ist umwabert von Tugenden wie Ordnungssinn, Fleiß und Ernsthaftigkeit und soll vor allem zeigen, dass man fehlerfrei ist. Perfektionismus – ein Heiligenschein der Leistungsgesellschaft.

DAS STREBEN NACH VOLLKOMMENHEIT
Noch gibt es keine einheitliche, „amtliche“ Definition für Perfektionismus. Dennoch hat man in der Psychologie ein klares Bild von dieser „zeitgeistigen“ Störung. Vorneweg gilt es, ein häufiges Missverständnis aufzuklären, nämlich den Unterschied zwischen Perfektion und Perfektionismus.
Perfektion erreichen zu wollen ist legitim und darf gerade in bestimmten Berufsgruppen eingefordert werden, wenn wir verlässliche Arbeit erwarten. Raphael M. Bonelli verdeutlicht es in seinem Buch „Perfektionismus. Wenn das Soll zum Muss wird“: Von einem Mechaniker oder einem Chirurgen erwarten wir perfekte, fehlerfreie Arbeit.
Nach Vollkommenheit zu streben und sich ehrlich über das Erreichen gesteckter Ziele und gestellter Aufgaben zu freuen, ist eine feine und psycho-gesunde Angelegenheit, die uns beschwingt und zu neuen Taten ermuntert, unser Selbstbewusstsein kräftigt und auch auf andere abstrahlt.

PERFEKTIONISMUS VERSUS PERFEKTION
War die Bezeichnung „Exzellenz“ einst ein Titel höchster Würdenträger, so hat es über die englische Bedeutung Eingang in unseren Anforderungskatalog gefunden und steht für Vorzüglichkeit, Vortrefflichkeit und höchste Qualität. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden. Niemand strebt nach Mittelmäßigkeit.
Der altgewohnte Leistungsgedanke erhält mit dem neumodischen Exzellenz-Begriff einen exquisiten Hauch. Und wer diesem Postulat höchster Ansprüche nicht entspricht, gilt als aus der Zeit gefallen, wird es nie zu etwas bringen, ist der geborene oder künftige Versager, ein Loser, ein Würstel.
Auf einem schmalen Grat kann ein gesundes Streben nach Vollkommenheit zum krankhaften Perfektionismus kippen, in ein übertriebenes Streben nach Perfektion und Fehlervermeidung, in ein Verlangen, besser zu sein als andere, in einen ewigen Wettkampf gegen andere und auch gegen eigene hochgeschraubte Ansprüche, den letztlich niemand gewinnen kann. Gleiches gilt für Schönheit, die auf privaten TV-Sendern als Nonplusultra dargestellt wird und ohne chirurgische Eingriffe kaum mehr möglich scheint.

MANGELNDES SELBSTBEWUSSTSEIN
Angst vor Versagen, mangelndes Selbstbewusstsein, Angst vor Tadel, Blamage oder Bloßstellung bei Begehen selbst kleiner „Fehler“ oder Aufdecken von Schwächen führt zu ständiger körperlicher Anspannung und innerer Unruhe. Was sagen die Leute? Wie komme ich an?
Als unsicherer Mensch fürchtet der Perfektionist die eigene „Normalität“, die er als Durchschnittlichkeit ablehnt, er giert nach Lob und braucht das Selbstlob, mit dem er sich quasi auf die Schulter klopft, um gleich wieder unzufrieden und getrieben zu sein.
Der Perfektionist definiert sich über seine Leistung, reduziert sich und – leider auch – andere auf ihre Funktion. So wird er zum Besserwisser und Nörgler. Der Perfektionist ist ein ungemütlicher Zeitgenosse, ich-süchtig und nie zufrieden, mit einem Hang zu Fremdbeschuldigung – macht er selbst mal einen Fehler, kann es Perfektionisten verblüffend geschmeidig gelingen, die Schuld jemand anderem in die Schuhe zu schieben.
Ein Leben nach Schablone bietet scheinbare „Sicherheit“, dabei bleiben Spontaneität, Flexibilität und Kreativität auf der Strecke und damit auch echte Lebensfreude.

