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Salzachbrücke

Mit dem Fiesta in die Sahara

Er steht in der Wüste. Böiger Wind weht, er blickt rund um sich, und ein kleines bisschen macht sich Enttäuschung in Stefan Poerschke breit: „Ich wollte einmal mit meinem 30 Jahre alten Fiesta in der Sahara stehen, aber es war dann eigentlich viel unspektakulärer, als ich mir das gedacht hab. Den Sand hat es mir weggeregnet, vorher war es drei Monate lang schön.“ Südlichster Reisezielpunkt war die Provinz Es Semara.
Am ersehnten Ziel seiner Tour angelangt, die Sahara unter ihm, vor ihm, hinter ihm, um ihn herum spürt er, das Ziel ist nicht das Wesentliche dieser Reise. Die bleibenden Eindrücke liegen am Wegesrand.
Wie Sie schon von der Nordkap-Tour wissen, sind Stefan Poerschke und sein roter Ford Fiesta ein unschlagbares Team. Diesmal hat sein treues Gefährt unseren Reiselustigen durch 13 Länder gefahren, dabei 11.890 Kilometer zurückgelegt und insgesamt 1.023 Liter Benzin gebraucht.
Eigentlich, so gibt Stefan zu, hat er bei Literpreisen von 1,50 bis 2,10 Euro sein ganzes Reisebudget nur für Sprit ausgegeben. Auch diesmal hat er sich sponsern lassen und fährt nun ein ganzes Jahr mit den Werbeaufklebern durch die Lande – wenn Sie ihn fahren sehen, werden Sie auch Aufkleber Ihrer SALZACHbrücke auf dem kleinen roten Fiesta entdecken.

Ungeplant und doch durchdacht
Geplant war die Wüsten-Rallye zunächst nicht. Ein Freund hat ihn nach der Nordkap-Reise aufgezogen: „Jetzt warst schon da oben, jetzt kannst in die andere Richtung auch fahren.“ Und so war die Idee geboren.
Technisch hat Poerschke sein Auto mit einer Höherlegung des Fahrwerks ausgestattet, stärkere Federn und spezielle Stoßdämpfer machten aus dem Kleinwagen optisch ein SUV. Unter die Ölwanne kam ein Unterfahrschutz aus Aluminium, um bei Schlaglöchern und Steinen die Motorenteile von unten her zu schützen.
Getestet hat Stefan Poerschke diesmal unter anderem eine angeblich wasserdichte Reisetasche, natürlich hat er die auf den Dachträger geschnallt. Nach einem Regenguss in Marrakesch war alles komplett nass – auch seine gesamte Kleidung. Insgesamt, sagt er, hat er wegen der nassen Kälte deutlich mehr gefroren als auf der Nordkap-Reise, und kam schließlich auch mit einer ausgewachsenen Erkältung nach Hause. Darum lautet sein nächstes Ziel: „Standheizung einbauen!“
Übernachtet wurde diesmal vor allem auf Campingplätzen, und da war von sauber und wunderschön (Le Relais, Marrakesch) bis hin zu einer Art Geisterstadt mit halb zerfallenen Bungalows und schimmeligen Sanitäranlagen (Camping Mimosa, Mohammedia) alles dabei, Schlafgemach mit eingewachsenem Baum inklusive.
Natürlich waren genügend Adventure-Food-Packungen an Bord, aber wer Länder und Sitten wirklich erleben will, der isst lokale Spezialitäten. Besonders geschmeckt hat Poerschke in Marrakesch eine Tajine, das ist ein nordafrikanisches Gericht im Tontopf, in den je nach Rezept die unterschiedlichsten Zutaten hineinkommen. Am Ende ist es eigentlich nur noch ein gemischter Matsch, erzählt er, „aber super lecker!“

