. .
Salzachbrücke

Immer der Nase nach

Ob es himmlisch duftet oder zum Himmel stinkt – Gerüche gehen uns direkt aufs Gemüt. Wir können weder die Nase zu machen noch Gerüche einfach ausschalten. Achtsamkeit auf ein gefälliges Geruchsklima zu Hause bringt mehr Lebensqualität.

Mag. Thomas Haas

Wer kennt nicht jene Momente, da beim Betreten eines Hauses der Kindheit in der Sekunde alles wieder gegenwärtig ist: Erinnerungen an die allmorgendliche Linoleum-Brise in der Volksschule, an den leicht triefenden Dunst mit einer Note zwischen Bauernkrapfen und Fischstäbchen bei der Oma oder an den morbiden Hauch von Staub und altem Papier in der Bibliothek. Gerüche prägen sich in unser Gedächtnis wie eine unauslöschliche Gravur. So selbstverständlich wir aber anderen Gebäuden und Wohnungen ihre je unverwechselbare Duft-Kennung zuordnen, so leicht gewöhnen wir uns an jene der eigenen Wohnung, des eigenen Hauses. Ohne lange darüber zu sinnieren würden wohl die meisten Menschen vom eigenen Zuhause angeben, dass es weitgehend geruchsneutral sei: „Also, bei uns riecht es eigentlich meistens ganz normal!“
Die unbewusste Akzeptanz der gängigen Geruchsmixtur im eigenen Wohnumfeld hat vielleicht die Schutzfunktion, die eine oder andere eher unliebsame Duftnote nicht permanent als störend zu empfinden. Andererseits könnte durch die Gewöhnung natürlich auch ein unangenehmer Geruch übersehen werden, der eigentlich eine Zeigerfunktion für einen schleichenden Schaden oder einen anderen Missstand hätte. Auf diese Weise können Geruchsbelästigungen unter Umständen so lange ignoriert werden, bis sie sich zu handfesten Belastungen auswachsen; der Kampf gegen die Ursachen bzw. Quellen von Gestank im Haus wird freilich nicht gerade leichter, wenn dieser erst einmal unüberriechbare Ausmaße angenommen hat. Wird aber ein Geruch als störend bis unerträglich dort wahrgenommen, wo man ihm nicht wirklich ausweichen kann, dann muss er ehestmöglich an der Quelle beseitigt werden. Die negativen Auswirkungen auf das seelische und mitunter auch körperliche Wohlbefinden gestatten kein dauerhaftes Ignorieren solcher Beleidigungen unserer Nasen.

WONACH RIECHT’S HIER?
Farbspektrum und Tonleiter kennen wir von Kindheit an als Ordnungsrahmen für das, was wir mit Aug und Ohr wahrnehmen. Im Werkunterricht oder schon früher mittels speziell gestalteter Bilderbücher und Spiele lernen wir körperliche Dinge nach der Beschaffenheit ihrer Oberflächen einzuteilen. Zwar haben amerikanische Forscher vor einigen Jahren in aufwändigen Untersuchungen zehn Kategorien des Geruchs festgemacht: wohlriechend, holzig-harzig, fruchtig, chemisch, minzig, süß, Popcorn, Zitrone, beißend und faulig; zu einer allgemein anerkannten Einteilung konnten sich aber auch diese nicht etablieren. Über eine Billion Gerüche, die der Mensch angeblich unterscheiden kann, lassen sich kaum kategorisieren und meist auch nur unzulänglich beschreiben; dazu kommt ihr unterschiedliches Auftreten nach Intensität, Dauer oder Häufigkeit. Umso schwieriger kann sich auch die Suche nach der Ursache gestalten, wenn ein unangenehmer Geruch als störend wahrgenommen wird.
Zunächst muss es uns allerdings erst einmal auffallen, dass eine geruchsmäßige Veränderung eingetreten ist. Das fällt bei plötzlich und intensiv auftretenden Gerüchen leichter als bei schleichender, gleichsam stufenloser Umstellung des gewohnten Geruchsspektrums. Nach dem Urlaub oder längerer Abwesenheit stellt man noch am ehesten fest, dass es irgendwie komisch riecht; auch Hinweise von Besuchern können helfen, denen ein schlechter Geruch vielleicht wesentlich früher auffällt. Als erstes wird sich nach einer solchen Wahrnehmung die Frage stellen, auf welches Ereignis, welche Veränderung oder Entwicklung der letzten Zeit der schlechte Geruch zurückzuführen sein kann. Die Ursachen für Gerüche können entweder mikrobiologischer oder chemischer Natur sein. Je nachdem kommen im ersten Fall Verwesung, Pilze (Schimmel), Bakterien, Fäkalien oder schlichte Fäulnis durch Wasserschäden oder organisches Material in Frage; zu den chemischen Ausgangsstoffen zählen etwa Farben, Lacke und Lösungsmittel, Klebstoffe, Pflegemittel und Weichmacher oder auch ausgasende Baustoffe.

