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Salzachbrücke

Ein Hauch von Ewigkeit - die Huckingerseen im Weilhartsforst

Veit hieß der grausame Ritter, einst Burgherr im heutigen Huckingermoos und ein Hüne von Gestalt; mit neun Fuß (gut zweieinhalb Meter) Körpergröße und ungeheurer Kraft verbreitete er schon mit seinem bloßen Auftreten Angst und Schrecken. Um seine Gegner bei einem Turnier einzuschüchtern, soll er eine sehr alte, tief verwurzelte Eiche unweit seiner Burg mit bloßen Händen ausgerissen und etwas weiter in der Nähe der heutigen Ortschaft Haid wieder eingesetzt haben. Bis heute soll der mehr als tausendjährige Baum dort zu sehen sein, der mächtigste weit und breit, aber vollkommen ausgebrannt, da jedes Wetter in ihn einschlagen soll…

Gleichgültig von welcher Seite man sich dem Huckingersee auch nähert, immer taucht er unerwartet auf. Abseits der Forststraßen geht es auf einem verschlungenen Fußpfad durch den Mischwald. Weite Blickachsen weichen hier dem frischen Unterholz, gestürzten Baumriesen, mächtigen Totholz-Skulpturen und einer diesem Winkel des Weilhartsforstes eigenen lebhaften Topographie; da steigt der Weg schon einmal jäh an, um irgendwann wieder zur plötzlich ins Blickfeld rückenden Wasserfläche hin abzufallen. Einem schwarzen Spiegel gleich, scheint der Huckingersee ein unheimliches Geheimnis zu bewahren. Rätsel- und zauberhaft verschwimmt da und dort die Grenze zwischen Wasser und Wald. Windstill, schattig und ruhig entrückt dieses zeitlose Urbild den Besucher zu den Quellen des Seins. Das Aufflattern eines Entenpaares aus dem überhängenden Geäst – zunächst nur als aufgeschrecktes Flügelschlagen die Stille zerreißend – zaubert in Bruchteilen einer Sekunde Bilder von Drachen oder dem sagenhaften Vogel Roch vor das innere Auge, ehe das herrliche Flugwild in gemessenem Abstand zum Wasserspiegel den See überquert.

Ein Wüstling war der Veit und kein Weiberrock vor ihm sicher. So manche Frau verschwand plötzlich spurlos in den Sümpfen. Das Jammern und Klagen der unglücklichen Seelen sei vor allem in den Losnächten zu hören gewesen; doch keiner wagte es, sich auf die Suche zu machen, um sie zu erlösen und ihre Leiber in geweihte Erde zu betten. Als Veit sich aber der holdseligen Mechthilde näherte, der gottesfürchtigen Ehefrau seines neuen Falkenwärters, da sollte sich sein Schicksal erfüllen und sein ruchloses Verhalten gesühnt werden…

Nach Norden hin wird das SALZACHbrücken-Land rechts der Salzach vom ca. 70 km2 großen Weilhartsforst begrenzt. Wildschweine, Hirsche, Auerhahn und Birkhuhn waren hier vordem ebenso heimisch, wie eine auch sonst üppige und vielfältige Fauna und Flora. Jahrzehnte des Schadstoffeintrags von der nahen Chemieindustrie in Burghausen und einer intensiven Fichten-Monokultur-Bewirtschaftung auf den mehr als zwei Dritteln Waldfläche der Familie Castell aus Hochburg hinterließen ihre Spuren. Dass der riesige Wirtschaftswald innen von Fahr- und Rückeschneisen durchzogen und mit Schlägerungsmaschinen gleichsam industriell betrieben wird, bleibt dem Außenstehenden dank der extensiven, bäuerlichen Bewirtschaftung der Randflächen gnädig verborgen. Umso abwechslungsreicher und erquickender laden gerade diese Randbereiche zu Spaziergängen, Naturerlebnissen und manch überraschender Erkenntnis.

Einst zogen der Veit und seine Dienstmannen zur Jagd auf Elentiere aus – dazumal waren im Weilhartsforst sogar noch Elche heimisch. In sündiger Begier kehrte der unselige Ritter unvermittelt alleine zur Burg zurück, die schöne Mechthilde bar jeden Schutzes durch ihren Gatten wissend. Dieselbe kniete tatsächlich allein in der Burgkapelle beim Gebet, als Veit eintrat, die Tür verschloss und mit ungebührlichen Anträgen an das ehrbare Weib herantrat. Blankes Entsetzen erfasste die fromme Mechthilde, als sie sich dem wüsten Begehren ihres riesenhaften Burgherrn wehrlos ausgeliefert sah…