Mit dem Fiesta ins Casino Monte-Carlo
Auf der Hinreise kann Stefan Poerschke natürlich nicht durch den zweitkleinsten Staat der Erde an der Côte d’Azur fahren, ohne das Casino von Monaco gesehen zu haben. Und so hat unser Fiestafahrer einfach mal „versehentlich“ den Schlenker in Richtung des Stadtteils Monte-Carlo gemacht. Man kann sich ja mal verfransen. So jedenfalls hat er den Polizisten gegenüber argumentiert, die ihm die Weiterfahrt verwehrt haben.
Zweimal kam er an eine Sperre und fragte naiv: „Wo geht‘s denn da hin, darf ich da rauffahren?“ Eisenhart war die Antwort: „Keine Chance, das Casino will das nicht. Die Auffahrt ist nur für Spieler und Hotelgäste mit dementsprechenden Autos erlaubt.“
Auch den zweiten Polizisten belagerte er mit seinem Anliegen: „Bitte darf ich durch, nur für ein Foto mit meinem Auto vorm Casino?“ und fragte nach der neuerlichen Absage schließlich bescheiden: „Nur vorbeifahren?“ – „Nein, das geht nicht... aber was machst du eigentlich mit dem Auto?“ – „Nach Afrika fahren.“ – „Ah, Export?“ – „Nein, das Auto kommt wieder mit heim.“ – „Für einen guten Zweck?“ – „Nein, nur für mich.“ – „Das ist schon cool...“ Und der Polizist überlegt einen Augenblick, spricht nochmals ins Funkgerät. Und gibt endlich sein Okay.
Stefan fährt mit einem breiten Grinsen los, freilich nicht alleine: „Vor mir ein blauer Lamborghini, hinter mir ein roter Ferrari, in der Mitte der Fiesta!“ Foto konnte er keines machen, aber er ist überzeugt, dass im Internet bald welche auftauchen, denn bei den Touristen klappten die Kinnladen herunter und die Fotoapparate klickten. „Ich hab mi gefühlt wie ein Star“, gibt Stefan unumwunden zu.

Radlager für den einzigen Ford Fiesta in Marokko
Wie unser Vielfahrer feststellen durfte, kennt man Ford und Fiesta in Marokko praktisch nicht – französische Marken mit weicher Federung sind beliebt. „Wenn du zu einer Werkstatt hinfährst und nach einem Teil fragst für den Fiesta, lachen sie dich aus, da stehen wie bei uns nur neue Schlitten“, sagt Stefan Poerschke.
Warum er überhaupt zu einer Werkstatt musste? Er hat einen Splint gebraucht zum Sichern des hinteren Radlagers – und das kam so: Beim Herunterrollen von der Fähre in Marokko hat er es schon gehört, noch vor der ersten Sandberührung, dass da was rumpelt. Erst einmal weiterfahren auf den rauen, griffigen Straßen, die alles in allem sehr gut sind, nur „…wennst ein Schlagloch erwischst, versinkt das ganze Auto drin.“
Auf dem anvisierten Campingplatz in Casa Blanca hat er nachgeschaut und festgestellt, das rechte hintere Radlager hat Spiel. Und weil er zwei Sätze dabei hatte, war ein Radlagertausch kein Problem. Dumm nur, wenn man die falsche Seite tauscht – und das Radlager völlig spielfrei verschraubt. Am nächsten Tag bekommt Poerschke die Quittung für die zu fest angezogene Zentralmutter: Nach fünf Minuten fängt es heftig zu brummen an.
Schmerzfrei und reiselustig fährt unser Fiestafreund einfach weiter: 1.100 Kilometer Westsahara und zurück. In Marrakesch, der Hauptstadt Marokkos, muss dann Hand angelegt werden. Schließlich durfte er beide hintere Radlager erneuern – teils hatte es bereits die Kugeln aus dem Lagerkäfig gedrückt und einer der Splinte war durch den Druck von innen bereits ausgerissen.
Inzwischen hat er auch in seinem schlauen Fiesta-Büchlein nachgelesen, dass hintere Radlager Spiel haben müssen und wie man dieses korrekt einstellt. Einzig fehlen ihm zwei Dinge: In der Werkstatt in Marrakesch, wo er nach viel Hin und Her Radlagerfett und eine Handvoll Splinte bekommt, wird er vermutlich für verrückt gehalten: „Mein Auto gibt‘s in Marokko gar nicht, Ford gibt‘s nicht, nur französische Autos.“ Die beiden Radlager sollten nicht die einzigen Teile bleiben, die mit lauten Geräuschen ihr baldiges Dahinscheiden ankündigten: Zwischen Marokko und Agadir fing eines der beiden Achswellengelenke so laut zu klackern an, dass er in jedem Kreisverkehr Angst hatte, liegenzubleiben.