VIELE GERÜCHE – VIELE QUELLEN
Was auch immer dahintersteckt: solange die Ursache eines Gestanks nicht geklärt und beseitigt ist, kann diese durchaus auch Allergien und schwere Krankheiten auslösen. Manche Quellen lassen sich mehr oder weniger leicht bzw. intuitiv aufspüren. Andere Auslöser können Jahrzehnte zurückliegen, komplexen chemischen Reaktionen entspringen oder einfach sonst nicht dingfest zu machen sein. Die Wiederaufbau-Jahrzehnte hatten jeweils ihre typischen Bau-, Kunst- und Werkstoffe, deren einige sich erst im Nachhinein als schädlich herausstellten. Nach über fünfzig Jahren verbreiten bestimmte Kleber für Parkettböden immer noch einen teerig-muffigen Geruch. Muffig riechen auch mit bestimmten Mitteln der siebziger Jahre behandelte Holzbauelemente bei Feuchtigkeit. Nach Renovierungsarbeiten kann es zu vorübergehender Geruchsbelästigung kommen. Bleibt diese aber länger als zwei Monate bestehen, muss man wohl von einem Ausführungsmangel ausgehen; dabei genügt es etwa schon, dass zwei verschiedene Kleber ineinanderfließen.
Chemische Reaktionen können auch durch Gase entstehen, die von Kammerjägern eingesetzt werden. Das kann soweit gehen, dass die geruchsbildenden Prozesse in einer Mauertiefe stattfinden, bis zu der kein Mittel zur Neutralisierung eingebracht werden kann. Nach einer mehr als einjährigen, sehr kostspieligen Suche nach der Ursache eines nicht nachlassenden Gestanks nach faulen Eiern, mussten schließlich von sämtlichen Betonbauteilen eines Wohnhauses zehn Zentimeter abgeschremmt und mit Spritzbeton wieder aufgefüllt werden. Man ist jedenfalls gut beraten, einen professionellen „Schnüffler“ anzuheuern, wenn der Siphon bereits gereinigt ist, die Kellerschächte nach toten Mäusen durchsucht und die Wände auf Schimmel überprüft sind, und all diese eigenen Bemühungen erfolglos geblieben sind. Mit der nötigen Erfahrung und entsprechender Ausrüstung sollte ein Spezialist im Regelfall den Geruchs-Herd alsbald herausfinden. Erleichtern kann man diesem externen Helfer seine Aufgabe dadurch, dass man vor seinem Einsatz einige Zeit hindurch nicht lüftet, damit sich der inkriminierte Gestank auch richtig herzhaft manifestieren kann.

HIER STINKT’S!
Viele der lästigen Gerüche sind allerdings im wahrsten Sinn des Wortes hausgemacht und ohne weiteres selbst zu beheben oder zu vermeiden: Fäulnisprozesse und Schimmelbildung in Mistkübeln haben keine Chance, wenn die Abfälle möglichst trocken sind und allfällige Feuchtigkeit durch ein wenig Katzenstreu oder einen Eierkarton gebunden wird. Bei blutigen Fleischverpackungen und -resten hilft nur die rasche, luftdichte Entsorgung nach draußen. Auch für den Biomüll sind Zeitungsunterlage, Deckel und häufige Leerung anzuraten. Regelmäßige Durchsicht und Reinigung schützt auch im Kühlschrank vor Geruchsbildung; unerwünschte Gerüche werden durch eine kleine offene Schale mit Backpulver, Natron, Kaffeepulver oder geriebener Zitronenschale neutralisiert. Mitunter bildet sich auch ekelhafte Fäulnis im Auffangbehälter für Abtauwasser an der Rückseite des Kühlschrankes.
Kochgerüche lassen sich zunächst durch eine geschlossene Küchentür vom restlichen Wohnbereich fernhalten. Sollten sich dennoch lästige Frittier- oder ähnliche Dünste ausgebreitet haben, so überdeckt diese oft schon der Duft einer halbierten Wacholderbeere auf der Restwärme der Herdplatte.
Kurz-, Spar- und Ökoprogramme bei Waschmaschine und Geschirrspüler sind an sich sinnvoll; wird aber nicht von Zeit zu Zeit mit Temperaturen über 60 Grad gewaschen, können sich übelriechende Bakterienkulturen entwickeln.
Abgestandene Gerüche in alten Teppichen werden durch aufgestreutes Stärkemehl gebunden, das nach einer halben Stunde wieder aufgesaugt wird. Das Schlafzimmer behält eine angenehme Atmosphäre, wenn nach den Ausdünstungen der Nacht gleich am Morgen Frischluft hereingelassen wird; Decken und Polster sollten dabei vollständig aufgedeckt werden, damit auch ihre Unterseite und die komplette Liegefläche gut belüftet werden.
Einige schlechte Gerüche lassen sich unschwer zuordnen: Der klassische Kloaken-Gestank entstammt nahezu ausschließlich dem Kanal- bzw. Wasserabflusssystem; regelmäßiges, bei Langhaar-Aufkommen entsprechend häufigeres Entleeren der Siphone unter Waschbecken und Wanne sowie eines allfällig vorhandenen Gullys im Badezimmerboden beugt Verstopfungen und dem Rückschlag von Fäulnisgeruch vor. Exkremente oder gar verwesende Reste von Schädlingen wie vor allem Mäusen lassen sich meist schnell zuordnen und auch orten. Schwierig wird es allerdings, wenn Geruch und Ursache so gar nichts miteinander zu tun haben: So riecht der lästige Hausschwamm durchaus angenehm nach Waldpilzen und nasse Dämmwolle kann ziemlich „fischeln“. Wenn nicht gerade draußen unbehandelte Gülle aufgebracht wird, sind schlechte Gerüche in der Regel Zeiger für irgendeine Störung im Haus, der man jedenfalls nachgehen sollte. Bloßes Überblenden dieser Gerüche durch einen Duft- und Aroma-Gegenangriff kann für die Schadensbehebung wertvolle Zeit kosten.