PERFEKTES KIND – PERFEKTE ELTERN?
Raphael M. Bonelli beginnt seine Ausführungen über den Perfektionismus mit Anforderungen, die Eltern an ihre Kinder stellen, die von Geburt an „gefördert, trainiert und gestylt“ werden, um ihnen eine „Pole-Position“ fürs Leben zu ermöglichen, sie fit für die globalisierte Leistungsgesellschaft zu machen. Alles in bester Absicht. „Zeit für so etwas Unnützes wie Spielen und Freundschaften bleibt da natürlich kaum noch. Wozu auch?“, stellt der renommierte Neurowissenschaftler, Psychiater und Psychotherapeut in den Raum.
Wer von sich selbst viel verlangt, tut das auch von anderen. Und wer als perfekte Eltern dastehen (und glänzen) will, braucht perfekte Kinder, denn „nur wenn das Kind perfekt ist, haben die Eltern nicht versagt“, liest man bei Bonelli. In solchen Familienkonstruktionen ist der Keim zur „Vererbung“ eines krankhaften Perfektionismus bereits gelegt. Wie sich ein Perfektionist selbst nur bei Erfüllung von Leistung und Makellosigkeit bewundert oder gar geliebt fühlt, so lässt er es auch das Kind spüren, wenn es dem elterlichen Ehrgeiz nicht entspricht. Wenn Eltern ihrem Kind nur dann Liebe, Wertschätzung und Aufmerksamkeit schenken, wenn es exzellente Leistungen vollbringt und gleichzeitig die Erwartungen der Eltern so hoch angesetzt sind, dass sie nie erfüllt werden können, werden derart konditionierte Kinder später voraussichtlich ebenfalls zu Perfektionisten.

BEGLEITSTÖRUNGEN ERNST NEHMEN
Natürlich stoßen Perfektionisten an ihre Grenzen und merken dann und wann, dass sie nicht blütenrein-einwandfrei sind. Das kann zu übersteigerten bis krankhaften Schuldgefühlen führen. Perfektionisten können sich an Erfolg nicht freuen, können Anerkennung nicht genießen – vielmehr sind sie emotional abhängig davon. Die Sehnsucht nach Anerkennung wird zur Sucht. Und da ist es nicht weit zum Griff nach Suchtmitteln wie Tabletten und Alkohol.
Die psychische und physische Erschöpfung im Ringen nach Virtuosität und Bravour führt zu Überlastung und Dauerstress. Bonelli beruft sich auf eine Datenbank, die in Studien Zusammenhänge zwischen Perfektionismus und Ess- und Schlafstörungen, Depressionen, Zwangsstörungen, Burn-out, Sozialphobie, chronischem Müdigkeitssyndrom, Grübelzwang, Suizidgedanken, Angst, chronischem Schmerz und Stress auflistet.

NOBODY IS PERFECT
In solche Zusammenhänge gestellt, verliert Perfektionismus den Nimbus eines „positiven“ und „attraktiven“ oder gar „erwünschten“ Lasters und hat mit Stärke nichts zu tun. Allerdings sind Perfektionisten wenig einsichtig, wenn es darum geht, sich (und ihre Umwelt) durch eine Psychotherapie aus den Fängen angstverbissenen Ehrgeizes herauszuhelfen. Ihre „perfektionistische Angst vor Kontrollverlust“ führt zu einer „perfektionistischen Beratungsresistenz“, so Bonelli. In Fällen aus der Praxis schildert er, wie verschlungen die Wege und wie gewaltig der Leidensdruck sein müssen, bis ein Perfektionist sich als „Patient“, also als „Leidender“ wahrnimmt und sich auch als solcher akzeptiert und den Weg zum Therapeuten findet.

WAS TUN? WAS KANN HELFEN?
Mach dich locker! Das klingt einfach, hilft einem Perfektionisten aber kaum. Bonelli rät zur Unterscheidung zwischen MUSS und SOLL und fordert zu „Darf-Sätzen“ auf: Ich darf krank sein, ich darf genießen, ich darf mal daneben hauen ... Er kreiert den Begriff der „Imperfektionstoleranz“ und empfiehlt diesen „verbitterten, humorlosen Querulanten“, die Wunderkraft des Humors zu entdecken. Humor macht großzügig, tolerant, verständnisvoll und führt zu „einer inneren Freiheit, die das Gegenstück zum Perfektionismus ist“.
Übe dich in Gelassenheit, schleudere deinen Heiligenschein des Perfektionismus weg wie eine Diskusscheibe, lächle über menschliche Fehler, ob eigene oder die anderer. Vergiss deine ewige perfektionistische Besorgnis. Perfektionismus hemmt, anstatt zu fördern, vergönne dir mehr Lebensqualität, lass dir helfen, ganz locker vom Hocker – so oder ähnlich sollte man es all den bedauernswerten Perfektionisten ins Poesie-Album schreiben. Fallbeispiele zeigen, wie es Perfektionisten „gelingen“ kann, ihr Leben einzuschränken und tragisch zu verwirken.

PS: Auch wenn im Text laut SALZACHbrücken-Statut nicht gegendert wird: Natürlich sind auch Frauen höchst anfällig für Perfektionismus – es wird (zu) viel von ihnen verlangt und die meisten wollen artig sein und multifunktional Kinder, Job, Partnerschaft, Styling und das bisschen Haushalt unter einen Hut bringen – perfekt, um anerkannt und geliebt zu sein.
 
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