Kommunikation:
Mehrsprachig, Hände, Füße und guter Wille
„Da drunten kann dir keiner weiterhelfen, die Ford-Händler lachen dich aus“, sagt Poerschke. „Ich bin dann einfach weitergefahren – wenn ich steh, dann steh ich, dann kann ich mir Gedanken machen, was ich mach. Es gibt keinen ADAC, keinen Abschlepper, wohl nur Kamelfunk oder so. Du kannst nur hoffen, wenn einer stehenbleibt, dass der halbwegs kapiert, dass du Hilfe brauchst.“
Mit seinen Englischkenntnissen kommt er nicht weit, die Landessprache neben Arabisch ist Französisch – beides in seinem eigenen Sprachschatz quasi nicht vorhanden. Dennoch: „Die Leut sind eine Schau, zu 90 Prozent positiv. Aber die Kinder musst du meiden. Wenn du stehenbleibst, kommen sie scharenweise und betteln, weil die Armut groß ist. Wenn du ihnen was gibst, gehen sie nicht weg, sondern wollen noch mehr und werden lästig, versuchen das Auto aufzumachen. Also: Türknöpfe runterdrücken und weiterfahren.“
Wie Poerschke immer wieder merkt, leben sehr arme, aber auch sehr reiche Menschen in Marokko. Er findet dennoch: „Marokko wird unterschätzt. Es ist eine komplett andere Kultur, bei mir hat es zwei Tage gedauert, bis ich mich darauf eingestellt hatte.“ Es seien nette, offene Menschen, auch in Marokko gelte ‚Leben und leben lassen‘, sagt der Reisende. Mit einer Mischung aus Englisch, Deutsch, minimal Französisch sowie Händen und Füßen funktionierte die Kommunikation prima.
„Grundsätzlich grüßt dort unten jeder, alle sind furchtbar freundlich, überall hört man ‚Bonjour, Monsieur‘, gegenüber Touristen sind sie noch freundlicher“, schwärmt Poerschke. Und in einem Gespräch hat er erfahren: „Die meisten Leut aus Marokko, die bei uns in Deutschland Schwierigkeiten machen, wollen die selbst nicht mehr zurück haben.“

Unterschiede zwischen Stadt und Land
Nach einer ziemlich unruhigen Nacht auf einem Lkw-Parkplatz wollte er sich in Agadir drei Orangen kaufen. Am Ende hatte er 20 Kilo im Fiesta – soviel zur Kommunikation. Der Orangenverkäufer gab ihm wild gestikulierend echte Rätsel auf: „Er hat immer auf den Fiesta gedeutet und drei Finger hochgehalten, bis wir irgendwann draufgekommen sind, dass er mich vor drei Tagen schon gesehen hat, wie ich in die Gegenrichtung gefahren bin.“
In Agadir selbst fand er es dreckig und laut mit seltsamen Leuten, am Land hat er sich aufgehoben und willkommen gefühlt. „Die Leute wünschen dir von Herzen Glück und dass du wieder gut heimkommst, aber sie verstehen absolut nicht, warum ich tausende Kilometer fahren kann, nur weil ich Lust dazu hab.“ Nachvollziehbar, denn ein Familienvater muss drei bis vier Dirham täglich verdienen, um die Familie zu ernähren. Das sind umgerechnet etwa 70 bis 90 Cent.
„Der Sprit dort ist sauteuer, das muss man sich erstmal leisten können. Der Bauer lebt von 30 Cent am Tag, der Städter rauscht mit dem Q7 herum“, beschreibt Poerschke die Schere zwischen Arm und Reich. Und: „Am Einheimischenmarkt kostet ein Paprika zwei Cent, im Supermarkt hast du wieder unsere Preise.“

„Reisen ist das Beste gegen Vorurteile“
Beeindruckend fand Stefan Poerschke die wechselnde Landschaft und vor allem die Natur, die ihm während der Fahrt einige Schauspiele bot. In Marokko und der Westsahara-Wüste zeigten sich ihm „trotz Regen hundert verschiedene Abstufungen von Ocker, blutrot bis tiefbraun, von einem Kilometer zum anderen, schichtweise in den Felsen.“
Befremdlich wäre für viele von uns sicher die hohe Militärpräsenz in Marokko, denn „die sind mit allen Ländern ringsum im Klinsch“, formuliert es Poerschke salopp und ergänzt: „Du merkst eigentlich nix davon, aber wenn dir ein Auto entgegenkommt, ist es eigentlich immer ein Militärfahrzeug.“
Landestypische Eigenheiten zu respektieren sollte für jeden Reisenden eine Selbstverständlichkeit sein. Darum hat Poerschke auch keine Moscheen fotografiert, ebenso wenig wie betende Gläubige. Auch die Drohne blieb zu Hause, denn die gilt in Marokko als Militärausrüstung. Ihr Besitz wird mit Gefängnis bestraft.
Von der Reise hat der Fiestafahrer nicht nur unauslöschliche Eindrücke, sondern auch eine ausgewachsene Erkältung mit heimgebracht. Die klappernde Achswelle des Fiesta hat tatsächlich bis nach Hause durchgehalten. Derzeit wird das Auto runderneuert, um frischen TÜV zu bekommen.
Und die wichtigste Erkenntnis der Wüsten-Rallye? Poerschke: „Das hab ich letztes Jahr bei der Nordkap-Tour auch schon rausgefunden: Reisen ist das Beste gegen Vorurteile!“ Und: „Was ab jetzt auf jede Reise mitkimmt, is so a kloans Marmeladenglas voll mit Schmierfett für Achse, Radlager und Co.“
 
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