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Salzachbrücke

Liebling, ich habe die Schadstoffe geschrumpft!

Eigentlich ist es überhaupt kein Skandal. Vom griechischen Wort „skandalon“ abgeleitet bedeutet Skandal „Fallstrick, Anstoß, Ärgernis“. Nun, ärgern kann man sich als Dieselfahrer jetzt durchaus, aber in Wirklichkeit ist es Betrug. Und zwar im ganz großen Stil. Das ist Mist, aber auch ein Vorteil. Denn mit Betrug befassen sich Anwälte und Gerichte, da lässt sich also etwas machen. Aber der Reihe nach.
Schon im Jahr 2009 war in zahlreichen Tests erwiesen und öffentlich bekannt gemacht, dass Autos mehr verbrauchen, als im Prospekt steht. Der vorgeschriebene, jedoch völlig realitätsferne EU-Fahrzyklus für Neuwägen hat damals Verbrauchswerte ergeben, die laut ADAC im Schnitt um bis zu 25 % unter der Realität lagen, Einzeltests haben sogar über 60 % Mehrverbrauch ergeben.

Grenzwertige Lachnummer: „Neu ist sauberer“
Mehr Kraftstoffverbrauch bedeutet auch mehr Schadstoffausstoß. Erst wurde im Namen des Klimawandels die „Sau“ Kohlendioxid durchs Dorf getrieben, nun sind es im Namen der sauberen Luft die Stickoxide. Fakt ist: Jedes Auto mit Verbrennungsmotor, ob alt oder neu, stößt Schadstoffe aus. Alles andere sind Märchen der Marketingleute. Wie diese Schadstoffe dann im Auspufftrakt nachbehandelt werden, macht das Ganze eigentlich erst interessant. Denn davon hängt es vor allem ab, was am Ende rauskommt.
Ein Wort zu Grenzwerten: Drüber oder drunter, das ist zurzeit die große Frage. Natürlich ist es sinnvoll, gesetzliche Vorgaben einzuhalten – aber: Der Eindruck entsteht, wenn die Grenzwerte eingehalten werden, können wir wieder zur Tagesordnung übergehen, denn dann ist ja alles in Butter.
Vom Gesetz her mag das so sein, trotzdem stoßen alle Auspuffe immer noch mehr oder weniger große Reste der Verbrennungsgase aus, und bis die Forscher keine 100-Prozent-Abgasreinigung erfunden haben, bleibt das so. Von wegen, „neu ist sauberer“ – wie schnell sich ein Werbespruch selbst ad absurdum führt, konnten wir alle in den letzten Monaten beobachten.
Grenzwerte für Schadstoffe – dieser Begriff ist ja an sich schon ein Oxymoron, also ein Widerspruch in sich. Denn wenn etwas schädlich ist, sollte es ja überhaupt nicht rausgepustet werden dürfen. Pikantes am Rande: Blickt man einmal in die Gremien der EU, so entdeckt man alle wichtigen Hersteller der Industrie, den Branchenverband VDA und viele mehr.
So stellen professionelle Lobby-Beobachter und Verbraucherschützer etwa fest, dass die Expertenrunden der EU-Kommissionen zum größten Teil von Lobbyisten der Unternehmen besetzt sind, die dort nach ihrem eigenen besten Interesse die Gesetzgebung mitbestimmen. Soviel zum wirklich grenzwertigen Sinn dieser „Grenzwerte“.

Stichwort: Stickoxide
Ob unter oder über dem Grenzwert: Stickoxide sind gesundheitsschädlich. Mit ganzem Namen heißen sie Stickstoffoxide und sind gasförmige Verbindungen aus Stickstoff-Atomen mit Sauerstoff-Atomen. In der Natur kommen Stickoxide fast nicht vor, denn sie sind Verbrennungsprodukte. Aber: Das Auto ist nur an Teilen der bodennahen Stickoxide schuld, Hauptverursacher der Gesamtstickoxide sind Kohlekraftwerke, Schiffsdiesel, Gaskraftwerke, Industrie, Holzöfen. Weil Stickoxide sich alleine einsam fühlen, verbinden sie sich gern mit Kohlenwasserstoffen. So entsteht eine nette kleine Schadstoff-Familie von Ozon, Feinstaub und anderen schädlichen Verbindungen. 
Gesundheitsschädlich sind Stickoxide deshalb, weil sie den Lungen und Bronchien Probleme bereiten, die Schleimhäute von Atemwegen und Augen reizen und letzlich gut im Blut verteilt für Herz-Kreislauf-Krankheiten sorgen. Zu allem Überfluss sind die Stickoxide auch für Pflanzen schädlich, ihre Blätter werden gelb, sie wachsen schlecht, unter anderem auch aufgrund der durch Stickstoffdioxid übersäuerten Böden.

