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Salzachbrücke

Bleiberecht für Wolf & Co

Gesunde Systeme im natürlichen Gleichgewicht stellen sich Neuem und Andersartigem offen, kritisch und letztlich konstruktiv. Angst, Ablehnung und Ausgrenzung zeugen von Unsicherheit und Zerbrechlichkeit des eigenen, aus der Balance geratenen Systems.

Über Jahrtausende hatten Mensch und Tier im wechselseitigen Gleichgewicht gelebt. Insekten etwa leisteten ihren Beitrag zur pflanzlichen Nahrungsproduktion und waren ein wichtiger Teil der Nahrungskette; dafür gönnte der Mensch ihren Raupen und Maden ein Auskommen. Raubtiere waren ebenso – wenn auch mit Furcht und Respekt betrachtet – selbstverständliche Teilnehmer am gesamten Ökosystem, auch hier in unseren Regionen. Im Miteinander der unterschiedlichen Lebensformen kannte die vernunftbegabte unter ihnen, der Mensch, auf Grund überlieferter Beobachtungen und Erfahrungen Mittel und Wege, den eigenen Platz im System der Natur bestmöglich auszufüllen, ohne dieses System selbst in Frage zu stellen. Die Aufklärung mit ihrem Weltbild, das den Menschen uneingeschränkt ins Zentrum rückte, und daraus folgende Entwicklungen wie Industrialisierung und Ausweitung von Wirtschafts- und Siedlungsflächen rüttelten gehörig am bis dahin gewachsenen Gleichgewicht.

Der brutale Exitus
Durch die künstliche Unkraut- und Schädlingsvernichtung auf pflegeleichten Monokulturen, durch Lichtverschmutzung und gedankenlose Flächenversiegelung haben wir in den vergangenen Jahrzehnten drei Viertel der Biomasse an Fluginsekten in Europa vernichtet – eine Kata-
strophe für unser Ökosystem! Die Summe an vergleichbaren Eingriffen in die Natur – mit den damaligen Mitteln freilich – hatte im 19. Jahrhundert am anderen Ende der Nahrungskette den großen heimischen Beutegreifern wie Bär, Wolf und Luchs, aber auch Biber oder Seeadler sowohl Rückzugsgebiete als auch ihre Nahrungsgrundlage entzogen. Dass die großen Räuber dann Nutztiere rissen und sich so dem Siedlungsraum des Menschen näherten, war also hausgemacht; das bewahrte sie aber nicht vor dem gnadenlosen Abschuss bis zur Ausrottung: Der letzte Braunbär wurde in Bayern 1835 erlegt, der letzte Biber 1867, der letzte Wolf 1882 und der letzte Luchs 1897; im Jahr 1850 brütete hier das letzte Seeadler-Paar.

Ernüchternde Rückkehr
Über hundert Jahre später waren in der Bevölkerung die Aufmerksamkeit für die Natur und der Wunsch nach einer intakten Umwelt soweit gediehen, dass man einzelne heimkehrende Wildtiere nicht mehr ungeniert abknallen konnte. So fassten einzelne Arten wieder Fuß in Österreich und Bayern – teils durch natürliche Zuwanderung, teils auch durch gezielte Ansiedelungsprojekte. Die Ökosysteme aber, welche diese Exilanten nach ihrer langen Abwesenheit vorfanden, hatten sich drastisch verändert, ebenso wie ihre ursprünglichen Lebensräume. Grund genug, diesen Mitgeschöpfen, die es in ihrer von uns nahezu unbewohnbar gemachten Heimat ohnehin nicht leicht haben, besonderen Schutz zukommen zu lassen. Praktisch alle Wildtierarten, welche zumindest in Ansätzen seit zehn bis zwanzig Jahren wieder bei uns vorkommen, sind sowohl nach internationalen Artenschutzabkommen als auch nach Unionsrecht und nationalen Naturschutzbestimmungen das ganze Jahr über absolut geschützt.
Das natürliche Anwachsen bestandsichernder Populationsgrößen schreitet dennoch äußerst mühsam voran. Große zusammenhängende Waldgebiete gibt es nur noch wenige, und selbst die sind von Straßen zerschnitten. Bei natürlichen Reviergrößen von einigen hundert Quadratkilometern für einzelne Bären, Wölfe oder Luchse sind Bewegung und Wanderung unerlässlich. Kein Wunder also, dass etliche Wölfe, Luchse aber auch Biber und Fischottern dem Straßenverkehr zum Opfer fallen. Dazu kommt eine beachtliche Dunkelziffer illegaler Entnahmen mittels Falle oder Abschuss durch skrupellose Trophäenjäger und radikale Landwirte. Ein natürlicher Bestandsaufbau ist den großen Beutegreifern bei uns trotz Artenschutz folglich nicht möglich.