WIE DAS DUFTET!
Damit sind wir aber endlich auf der angenehmeren Seite der Gerüche angekommen. Die Raumduftindustrie hat in den vergangenen Jahrzehnten ungeahnte Zuwächse erfahren. Immer exotischere Duftmischungen werden auf immer abenteuerlichere Art und Weise in unsere Wohnräume gesprüht, verdampft, verbrannt oder verdunstet. Trägermaterial all dieser Aromabomben sind meist ätherische Öle, die freilich vorwiegend mit synthetisch hergestellten Duftnoten aus dem Labor angereichert werden. Welche Chemikalien bei deren Anwendung zusätzlich zu den die Schleimhäute reizenden Ölen in unsere Atemluft gelangen, ist im Detail noch gar nicht erschöpfend erforscht. Es ist aber unschwer nachzuvollziehen, dass Menschen, die sich regelmäßig und lange in künstlich bedufteten Räumen aufhalten, für Allergien und Atemwegserkrankungen anfälliger werden können. Die möglichen Schäden durch diese kleinen Partikel für den gesamten Organismus und vor allem für das Gehirn sind bei weitem noch nicht abgeklärt.
Ob nun Vanille-Duftkerzen brennen, aus Duftdiffusern oder -Sprays Lavendel und Tannengrün im Raum verbreitet werden, ob die Sandelholz-Schwaden vom Räucherstäbchen aufsteigen oder der Ölteppich am Dufthäuschen exotisch verdampft: Duftartikel sonder Zahl füllen die Regale vom Supermarkt bis zum Esoterik-Fachgeschäft. Mit Maß und Ziel eingesetzt lassen sich damit bestimmte Anlässe auch sicher passend und stimmungsvoll unterlegen. Für den Dauereinsatz empfehlen sich aus Gesundheitsgründen aber doch eher die vielen natürlichen Methoden, um in der eigenen Wohnung ein angenehmes Geruchsklima zu erhalten. Das fängt bei Essig oder Zitrone im Wischwasser an und alle paar Wochen einem Schuss EM (effektive Mikroorganismen); Zimmerpflanzen und frische Blumen sorgen für eine angenehme Luft; Stoffbeutelchen mit Lavendel oder anderen getrockneten Blumen und Kräutern geben sehr lange und dezent einen angenehmen Geruch ab; Schalen von Orangen und Zitronen am Ofen, auf Heizkörpern oder kleingeschnitten in der Aluschale am Stöfchen verbreiten in kürzester Zeit einen guten und erfrischenden Geruch…
Damit Geruchsbelästigungen nicht zur Last werden, müssen wir wieder mehr auf unsere Nase hören und rechtzeitig bzw. im besten Fall vorbeugend für ein angenehmes und erquickendes Geruchsumfeld sorgen, ohne dieses freilich aromatisch zu überlasten. Dadurch leisten wir einen maßlos unterschätzten Beitrag zu einer positiven Grundstimmung und unserem allgemeinen Wohlbefinden.
 
Werbung