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Salzachbrücke

Aus ganzem Herzen leben

Frau B. (77) bereut es, dass sie, nachdem ihre beiden Kinder von zu Hause ausgezogen waren, nicht noch einmal beruflich durchgestartet ist. Sie wagte ein Angebot aus Sorge zu scheitern nicht. Herr R. (81) wiederum hat sich mit seinem besten Freund nach einem Streit vor dessen Tod nicht mehr ausgesprochen. Das beschäftigt ihn nach vielen Jahren bis heute. Ein Gefühl der Schuld blieb zurück. Manchmal bleibt im Leben etwas offen. Wir schaffen es nicht, dem inneren Impuls, der Stimme des Herzens zu folgen. Ein unausgesprochener Dank. Ein Gefühl der Liebe. Ein nicht geschlossener Friede. Eine verpasste Chance. Eine zurückbehaltene Bitte um Vergebung.

Ein oft schmerzhafter Blick
Darauf zu blicken braucht Mut, denn es führt uns unsere eigene Fehlbarkeit, Begrenztheit vor Augen. Wir sehen, dass wir in Manchem scheiterten, an unsere Grenzen kamen. Wir enttäuschten vielleicht andere und wir enttäuschten uns vielleicht selber. Es rührt an Kummer, Stolz, Trauer, Kränkung, Scham, Reue und Schuld. Wozu hat man es im Leben gebracht? Was hat man erreicht? Stimmt die Bilanz, die man zieht?
Ein Resümee im Leben ziehen wir besonders dann, wenn sich Dinge im Leben wenden. Veränderung, Wandlung und Übergang, Abschiede werden davon gerne begleitet. Und je näher unser eigener Tod rückt, desto dringlicher wird diese Auseinandersetzung mit dem Ungelebten. Dabei gibt es eine Verknüpfung zwischen dem Ungelebten und dem Tod.
Irvin D. Yalom1 schreibt in seinen Memoiren: „... je größer das Gefühl von ungelebtem Leben, desto größer die Angst vor dem Tod.“ (2017, S. 382). Wer sich mit dem Ungelebten nicht auseinandersetzt, befeuert diese Angst und tut sich letztlich schwer, es gut sein zu lassen. Aber zuweilen beharren wir regelrecht darauf und lassen Ungelebtes nicht gehen und verlieren uns im Grübeln.
Dieses Ruminieren ist mühsam, quälend und schwächt unserer Resilienz. Um eine konstruktive Auseinandersetzung zu vermeiden, wird dieser innere Konflikt gerne nach außen verschoben oder er kann wiederum von Schuldgefühlen und Verbitterung begleitet, verdrängt zu einer depressiven Grundstimmung führen. Ruminieren hört erst dann auf, wenn wir uns von dem verabschieden, was nicht möglich war, nicht mehr möglich ist, denn andernfalls wird Entwicklung behindert.

Der Weg zur Aussöhnung
Um sich aussöhnen zu können, braucht es die Kompetenz des Ein- und Mitfühlens in sich und andere. Ebenso braucht es die Fähigkeit zur Selbstreflexion und eine Güte und Nachsicht in der Betrachtung der Dinge. Vielleicht verfügte man damals nicht über ausreichend Courage und den nötigen Glauben an sich. Möglicherweise hörte man zu sehr auf andere und nicht auf sich selbst. Vielleicht fehlten damals die zur Lösung nötigen Ressourcen. Durch Empathie und Perspektivenwechsel wird eine Neubewertung möglich, die den Weg zur Aussöhnung eröffnet.
Sich zu versöhnen und zu verzeihen löst Belastendes und Negatives auf und trennt uns von Misslichem. Es hilft Gefühle wie Verbitterung, Enttäuschung, den Wunsch nach Rache, empfundenen Hass etc. loszulassen. Es hilft mit Unveränderbarem, Unwiederbringlichem abschiedlich zu leben.

In keinem Leben gelingt alles
Der Blick auf das Ganze birgt dabei etwas Tröstliches in sich. Das erreichte, gelungene, geglückte Leben stärkt und zählt letztlich. Es kann Traurigkeit, Wut, Reue etc. über das Ungelebte abmildern helfen, mag Verbitterung abwenden. So manche Wünsche und Sehnsüchte müssen vielleicht auch unerfüllt bleiben. „Mensch sein heißt, sich einzuüben in seiner Begrenztheit“ (Funke2, 2015) und der Umgang damit bedeutet wiederum persönliche Reifung. Aber auch das bedarf einer Trauer. „Ich handelte so und nicht anders und damals mit den Möglichkeiten, die mir zur Verfügung standen.“ Das klingt doch anders als: „Hätte ich doch ...“. Dieser Abschied befreit, bringt Entlastung und eine Neuausrichtung kann beginnen. Und die eigene Endlichkeit hilft uns dabei zu spüren, was wichtig ist und wonach es uns sehnt.

Abschiedlich leben
Diese Lebensbilanz wartet auf uns alle und jeder hat dabei seinen eigenen Weg. So wie wir uns von Ungelebtem nicht nur verabschieden müssen, sondern auch dürfen, können wir diese Erfahrungen weitergeben und natürlich auch jene des gelungenen Lebens – das gibt Hoffnung. Zumal mit dem Vergeben und Verzeihen das eigene Wohlbefinden steigt und die Hoffnung, die daraus erwächst, ein wesentlicher Sinnstifter im Hier und Jetzt ist. Hoffnung entsteht auch dann, wenn wir das wahrnehmen und annehmen, was ist, was war und offen sind für das, was sein wird.
Tröstlich mag auch sein, dass sich ein Leben selten ganz nach Plan leben lässt und dass sich aber immer wieder neue Chancen und Optionen auftun, für die es gilt, offen zu sein und sich mutig aufzumachen. Und vermutlich gibt es sogar mehr Chancen und Optionen, als die, die wir in diesem Lebensmoment zu erkennen vermögen. So erweitert sich der Blick vom ungelebten Leben auf das noch zu lebende Leben, damit wir unserer Vorstellung von einem erfüllten Leben möglichst nahekommen, um das herauszuleben, um das zu werden, was wir in uns tragen.

Quellennachweis:
1 Yalom Irvin D. (2017). Wie man wird, was man ist. Memoiren eines Psychotherapeuten. Verlagsgruppe Random House GmbH, München;
 2 Funke G. (2015). „Lass mal gut sein“ befreit vom ständigen Erfolgsdruck; Salzburger Nachrichten vom 12.05.2015, https://www.pressreader.com/austria/salzburger-nachrichten/20150512/282071980473918
 
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