So wird‘s gemacht: Das intelligente Schummelchen
Ein besonders gutes Beispiel, wie das Schummeln in Bezug auf Stickoxide eigentlich gemacht wird, möchten wir Ihnen darlegen, im Sinne von „wie konnte das nur passieren?“ Dabei ist der genannte Hersteller nur einer von vielen.
Die Forscher tüfteln an „intelligenten“ Autos, die dem Fahrer mehr und mehr seinen Job abnehmen. Und in diesem Feiereifer denken sie ungern an Risiken und Nebenwirkungen. Die gibt es aber, wie bei allem, was Menschen machen. Denn jede Maschine ist nur so intelligent wie der Mensch, der sie programmiert hat – und es wird auf dieser Welt immer jemanden geben, der noch ein bisschen intelligenter ist und die Maschine durchschaut.
Einer dieser Supergescheiten ist zum Beispiel der Porsche Cayenne 3-Liter-Diesel mit 262 PS. Den haben sich vor kurzem die Zeitschrift Spiegel und der TÜV Nord vorgeknöpft. Dafür hat ein findiger Programmierer eine Software geschrieben, die entlarvt, ob das Auto im Test- oder im Straßenmodus läuft.
Tag eins, Standardtest am Prüfstand. Stickoxid-Ergebnis: 48,56 mg/km (80 mg/km ist dabei der Grenzwert). Somit erfüllt das Auto die Zulassungskriterien nicht nur, sondern hätte noch gut Luft nach oben. Aber: Das Auto hat gemerkt, dass es am Prüfstand steht, es verlässt keine Sekunde lang den Testmodus.
Tag zwei: Um dem Auto weiszumachen, dass es sich auf der Straße befindet, wird der Wagen etwas hochgebockt, man überlistet damit die intelligente Federung. Das Ganze muss recht schnell gehen, sonst schaltet der Cayenne wieder in den Ursprungsmodus zurück. Er ist schließlich nicht blöd.
Resultat: Wie der Laptop zeigt, ist der Cayenne nun kontinuierlich im normalen Fahrmodus. Die Messung ergibt einen Stickoxid-Ausstoß von 134 mg/km. Fast dreimal so viel wie vorher. Da ist auch der TÜV-Mann baff.
Spezialtrick: Die „normale“ Schummelei sitzt im Motorsteuergerät, das zwischen Test- und Straßenmodus umschalten kann. Hier ist das Motorsteuergerät „sauber“, aber das Automatikgetriebe-Steuerkästchen hat es in sich. Das Getriebe schaltet im Straßenmodus so, dass es dem Fahrer richtig Spaß macht. Nach ihm die Sintflut, oder vielmehr die Stickoxidfahne.  

Trick 17: Re-Import versus Zulassungsverbot
In Deutschland und Österreich haben nun die jeweiligen Verkehrsminister aus exakt diesem Grund einen Zulassungsstopp für die Schummelchen verhängt. Statt aus der Misere zu lernen, sich reumütig zu zeigen und die Fahrzeuge mit neuer Getriebe-Software auszustatten, wird schamlos weitergetrickst, so unglaublich es klingt.
In Amerika stehen die Cayenne derzeit ja auch nur rum, also schippert man die Dicken grob geschätzt 10.000 Kilometer übers Meer nach Litauen. Dort werden sie regulär angemeldet. Und wieder abgemeldet. Und dann? Ganz legal als Re-Import hier bei uns verkauft. Mit einem gigantischen Transport-CO2-Rucksack.
Szenenwechsel: Sommer 2017, irgendwo in Colorado Springs, atemberaubender Blick auf die Rocky Mountains. Hier glänzen tausende fast fabrikneue, von VW zurückgekaufte Dieselautos in der Sonne. Gemeinsame Gene: die Abgas-Schummelsoftware. Bewegen dürfen sich die Autos erst wieder, wenn sie nachgerüstet sind. Interessantes Detail: Obwohl der Diesel-Skandal in den USA so hochgekocht ist, fahren dort nur 3 % aller Autos überhaupt mit Diesel.

