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Salzachbrücke

Die unendliche Diesel-Geschichte

Um einzuordnen, worüber wir eigentlich bei der unendlichen Diesel-Diskussion reden, ein Vergleich: In Büroräumen sind die von der EU erlaubten Grenzwerte für Stickstoffdioxid fast um das 24-fache (!) höher als in freier Wildbahn, also in unseren Innenstädten. Da wiehert der Amtsschimmel und versetzt unsereins in ungläubiges Staunen; zu den Grenzwerten später mehr.
Schauplatzwechsel: Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) e.V. ist ein nicht-politischer, unabhängiger Verein zum Verbraucherschutz. Dieser Verein hat jüngst Pressemeldungen veröffentlicht, über die man ebenfalls staunen kann.

Lasche Grenzwerte schaden vor allem Kindern
Aktueller Anlass zum Kopfkratzen sind die Ergebnisse der bundesweiten Sommer-Messaktion. Dabei hat die DUH den Schadstoff Stickstoffdioxid auch an Orten gemessen, an denen es keine „amtlichen verkehrsnahen Messstationen“ gibt. Gearbeitet wurde mit sogenannten Passivsammlern, von denen je zwei Stück an jeder Messstelle über vier Wochen hinweg NO2 „gesammelt“ haben.
Dabei hat Bayern den europäischen NO2-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Atemluft an etlichen Orten überschritten. Wieviel ist das eigentlich? 40 µg sind 0,04 mg, also Tausendstel Gramm – klingt nach extrem wenig. Kurzer Vergleich mit Ozon: Ab dem Schwellenwert von 40 bis 50 µg/m3 können Sie Verbindungen dieses ebenfalls nicht unschädlichen Gases sogar schon riechen.
Zurück zu unseren Passivsammlern. Um die Werte vergleichbar zu machen, wurden diese in der offiziellen Messhöhe von 2,20 Metern über dem Boden aufgehängt. Mit dabei unter den unrühmlichen Messergebnissen der DUH sind Trostberg mit 50,3 µg/m3 und das eingangs erwähnte Laufen mit 42,4 µg/m3 – natürlich geht es wieder einmal um die Schloßstraße mit ihrem hohen Verkehrsaufkommen von bis zu 12.000 motorbetriebenen Fahrzeugen täglich.
Freilich atmen in der Messhöhe von über zwei Metern nur wenige Menschen. Erfahrungsgemäß ist zudem in jener Höhe über dem Boden, wo Kinder unterwegs sind, die Schadstoffkonzentration besonders hoch. Fragt man einen Arzt nach der Einordnung solcher Werte und Grenzwerte, tritt ein weiterer Aspekt zutage: Der Mediziner weiß, dass Kinder eine deutlich höhere Atemfrequenz haben als Erwachsene, das heißt, sie atmen statt 20 Mal bis zu 40 Mal pro Minute ein und aus.
Bei Bewegung erhöht sich die Atemfrequenz zusätzlich. Die empfindlichen Kinderlungen und Bronchien bekommen also doppelt soviel belastete Luft serviert. Viele Ärzte sehen auch im EU-Grenzwert ein Problem, denn bereits ab 20 µg/m3 Stickstoffdioxid-Konzentration seien Gesundheitsschäden vor allem bei Kindern, Älteren und Schwangeren möglich.