Den hier vorgestellten Huckinger Seen kann man sich aus mehreren Richtungen kommend nähern. www.nachrichten.at beschreibt (in umgekehrter Richtung) eine mittlere Waldwanderung vom Holzöstersee über Hehermoos Richtung Norden über die Hauptstraße hinweg in den Wald hinein und die Pongatalstraße entlang bis zur Rauher-Poschen-Forststraße, auf deren linken Seite alsbald der kleinste der drei Huckingerseen liegt. Zweigt man hier links ab, gelangt man über den mittleren schließlich bis zum eigentlichen Huckingersee. Wer keine drei bis vier Stunden investieren möchte, kann auch von der Mühlen Bezirksstraße zwischen Geretsberg und Ernsting nach Fucking abzweigen, dort gleich nach der Ortstafel rechts ab und – teilweise durch den Wald – etwa zweieinhalb Kilometer weit fahren; ca. 200 Meter nach dem alten Forsthaus zweigt beim gelben Schild „Huckinger See“ rechts ein Forstweg in den Wald ab, über den man bereits nach weiteren zwei- bis dreihundert Metern rechter Hand zum Huckingersee gelangt.

In höchster Not und Bedrängnis flehte Mechthilde zu Gott um Hilfe: Die schändliche Entehrung des heiligen Ortes und die rohe Missachtung ihres tugendhaften Charakters möge der Herr nicht zulassen; ehe der gottlose Veit sie mit derber Gewalt in einen Akt der Sünde nötige, würde sie lieber am Grunde des Huckingersees begraben liegen! Und siehe da: Als die Leute Veits aus dem Walde heimkehrten, nachdem sie ein schreckliches Krachen vernommen hatten, da fanden sie anstelle der Burg nur noch einen Sumpf. Heute noch wird diese Gegend das Elend genannt…

Fließgewässer kommen im Weilhartsforst praktisch nicht vor. Das aus dem Filzmoos stammende Bächlein, das den Huckingersee, den Kleinen See und den Rauen Boschen, wie sie alle drei korrekt heißen, speist, stellt somit eine seltene Ausnahme dar. Gebildet hat sich diese Gewässerkonstellation in einer kleinen Abflussrinne aus der Würmeiszeit – im Volksmund auch Wald- oder wilder Graben genannt, der sogar von der „Wilden Jagd“, einer rastlosen Schar von Geistern, aufgesucht worden sein soll; war dort nach einem Todesfall Jammern und Winseln zu vernehmen, so ging man von einem Hinscheiden unter schlechten Umständen aus. Auch die Geschichte vom Huckinger Weiberl geht wohl auf diese so verwunschen anmutende Schneise mit den drei gespenstisch ruhigen Seen zurück. Seine maximal zwei Meter Tiefe, der Endmoränenschotter ab einem Meter, die schattige und eben windgeschützte Lage, die deshalb nicht vorhandenen Wasserpflanzen und nicht zuletzt die auf Grund der organischen Einträge aus dem Wald ringsum unheimlich dunkle Färbung des Wassers, verleihen vor allem dem Huckingersee seine einmalige und märchenhafte Ausstrahlung.

Mechthildes Bitte war also erfüllt worden. Und so liegt sie seither im Huckingersee begraben, während Veits Seele ruhelos im Moor umherwandert. Auf dass sich seine Schuld vermehre und diese Qual nicht ende, muss Veit dem nassen Huckinger Weiberl alle hundert Jahre einen unschuldigen Jüngling bringen. Vor etwa hundert Jahren fand man an der Leiche eines Forstmannes im Huckingersee keine Todesursache; davor soll es einen gewissen Veit Seppl erwischt haben, der einst im Frühjahr schon halb von den Fischen zerfressen mit den Füßen nach oben im Schilf entdeckt worden sei…

Wer sich lieber kundiger Leitung anvertraut, kann die Huckingerseen auch im Wege einer Naturführung oder Eselwanderung erkunden (jeweils mit diesen Begriffen im Netz zu finden!). Einmal in der Gegend unterwegs, lohnt es, sich eine Handvoll weiterer kleiner Sehenswürdigkeiten in der unmittelbaren Nähe nicht entgehen zu lassen: Vom Zahnwehkreuz an der Pongataler (Forst-)Straße war schon die Rede, unweit davon liegt der unscheinbare Krottensee. Verlässt man den Forst vom Huckingersee aus gen Südwesten, stößt man auf den  Pestfriedhof von Tarsdorf mit Kapelle; ca. 200 Menschen wurden dort im Wald ab 1714 in einem Massengrab beigesetzt. Den Wald schließlich hinter sich lassend, sollte noch etwas Zeit bleiben, die von Ortsansässigen im Stile eines Freilichtmuseums am Waldrand da und dort zur Schau gestellten historischen Gerätschaften aus Landwirtschaft oder Handwerk zu bestaunen. So lässt sich der Ausflug in eine weit zurückliegende, beinahe urtümliche Welt mit diesen Eindrücken auch am Heimweg noch abrunden.
 
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