„Wundermittel“ Adblue
Klartext: Der Diesel kann effizient, und er kann auch sauber. Der Reihe nach: Dieselmotoren stoßen weniger CO2 aus als Benziner, statt etwa 15 Volumenprozent nur 12 Volumenprozent, dabei muss man noch den meist deutlich geringeren Kraftstoffverbrauch zu Diesels Gunsten einbeziehen. Darum hat man den Kunden Dieselmotoren vor dem Hintergrund des Klimawandels in den vergangenen Jahren erfolgreich als gute Lösung verkauft.
Stimmt ja theoretisch, wären da nicht die Stickoxide (siehe Kasten). Denn davon gibt’s beim Diesel leider viele, bei den Schummelchen bekanntlich noch mehr. Eigentlich hatten wir die Zauberlösung schon in der Hand: Adblue nennt sich das Zeug, eine klebrige, dafür aber ungiftige und geruchlose Mischung aus etwa einem Drittel Harnstoff und zwei Dritteln demineralisiertem Wasser.
Im Grunde ist die Funktionsweise so einfach wie genial: Ein Dosierventil spritzt je nachdem, wieviel Gas der Fahrer vorher gegeben hat, die nötige Menge Adblue direkt ins Abgasrohr ein – im SCR-Katalysator wird die gewünschte chemische Reaktion beschleunigt, von den Stickoxiden bleibt nur Wasserdampf und ziemlich viel Stickstoff. Aus letzterem besteht auch der größte Teil unserer Umgebungsluft. Lkw fahren übrigens schon recht lange, und ohne großes Aufheben darum zu machen, erfolgreich mit SCR-Katalysatoren und Adblue.
Doch lauert schon wieder ein für die Autokonzerne schier unlösbares Problem hinter dem Einfülldeckelchen: Der Tank für das Additiv war bei etlichen Autos, die das System nutzen, zu klein dimensioniert. Denn das Ganze klappt wie meistens in der Technik nur dann reibungslos, wenn alle Einzelkomponenten so gut wie möglich aufeinander abgestimmt sind.
Um die Abgase zum allergrößten Teil sauber zu bekommen, braucht das Dieselfahrzeug pro 100 Liter Kraftstoff etwa vier bis sechs Liter Additiv. Das heißt, der Kunde muss relativ oft nachfüllen. Unzumutbar, sagte sich die Autoindustrie, besser ist, wenn am Prüfstand ordentlich geklotzt wird mit dem Zeug, dann kann es im normalen Fahrbetrieb ja kleckern. Nachfüllen braucht man dann fast nie. Fast genial, nur leider schon wieder ein Betrug, am Kunden, an der Umwelt, an unser aller Gesundheit.

Link-Tipp: CO2-Rechner des Spiegel
In 16 Jahren, in 65 Jahren oder gar überhaupt nie – das ist zum Beispiel die Zeitspanne, in der sich ein fabrikneues Auto gegenüber einem noch funktionierenden älteren Auto für die Umwelt rechnet. Elektroautos inbegriffen. 
Das behauptet jedenfalls der Online-CO2-Rechner, den der Spiegel vor kurzem präsentiert hat. Berücksichtigt sind dabei die realen CO2-Ausstoßwerte sowie CO2-Äquivalente von der Wiege bis zur Bahre, sprich von der Produktion bis zur Verwertung. 
Probieren Sie es einfach mal selbst aus: http://www.spiegel.de/auto/aktuell/auto-kauf-berechnen-sie-die-klima-bilanz-ihres-neuwagens-a-1066558.html