Warten auf ein Bleiberecht
Der Europäische Braunbär (Ursus arctos) ist nach dem Abschuss von Bruno vor zwölf Jahren nicht mehr nach Bayern zurückgekehrt; in Österreich lebte vor zwei Jahrzehnten im Ötschergebiet eine Familie von bis zu dreißig Bären, heute verirren sich nur noch einzelne Wanderer aus Slowenien oder Italien über die Grenze. Da wie dort wurde inzwischen ein profundes Bärenmanagement entwickelt, um ein dilettantisches, weil panikgesteuertes Vorgehen wie bei Bruno nicht zu wiederholen. Schließlich kann angesichts der in ganz Europa lebenden 17.000 Braunbären kaum jemand ernsthaft behaupten, dass ein Zusammenleben mit den scheuen Großtieren nicht möglich wäre.
Der Wolf (Canis lupus) schafft es ansatzweise noch am ehesten, seine ursprünglichen Reviere zurückzuerobern. In Österreich kam der erste Nachwuchs in freier Wildbahn 2016 in Allensteig zur Welt und Bayern verzeichnete die erste Rudelbildung im vergangenen Jahr. Darüber hinaus stehen die Wolfsbestände im marginal einstelligen Bereich in erstaunlichem Gegensatz zur öffentlich betriebenen Wolfshysterie. Ähnlich schwach vertreten sind der Eurasische Luchs (Lynx lynx) mit etwa 50 Exemplaren in Bayern und nicht einmal zwanzig in Österreich und die Wildkatze (Felis silvestris), von der zurzeit nur in Bayern ca. 700 Tiere registriert sind. Die großen Beutegreifer bräuchten jedenfalls deutlich mächtigere Populationen – Wolf und Luchs jeweils mehrere hundert Tiere, der Bär wohl etwas weniger –, um bei uns wieder dauerhaft überleben zu können.
Erfolgreicher haben dagegen Biber und Fischotter wieder nach Hause gefunden. Seit der ersten Wiederansiedelung vor 50 Jahren ist der Bestand an Bibern (Castor fiber) in Österreich auf über 6.000 – etwa 150 davon in Salzburg – angewachsen, in Bayern sogar auf 20.000; durch Renaturierung von Flussläufen betreibt der Biber aktiven Naturschutz. Bescheidener hält der Eurasische Fischotter (Lutra lutra) bei bis zu 200 Exemplaren in Bayern und geschätzten 1.500 in Österreich. Sein Vorkommen deutet auf saubere Gewässer und ein funktionierendes Ökosystem hin. Der Seeadler (Haliaeetus albicilla) ist nach erfolgreicher Wiederansiedelung in Bayern mit 19 Paaren heimisch; Österreich zählt aktuell 30 Brutpaare seines Wappentieres. Der Uhu (Bubo bubo), wie der Fischotter bei uns um 1970 beinahe ausgestorben, hat sich mit aktuell 350 Paaren in Bayern inzwischen wieder etwas erholt. Zuletzt geht seine Reproduktionsrate aber drastisch zurück, weil das Klettern in jeder erklimmbaren Felswand die Brut der scheuen Nachtvögel erheblich stört.

Böser, böser Wolf?
Die größte, wenngleich oft verzerrte Aufmerksamkeit unter den Heimkehrern genießt der Wolf: So soll er angeblich extra angesiedelt worden sein, ist aber aus den üppigen Vorkommen in der Nachbarschaft aus eigenen Stücken zugewandert – und wird sich daran auch weiterhin nicht hindern lassen. Außerdem soll der böse Isegrimm Kinder oder Touristen gefährden; warum bloß wurde dann seit vierzig Jahren von den 15.000 Wölfen in ganz Europa nicht ein Mensch getötet noch schwer verletzt? Nicht ein Fall ist bekannt! Und schließlich soll uns der gierige Räuber unseren gesamten Nutztierbestand zusammenfressen; gerade einmal 0,8 Prozent der Nahrung des frei lebenden Wolfes entfallen auf Nutztiere, ergab eine große Studie an Kotproben von deutschen Wölfen! Zugegeben: Leicht zugängliche und unvorsichtige Schafe auf verstreuten hochalpinen Almweiden wird der Wolf natürlich der schnellen und scheuen Gämse vorziehen – solange er nicht eines Besseren belehrt wird. Die Schweiz zeigt seit Jahrzehnten vor, wie Herdenschutz mit gutem Willen und dem Zusammenwirken aller Beteiligten funktionieren kann!
Wenn nun einmal da und dort Vertreter unserer heimischen Wildtierarten wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren wollen, dann sind wir, die wir inzwischen eigennützig ihren Lebensraum besetzt oder zerstört haben, in der Verantwortung. Uns stellt sich nicht mehr die Frage „ob“, sondern vielmehr „wie“ wir unsere wilden Heimkehrer aufnehmen und ihnen die nötige Unterstützung für eine gedeihliche und nachhaltige Existenz zukommen lassen können. Jede Maßnahme in diese Richtung wird auch eine zur Absicherung bzw. Wiederherstellung eines funktionierenden Ökosystems sein!
 
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