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Salzachbrücke

Damit Jammern nicht zur Gewohnheit wird

Wenn man Frau R. (81) fragt, wie es ihr geht, meint sie, dass ihr Blutdruck ständig schwanke, ihre Tochter öfter vorbeischauen könnte und das Essen hier im Seniorenheim lasse ohnehin zu wünschen übrig. Der Versuch ihres Gesprächspartners auch Positives einfließen zu lassen, schlägt fehl. Solche Gespräche dauern in der Regel nicht lange, weil sie anstrengend sind. Nachdem sich diese Gesprächskonstellationen aber mehrmals wiederholen, machen die anderen Bewohner mittlerweile zunehmend einen großen Bogen um sie: „Die jammert immer, das ist mir zu anstrengend“, hört man andere Bewohner sagen. So sitzt Frau R. zumeist alleine am Gang und bleibt in ihrem Jammertal.
Aber seien wir uns ehrlich. Kennen wir das bis zu einem gewissen Grad nicht alle. Im Grunde fände man doch laufend etwas, um sich zu beklagen oder zu beschweren. Denn einmal kommt der Bus nicht, dann hat jemand auf einen Termin vergessen oder weil man sich in der Eile den Kaffee über das Hemd geschüttet hat und die Zeitung vor der Haustür schon wieder weg ist. Gründe gäbe es also eigentlich immer, um sich über dieses oder jenes zu beklagen.

Jammern hilft nur kurzfristig
Das Jammern hat ein psychohygienisches Moment. Man kann sich befreien, teilt sich mit, holt sich bestenfalls Verständnis und noch viel besser Mitgefühl und bekommt Zuwendung. Und das tut natürlich auch gut. Nur das funktioniert nicht lange. Jammern hat mehrere Effekte. Man sollte es sich gut überlegen, wie viel Raum man ihm geben möchte. Denn Menschen, die anhaltend jammern, werden oft als anstrengend, sogar nervig wahrgenommen. Sie scheinen im Selbstmitleid zu versinken und sich als Opfer wahrzunehmen und lösen bei anderen Stress aus und zwar so sehr, dass sie schlimmstenfalls, wie Frau R., gemieden werden. Ergo – Jammern, Klagen, Nörgeln ist hie und da okay, aber nicht auf Dauer.

Jammern schadet
Was aber nun, wenn Jammern zur Gewohnheit geworden ist? So wie wir positive Sichtweisen entwickeln können, ist es natürlich auch möglich, unser Gehirn auf negativ zu trimmen. Wenn wir also negative Denkmodelle verwenden, wir laufend negative Gefühle haben und wir sie durch das Jammern regelrecht kultivieren, dann hinterlässt es im Gehirn Spuren. Das Gehirn gewöhnt sich schlichtweg daran, denn es arbeitet rationell. Es zieht dann negative Gedanken, weil oft verwendeten, dann sogar den positiven vor, da es einfacher ist. So bewegt man sich laufend in einer negativen Grundstimmung. Als würde sich die Wahrnehmung nahezu verzerren, wenn man viel jammert. Gelernt ist eben gelernt und was man kann, geht einfacher und passiert dann fast automatisch.
Aber dabei bleibt es nicht. Denn anhaltendes Jammern, das Verarbeiten negativer Emotionen, bedeutet Stress und der lässt letztlich sogar jenen Teil des Gehirns schrumpfen, der für das Gedächtnis zuständig ist. Na, bravo! Wessen Lebenskonzept also durch das Jammern bestimmt wird, riskiert demnach vergesslicher zu werden.

Raus aus der Jammerfalle
Es gilt den Fokus auf das Positive zu lenken, positiv zu denken und zu leben, um dieses Dauerjammern zu unterbrechen. Wem es gelingt, in seinem Leben trotz mancher Einschränkungen oder Veränderungen des Älterwerdens, Dankbarkeit zu entwickeln und ein positives Lebensgefühl über die Lebensspanne hinweg zu erhalten, kann diesen negativen Stress wieder reduzieren. Auch der Humor ist dabei ein hilfreiches Korrektiv.
Frau B. (79) und Herr A. (85) schaffen das gemeinsam ziemlich gut. Wenn sich die beiden treffen, ist die Versuchung groß über alle Beschwerden zu reden und was alles im Alltag nicht mehr klappt und in dieser negativen Spirale zu landen. Aber zumeist unterbricht einer der beiden den anderen, macht einen Witz und lacht. Eine große Portion Selbstironie ist dabei wichtig. Frau B. meinte neulich etwa schmunzelnd nach der ersten Klagerunde: „Schluss jetzt, ich will doch keine Jammerliese sein“, worauf ihr Herr A. lachend zustimmte und das Gespräch nahm einen anderen Verlauf.

Always look on the bright side of life
Hilfreich kann es zum Beispiel sein, sich ein Glas der Dankbarkeit zu machen. Alles, wofür man dankbar ist schreibt man auf kleine Zettel und gibt sie dann in das Glas. Es wird sich über die Zeit nach und nach füllen und der eigene Blick wird sich zudem sensibilisieren. Oder was wäre mit einem „Tagebuch der Dankbarkeit“ oder einem „Buch der kleinen und großen Freuden“. Und bei Bedarf lässt sich darin sehr gut stöbern, sollte man vergessen haben, was im eigenen Leben alles gut ist. Denn Positives behalten wir leider oft nicht so gut wie Negatives. Erinnerungshilfen sind also wichtig.
Und wenn man einem ewigen Jammerer begegnet, wie wäre es, ihn mit dem paradox provokanten Satz: „Es hätte ja noch schlimmer kommen können“, etwas abzuschwächen, denn da sind sie stets auf der positiven Seite. Auf das Gelingende zu blicken, ist sicher nicht immer einfach, aber man kann es üben. Denn Jammern hat letztlich nichts Positives, es kostet nur viel Kraft und nimmt uns Ressourcen. Es schadet uns und schränkt uns dabei ein, ein gutes Leben zu führen. Also, Schritt für Schritt raus aus der Komfortzone. Nur nicht festjammern, sondern ins Handeln kommen!
 
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