Ohne Update kein Pickerl
Für viele Dieselmodelle gibt’s ja jetzt Software-Updates. Die bringen aber die Fahrzeughalter in eine Zwickmühle: Wer garantiert, dass die neue Software keine technischen Probleme nach sich zieht oder den Anspruch auf Schadensersatz zunichte macht? Der ADAC gibt zumindest beim letzten Punkt Entwarnung. Es zählt das Kaufdatum des neuen Autos und dass zu diesem Zeitpunkt für ein manipuliertes Fahrzeug zu viel Geld bezahlt wurde.
Punkt zwei: Lasse ich mein Auto nicht updaten, bekomme ich den nächsten TÜV bzw. das nächste Pickerl nicht mehr. In Deutschland fordert das Kraftfahrtbundesamt (KBA) die betroffenen Halter zum Umrüsten in der Werkstatt auf. Sollten alle Fristen verstreichen, wird das Auto stillgelegt, inklusive Gebühren.
Nach allem, was wir wissen, wären neben Software- auch Hardware-Nachrüstungen für bereits auf den Straßen fahrende Selbstzünder aus Sicht der Umwelt, der Verbraucher und auch der Wirtschaftlichkeit das einzig Sinnvolle. Freilich müsste man dafür eventuell etwas Stauraum opfern, um den Kat, den Adblue-Tank und seine Verschlauchung unterzubringen.
Nachrüstlösungen statt Fahrverbote
Auch wenn viele Politiker und andere Ahnungslose derzeit behaupten, dass Hardware-Nachrüstungen mit Adblue-System nicht oder nur schwer möglich seien: Gehen tut es, man muss nur wollen. Spätestens, wenn tausende Schummelchen niemand mehr haben will, werden findige Köpfe Nachrüstlösungen entwickeln. Man erinnere sich nur an die Euro2-Nachrüstsätze für Benzinmotoren in den 90er Jahren.
Viele denken jetzt freilich auch ans Verschrotten des Autos: Doch bevor die Eurozeichen einer angebotenen Abwrackprämie den Blick vollends trüben, ist bitte einmal der Hausverstand einzuschalten. Wie sinnvoll kann es sein, ein relativ neues Fahrzeug zu verschrotten und ein noch neueres, möglicherweise ähnlich fehlerhaftes zu kaufen, nur weil die Hersteller mit mehreren Tausend Euro winken?
Natürlich wollen und müssen viele, die etwa beruflich auf ihr Dieselfahrzeug angewiesen sind, weiterhin überall hinfahren können – auch in die sogenannten „Umweltzonen“. Jedoch ausgerechnet für die Umwelt, die wie immer schweigend leidet, heißen solche hysterischen Abwrackprämien-Aktionen nichts Gutes. Denn jedes weitere produzierte Fahrzeug bedeutet noch mehr CO2-Ausstoß durch Produktion und, je nach Fabrikat, weite Lieferwege bis zum Endkunden. Das Verschrotten sorgt nochmal für ordentlich CO2-Produktion.
Ein Mantra gibt es wohl seit Beginn der industriellen Revolution: „Neu ist besser“. Sicherlich stimmt das in manchen Bereichen. Genauso sicher aber ist das Gegenteil der Fall, wenn manche Euro-6-Diesel plötzlich ein Vielfaches an Schadstoffen in die Luft pusten wie ihre Vorgänger, die Euro-5-Selbstzünder.
Bei den Fahrverboten in Großstädten, die vielen Diesel-Lenkern derzeit Panik machen, geht es ja darum, die Luft direkt in den Straßen sauberer zu bekommen. Dummerweise kann man sich nun nicht, wie gedacht, an die Euro-Normen halten, denn da sind ältere Autos oftmals sauberer als neuere. Ganz nebenbei machen die richtig alten Diesel ohne jegliche Abgasnachbereitung am allerwenigsten Feinstaubprobleme – da ploppen eher Briketts aus dem Auspuff. Schwarz-wolkig, ruß-batzig, definitiv nicht bronchiengängig.

Nicht jammern, klagen!
Es lohnt sich für Fahrer von Schummel-Dieseln übrigens, die Nachrichten genau zu beobachten und sich bei den Autoclubs ÖAMTC und ADAC sowie auch auf den Webseiten der Autohersteller auf dem Laufenden zu halten. Zahlreiche Einzelklagen waren bereits erfolgreich, sowohl gegen Konzerne als auch gegen Autohäuser. Wichtig: Wegen der Verjährung sollte man noch im Jahr 2017 handeln.
In Österreich könnte den Konzernen übrigens noch eine ganz andere Hausnummer blühen: Hier gibt es im Gegensatz zu Deutschland schon seit ein paar Jahrzehnten einen Straftatbestand namens „vorsätzliche Beeinträchtigung der Umwelt“. Einem bereits laufenden Sammelstrafverfahren des Vereins für Konsumenteninformation in Wien kann man sich noch anschließen.
Auch direkt gegen einen bestimmten Autohersteller haben Gerichte schon im Sinne einzelner Verbraucher entschieden: Diese können nun entweder vom Konzern den vollen Kaufpreis zurückbekommen, oder, wer sein Schummelchen liebgewonnen hat, behält es und bekommt vom Hersteller den Minderwert erstattet. „Schummelnde“ Autos konnten nach Urteilen auch bei Markenhändlern zurückgegeben werden. Es lohnt also, sich zu informieren und das Autohaus seines – hoffentlich noch – Vertrauens auf Möglichkeiten anzusprechen.

Mündige Verbraucher und geschrumpfte Autos
Wie immer, und das ist vielleicht so etwas wie ein Mantra Ihrer SALZACHbrücke-Redakteurin, hat es der mündige Verbraucher in der Hand, wohin die Reise geht. Wenn der Kunde sagt, unsere Umwelt und unsere Atemluft sind wichtiger als eine potenziell bewusstseinserweiternde Fahrperformance und auch danach handelt, geht’s ganz schnell mit sauberen Autos. Da gibt es nämlich den uralten Trick von „kaufen“ bzw. „nicht kaufen“.
Und falls alle Stricke reißen, könnte eine hübsche Lösung auch sein, wie im Kinofilm „Downsizing“ einfach alle Menschen auf rund zwölf Zentimeter zu schrumpfen. Schrumpft man Fabriken, Häuser und Autos gleich mit, lösen sich Probleme wie Luftschadstoffe oder Platzmangel wegen Überbevölkerung quasi im Handumdrehen. Wenn’s nur so leicht wär’ wie in Hollywood.
 
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