Offizielle Messlage: Wer misst, misst Mist?
Wussten Sie, dass es in Deutschland 250 Messstationen für Stickoxidwerte gibt und in Griechenland nur neun? Kurios für Nicht-Griechenland-Kenner, liegt diesem Umstand eine simple Ursache zugrunde: Erst seit ein paar Jahren sind Dieselfahrzeuge dort überhaupt für den privaten Gebrauch erlaubt.
Was in Deutschland erst beginnt, heißt es in Großstädten wie Athen ohnehin: Dieselfahrverbot für Privatfahrzeuge! Außerdem gelten in der verkehrstechnisch hoch belasteten Stadt bereits seit den 80er Jahren immer wieder Fahrverbote. Busse und Taxis, die vor allem mit Dieselmotoren angetrieben werden, verkehren fröhlich weiterhin – durchaus paradox. So auch die Lage mitten im heißesten Sommer.
Vorsicht ist geboten, wenn griechische Medien etwas Schlimmes verkünden, denn im Gegensatz zur ernsthaft-deutschen Berichterstattung wird hier gern übertrieben und Panik gemacht. Jedoch ist ebenfalls typisch griechische Mentalität, im letzten Augenblick zurückzurudern: Alles nicht so schlimm, trinken wir einen Ouzo drauf!
Eine dpa-Umfrage hat kürzlich ergeben, dass verschiedene Hauptstädte der westlichen EU schon recht lange eingeschränkte Fahrerlaubnis für Dieselfahrzeuge durchführen. Im beliebten Urlaubsland Spanien etwa galt das erste Fahrverbot bereits vor über einem Jahr. Und Italien? Für das „ewige Rom“ braucht man sowieso eine eigene Erlaubnis für die Fahrt ins Zentrum.

Gleiche Schadstoffemission:
750 Mio. Autos, 15 Dieselschiffe
Im Gespräch sind Fahrverbote auch in weiteren Ländern wie Schweden, Finnland und Norwegen, aber auch in Frankreich – zumindest für die Hauptstädte diskutiert man, Dieselfahrzeuge oder sogar generell Autos mit Verbrennungsmotoren über kurz oder lang völlig aus dem Stadtkern zu verbannen.
Jedes Land misst dabei die Schadstoffe nach eigenem Gutdünken – und was schon jeder Handwerkerlehrling weiß, beweist sich wieder: Wer viel misst, misst viel Mist. Wobei wir im SALZACHbrücken-Land trotz hoher Verkehrsbelastung an Knotenpunkten im Vergleich wieder nicht so übel abschneiden, blickt man etwa auf die Fährhäfen im Norden Deutschlands. Hier werden Werte von fast 100 µg/m3  gemessen.
Kein Wunder, laufen die Diesel-Transportschiffe der Welt schließlich mit Schweröl, das extrem schadstoffreich verbrennt. Diese Schiffe liefern uns noch eine Zahl, mit der man die Diskussion in einen großen Rahmen einbetten und Kinnladen nach unten klappen lassen kann: Allein die 15 größten dieser Schiffe stoßen so viele Schadstoffe aus wie 750 Millionen Autos. Errechnet vom Naturschutzbund Deutschland in einer Studie.

Das Land der Seligen
Nun wissen wir natürlich, dass es in der Diesel-Diskussion nicht um den gesamten Schadstoff-Ausstoß der Erde geht, sondern um die lokal schlechte Luft besonders zu Wetterlagen mit wenig Luftbewegung am Boden.
Dass hier in den Innenstädten Handlungsbedarf besteht, sollte auch ohne Messwerte klar sein: Brennende Augen, gereizte Schleimhäute und Husten sind allgegenwärtig, aber keineswegs normal.
Wir blicken auf die österreichische Seite der Salzach: Böse Zungen sagen Österreich gern nach, zehn Jahre hinter Deutschland herzuhinken – etwas mag dran sein, was sich aber nicht grundsätzlich nachteilig auswirken muss.
So auch bei den Diesel-Fahrverboten, denn die sind in Österreich noch nicht geplant.
Im Gegenteil, mit seinem vergleichsweise hohen Dieselmotor-Anteil würde sich das Land damit selbst ins Knie schießen; so sieht das auch die Umweltministerin Elisabeth Köstinger, die weder die steuerliche Begünstigung von Dieseln ändern will noch mit Fahrverboten liebäugelt.
Man will stattdessen öffentliche Verkehrsmittel attraktiver machen und ebenso die Elektromobilität fördern. Anreize statt Verbote.
Wir, die in der grenznahen SALZACHbrücken-Region wohnen, können künftig jedenfalls direkt beobachten, welche politischen Maßnahmen links bzw. rechts der Salzach langfristig für bessere Luftqualität und weniger Stickstoffdioxide sorgen.
 
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